Vor einigen Tagen las ich eine Geschichte im Internet. Sie war so lala. Die Sätze holperten. Die Pointe war Murks. Ich dachte: „Diesen Mist kennst Du doch!“ Ich hatte ein Déjà-vu-Erlebnis und erschrak fürchterlich. Dann stellte ich fest: Der Mist war von mir. Daraufhin erschrak ich noch mehr.
Vielen Menschen geht das so. Womöglich sogar mit meinen Texten. Aber darüber will ich heute nicht schreiben. Mein Thema heute lautet: Erinnerungstäuschungen, auch bekannt als Déjà-vu. Das kommt aus dem Französischen und bedeutet soviel wie schon mal gesehen. Man kann Déjà-vus in ganz unterschiedlichen Situationen haben. Ich erinnere mich zum Beispiel wie ich neulich abends mit einem Freund in einer Bar saß. Ich meine, ich redete über die Metaphorik in der galanten Lyrik des Spätbarock, er hörte zu. Dann gefror die Szene vor meinem inneren Auge. Ich stand plötzlich neben mir und hatte das Gefühl, das alles schon einmal erlebt zu haben: die Anordnung der Gläser auf dem Tisch, die Menschen im Hintergrund, das Blut im Ohr meines Freundes, der Kellner, der fragt, ob alles in Ordnung sei.
Ich habe ein paar Artikel über Déjà-vus gelesen. Haben Sie gewusst, dass derzeit rund 30 Theorien zur Entstehung dieses Phänomens existieren? Die Artikel zitieren viele wissenschaftliche Untersuchungen. Zum Beispiel die der französischen Autoren Marc Tadie und seines Bruders Jean-Yves. Der eine ist Direktor eines neurochirurgischen Universitätsinstituts, der andere Literaturprofessor. Die beiden haben ein Buch geschrieben, es heißt: „Im Gedächtnispalast“. Darin sagen sie, dass es charakteristisch für Déjà-vu-Erlebnisse sei, dass man einen Augenblick sicher ist, die Situation erlebt zu haben. Aber man erinnert sich nicht mehr an den Zeitpunkt. Ich fand das für einen Direktor eines neurochirurgischen Universitätsinstitut und einen Literaturprofessor ziemlich banal. Ich las einen anderen Artikel. Darin vermutete der Autor, dass das Déjà-vu-Gefühl von einem neurochemischen Vorgang im Gehirn ausgelöst wird. Das Oberstübchen spielt einem dann einen Streich. Man steckt in einer Situation und fühlt sich komisch. Daraufhin ordnen die grauen Zellen dem Gefühl eine alte Erinnerung zu. Und – zack – schon erkennt man sie fälschlicherweise als etwas wieder, was man bereits erlebt hat. Männer sagen dann zum Beispiel Sätze wie „Kenn ich Sie nicht von irgendwo her?“
Die Psychologen sagen, es könnte aber auch sein, dass man beim Déjà-vu nur ein Fragment erinnert, das beim ersten Mal nicht vollständig erfasst wurde. Also erinnerte Bruchstücke aus der Vergangenheit, die man mit der Gegenwart falsch verknüpft und so wiederholt. Etwa ein bestimmter Ort. Ein bestimmter Geruch. Oder ein bestimmter Satz. Oder ein bestimmter Satz.
Interessant daran finde ich, dass etwa 60 Prozent der Bevölkerung bereits ein Déjà-vu hatten. Höher gebildete haben sie angeblich häufiger. Patienten der Psychiatrie allerdings auch. Manche Menschen erleben dann eine Endlosschleife zahlloser Wiederholungen. Ganz ohne dritte Programme. Mit dem Alter werden diese Wahrnehmungsstörungen jedoch seltener. Dazu fällt mir ein, dass die Deutschen eine alternde Gesellschaft sind. Wir sterben aus, sagen die Demographen. Sicher glauben Sie jetzt, auch das schon einmal gehört zu haben. Das ist aber kein Déjà-vu. Das ist nur Frank Schirrmacher.
Außerdem ist es eine lausige Pointe. Allenfalls so lala. Ich bin darüber auch gerade erschrocken.







TorstenLuttmann
Sehr schöner Artikel, lustig und interessant geschrieben! Ich habe solche Erlebnisse auch des Öfteren. Woran das nun liegen mag? Ich weiß es nicht und vermag es auch nicht zu behaupten! ;-)
Pi
Sie haben wohl einen fröhlichen Tag?
- Sehr schöner und lustiger Artikel
Alexander Benker
Wunderbarer Artikel – weil solche Beiträge hier auch gelegentlich kommen liebe ich diesen Blog so sehr :-)
Jochen Mai
@Torsten: Danke.
@Pi: Es war ein fröhlicher Abend als ich das schrieb… Aber danke.
@Alexander: Ebenfalls: Danke! Nur weil ich hier dauernd über Karriere schreibe, heißt das ja nicht, dass ich mich ausschließlich dafür interessiere… :)
Kerstin Hoffmann
Witzige Einleitung. Ich hatte das vor Jahren mal mit einem Radiobeitrag. Sowohl die Inhalte als auch die Stimme kamen mir irgendwie bekannt vor. Ich habe fast den ganzen Beitrag lang gebraucht, um festzustellen, dass er von mir war. :)
Menachem
Auch ich mag das Thema deja-vu, hatte früher etwas esoterisches für mich. Zumindest ist das eine Erklärung, auch wenn es nichts erklärt. Ich finde die Erklärungstheorien auch immer wieder interessant und ja, richtig kreaitv. Aber das fällt mir auch auf, mit dem Alter werden sie zunehmend weniger.
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