Es könnte ein Zeichen von Nähe sein – oder eines von gefährlicher Naivität. Jeder vierte Angestellte ist mit seinem Chef auf Facebook befreundet, in Deutschland jeder Fünfte (19 Prozent), so das Ergebnis einer Umfrage des IT-Dienstleisters AVG Internetsecurity unter 4400 Beschäftigten in elf Ländern. Verglichen mit anderen europäischen Ländern liegt Deutschland damit eher am unteren Rand: in England und Spanien ist es knapp jeder Dritte (30 Prozent), in Italien sind es sogar 33 Prozent (ebenso wie in den USA). Nur die Franzosen scheinen besonders vorsichtig: 8 Prozent. Das Problem dabei: Die meisten nutzen dabei keinerlei Filter, heißt: Der Chef kann alles mitlesen.
Rund 51 Prozent setzen keinerlei Filterfunktionen ein, also unterschiedliche Kategorien von Freunden, die festlegen, wer welchen Post sieht und welchen nicht. Immerhin: Die Deutschen Facebook-Nutzer gehören damit noch zu den eher vorsichtigen Freunden (siehe Grafiken unten). In den USA etwa darf der Boss bei 59 Prozent der Nutzer alles mitlesen, in England sogar bei zwei Dritteln (66 Prozent), bei den Japanern sind es sogar 73 Prozent. Autsch!
Denn auch das wurde gefragt: Hatten Sie schon mal einen schlechten Arbeitstag und haben Sie dazu etwas gepostet?
Und tatsächlich: 15 Prozent der deutschen Angestellten ließen sich zu einer solchen emotionalen Ventilation hinreißen. Typisch südländisches Temperament: Bei den Spaniern waren es 16 Prozent, bei den Italienern sogar 18 Prozent.
Wer ist mit dem Chef befreundet?

Hier liest der Boss alles mit:

Wer hat auf Facebook über den Job geschimpft?

