Ein Gastbeitrag von Alltagsforschung-Autor Daniel Rettig

Lässt sich vom Charakter eines Angestellten auf dessen Arbeitsleistung schließen?

Sie würden die Frage vermutlich sofort bejahen. Und irgendwie wirkt es ja auch plausibel: Wer strebsam ist, ehrgeizig und fleißig, der wird vermutlich auch einen guten Job machen. In der Psychologie jedoch werden Persönlichkeiten allerdings anders, an den sogenannten Big Five beurteilt. Also jenen fünf Charaktereigenschaften, die einen Menschen vor allem prägen: Neurotizismus, Extraversion, Offenheit, Verträglichkeit, Gewissenhaftigkeit. Und das wirft wiederum die Frage auf: Welches dieser fünf Merkmale ist ein guter Indikator für einen guten Mitarbeiter?

Wade Rowatt von der amerikanischen Baylor Universität interessierte die Eingangsfrage ebenfalls. Bisherige Forschungsarbeiten hatten in diesem Zusammenhang festgestellt, dass vor allem Gewissenhaftigkeit ein guter Indikator für spätere gute Leistungen sei, was auch leicht nachvollziehbar ist. Rowatt jedoch konzentrierte sich in seiner Untersuchung (PDF) auf zwei andere Eigenschaften, die nicht zu den Big Five gehören: Ehrlichkeit und Demut.

Dass Mitarbeiter ehrlich sein sollten, lässt sich leicht nachvollziehen. Aber warum ausgerechnet spielt Demut eine Rolle?

Rowatt gibt selbst zu, dass diese Eigenschaft bisher kaum untersucht wurde, er hält sie aber dennoch für wichtig. Denn dazu gehöre auch die Fähigkeit, seine Grenzen anzuerkennen, Ratschläge von anderen anzunehmen, sich selbst nicht zu wichtig zu nehmen und andere wertzuschätzen. Also Vieles von dem, was man heute als Soziale Kompetenz bezeichnen würde und was das Betriebsklima nachhaltig verbessert.

Rowatt befragte für die Studie 269 Beschäftigte aus 25 Unternehmen. Im Schnitt waren die Teilnehmer 38 Jahre alt und hatten etwa acht Jahre Berufserfahrung. Dazu ließ Rowatt sowohl die Angestellten als auch deren Vorgesetzte verschiedene Fragenbögen ausfüllen. Und tatsächlich: Bei der anschließenden Auswertung zeigte sich, dass jene Mitarbeiter, die sich selbst als ehrlich und demütig einstuften, deutlich öfter als Leistungsträger von ihren Chefs eingestuft wurden. Sie galten nicht nur als ausgesprochen fleißig, sondern auch als fair und lauter im Umgang sowie weniger neidisch bis bescheiden. “Unsere Studien zeigen, dass auf die Eigenschaften Ehrlichkeit und Demut etwa bei Bewerbungsgesprächen viel stärker geachtet werden sollte als bisher”, sagt Rowatt.