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Dirk
Und das ist ein Problem, weil Chefs per se angestelltenfressende Monster mit ausgeprägter Paranoia und Hang zum Stalken sind, während Angestellte hedonistische Meckerbolzen ohne Feingefühl oder gar Verstand sind, die hirnlos auf Facebook posten?
Jochen Mai
Wenn man jetzt einfach mal die recht überschaubare Rhetorik dieser Frage ausblendet und sich wieder den reinen Fakten zuwendet, dabei beachtet, dass 15% schon mal auf Facebook lautstark über ihren Job, Boss und Unternehmen meckern (dritte Grafik) und der Chef das alles mitlesen kann – ja, dann kann das zum Problem werden. Oder mal zurückgefragt: Glaubst du der Chef wird dich gerne befördern und ganz doll offen für eine Gehaltserhöhung sein, wenn du 2 Tage davor gepostet hast: “Mein Job ödet mich an.”?
Dirk
Ich habe jetzt natürlich die Studie im Orginal nicht gelesen, aber anhand der Infografiken geht ja nicht hervor, dass die Leute, die keine Filterfunktion haben UND mit dem Chef befreundet sind, eine Schnittmenge mit denen haben, die über ihren Job schimpfen. Vielleicht bin ich auch etwas naiv, wenn ich den allermeisten Menschen im Jahre 2012 doch etwas Medienkompetenz zutraue.
Jochen Mai
Man muss dazu auch nicht die Studie lesen, denn es sind ja in allen drei Grafiken dieselben Befragten. Und von denen sind 20% mit dem Chef befreundet, bei 51% liest der alles mit (also so bei rund 10%) und von allen haben schon mal 15% etwas Negatives über den Boss und das Unternehmen auf Facebook geäußert. Und für die ist das ein Problem.
Ich traue vielen Menschen ebenfalls Medienkompetenz zu. Aber die Zahlen sagen klar: Einige besitzen sie definitiv nicht.
Dirk
Das stimmt auch so nicht. Allein anhand dieser Zahlen muss kein einziger Mensch, der mit seinem Chef befreundet ist und keine Filtermechanismen benutzt, irgendwann mal etwas negatives über seinen Chef gesagt haben. Natürlich ist das schon mal vorgekommen, wäre ja absurd zu sagen, das gäbe es nicht. Aber die Zahlen an sich sagen erstaunlich wenig aus, sie zeigen nur, dass man mit Prozentzahlen und Statistiken auch ein Schreckensszenario konstruieren kann, eben a la 10% aller Angestellten posten negativ über den Job, lesbar für den Chef, obwohl der reale Wert irgendwo zwischen 0-10% liegt.
Jochen Mai
Nö, das stimmt nicht. Denn genauso könnte ich dir Verharmlosung vorwerfen. Die Zahlen sagen – und das sehr deutlich, dass es (noch immer) einige Menschen gibt, die Facebook in einer jobgefährdenden Weise nutzen. Und das sind eben nicht wenige. Selbst 1 Prozent sind bei 40 Millionen Erwerbstätigen von denen statistisch mindestens zwei Drittel einen Facebook-Account haben rein rechnerisch immer noch 268.000 Menschen. Und es bleibt ja nicht auf Facebook beschränkt. Wer sich dort so naiv bewegt tut es anderswo genauso. Gönn dir den Spaß und gibt bei Twitter Search die Begriffe “Chef” und “Arschloch” ein…
https://twitter.com/search?q=chef%20arschloch&src=typd
Viel Spaß bei der Lektüre! Und das ist nur eine von diversen Wortkombinationen (funktioniert auch mit “blaumachen”, “Kollegen”, “Schwein”, “Job”, “Scheiße”). Und dann reden wir noch mal über Medienkompetenz oder Schreckensszenarien…
Dirk
Jochen, ich will ja gar nicht zanken. Will man es allerdings statistisch mit wissenschaftlichen Anspruch begründen, dann muss das auch alles Hand und Fuß haben. Hat diese Studie nicht. Selbst wenn sie konkret ausgeführt worden wäre, lässt sie die Beziehungskomponente einfach außen vor. Wieviele Menschen sind denn zum Beispiel einfach wirklich mit ihrem Chef befreundet – und das nicht nur im neudeutschen Facebook-Sinne? Anekdotische Betrachtungen, wie eine twitter-Suche sind unterhaltsam, und ebenso nichtssagend, zwischen favstar-Comedians und anonymen Accounts die relevanten herauszufinden, abgesehen davon, dass twitterer in Deutschland alles adnere als eine repräsentative Gruppe…puh.
Natürlich gibt es Menschen, die Facebook oder twitter jobschädigend nutzen, es gibt auch Menschen, die in der Cafetaria ihrem Kollegen gesagt haben, der Chef ist ein Eierloch, was der dann gepetzt bekam oder gleich selber in der Reihe dahinterstand – schon immer. Selbstverständlich bekommt das immer wieder im Netz eine neue Qualität, genau wie Mobbing, etc, weil es persistent ist und so weiter. Ich finde einfach, in diesem Artikel hätte ich noch ein anderer Ton gepasst, und deswegen haben ich meinen Senf draufgedrückt. No Offense!
Jochen Mai
Aber Dirk, kein Mensch hat hier was von wissenschaftlichem Anspruch geschrieben. Das ist eine ganz normale Umfrage – und die Meldung dazu.
Worauf willst du also wirklich hinaus?
Wir sind uns beide einig, dass es noch immer Menschen gibt, die mit diesen Medien nicht umgehen können und sie in gefährlicher Weise nutzen. Die Beweise mögen hier wie da anekdotisch sein, aber sie sind evident. Und Umfragen wie diese (es ist ja nicht die einzige ihrer Art) unterstreichen das noch einmal. Was also wäre der angemessene Ton gewesen (davon abgesehen, dass ein mehr als suggestiv-polemischer Erstkommentar für sich nicht wirklich beanspruchen kann, “nicht offensiv” gewesen zu sein. Sachlichkeit sieht in meinen Augen anders aus)? Den Menschen sagen: Hey, alles im Lack, macht weiter so! Wird schon gut gehen! Oder eben noch einmal deutlich machen, dass es gefährlich bis naiv ist, den Chef oder die Kollegen wirklich alles mitlesen zu lassen? Wozu gibt es schließlich Filter?!
Dirk
Ok, korrekt. Den wissenschaftliche Anspruch habe ich, sonst kann ich halt auch die B*ldzeitung lesen, und eine Umfrage ist keine Studie, da war mein Anspruch wohl nicht angebracht. Und mein erster Kommentar zielte ganz genau auf die fehlende Beziehungsebene in der ganzen Betrachtung ab, wenngleich ich Dir recht gebe und ein anderer Tonfall zum Diskussionseinstieg vielleicht angebracht gewesen wäre. Dieses “Nochmal auf die Gefahren aufmerksam machen”, was wir ja in den deutschen Medien eigentlich schon zur Genüge haben, das, wenn es einfach ohne die zweite Seite der Medaille betrachet wird, das stößt mir auch. Tatsächlich könnte ich aus dem Ergebnis, dass 24% der Deutschen auf Facebook mit dem Chef befreundet sind, auch was anderes herauslesen, wenn ich das möchte.
Jochen Mai
Ja, natürlich kannst du da auch was anderes draus lesen. Das bleibt ja jedem Leser – von welcher Publikation auch immer – sowieso stets überlassen, was er aus der Information macht oder wie er diese interpretiert. Ich nehme diese eben zum Anlass, noch einmal auf die Gefahren hinzuweisen. Denn selbst 10% sind mir 10% zu viel. Wenn du dann lieber auf die 90% fokussierst, ist das auch ok. Aber beide Zahlen sind Teil derselben Medaille und nur eine Seite kann gerade oben liegen (metaphorisch gesprochen).
Du brauchst dir den Schuh ja nicht anziehen, so wie wir hier ja logischerweise auch nicht die persönliche Karrierebibel für Dirk schreiben. Bei den inzwischen 5000 Artikeln werden wohl ein paar dabei sein, wo du sagst: “Aha, das wusste ich noch nicht!” Und andere, bei denen du denkst: “Aaaaalt!” Das dürfte vielen Lesern so gehen – nur mit gänzlich unterschiedlichen Artikeln. Und wenn speziell dieser Artikel den einen oder anderen heute daran erinnert, noch mal seine Facebook-Filter zu checken, dann hat er nicht nur informiert, sondern einen guten Dienst erwiesen. Just fine for me.
Christian Ruland
Facebook ist die Zukunft !
Jochen Mai
Glaub ich nicht.