Deutschland trauert kollektiv. Mit Robert Enke, mehr aber noch mit den Hinterbliebenen. Selten hat ein tragischer Freitod wie dieser so viele Menschen berührt, bewegt und emotional aufgewühlt wie dieser. Womöglich liegt das auch daran, dass sich viele Trauernden insgeheim ein kleines bisschen hineinversetzen können, wie es Robert Enke gegangen sein muss. Verstehen Sie mich nicht falsch: Keiner, der nicht selbst an Depressionen erkrankt ist oder war, kann wirklich begreifen, was dann in einem Menschen passiert (Ich habe selbst so einen Fall in der Familie). Aber in dem Zusammenhang wird immer wieder vom Druck gesprochen, der im Leistungssport herrscht. Von dem Funktionierenmüssen und dem Diktat, bloß keine Schwächen zu zeigen – schon gar keine psychischen. Andernfalls gilt man als Weichei oder als „Deislerin“.
Den steigenden Leistungsdruck, das ewige Funktionierenmüssen – das spüren längst auch jene, die keine Berufssportler sind. Sie spüren es seit Jahren – im Büro, auf dem Arbeitsmarkt, manche vielleicht sogar zuhause in ihrer Partnerschaft. Gewiss, nicht alle wählen einen so finalen Ausweg, aber sie kennen den Stress, die Ohnmacht und die Verzweiflung, die mit der zunehmend rauer werdenden Wirtschaftswelt, den seit Jahren anhaltenden Einsparungs- und Entlassungswellen einhergehen.
Insofern (aber auch nur insofern) ist es gut, dass das Tabuthema Depressionen nun hoch kocht. Dass sich Leitartikler, Politiker und Manager darüber Gedanken machen. Dass gesellschaftlich offen darüber diskutiert wird, dass es Limits gibt und geben muss, dass der Mensch eben keine Maschine ist, die funktionieren muss (sondern allenfalls kann) und deren Leistung nicht beliebig steigerbar ist.
Ich will an dieser Stelle gar nicht wiederholen, was andere in den vergangenen Tagen unlängst besser beschrieben haben. Aber die Fakten, die Zahlen über Depressionen in Deutschland – die sollte man immer wieder aufschreiben. Damit sie nicht vergessen werden und das Thema endlich enttabuisiert wird und damit wir umdenken und begreifen, dass Schwächen zum Leben dazugehören – in jeder Position, in jedem Beruf, in jedem Alter. Und dass sie den Wert eines Menschen eben nicht schmälern. Weicheier – das sind die, die weiterhin Härte aus Angst davor simulieren.
1. Kommentar
Christa Schwemlein
16.11.09 um 20:29 Uhr
Zitat: “Andernfalls gilt man als Weichei oder als „Deislerin“.
oder als verrückt!
Depression kann jeden treffen. Sie ist eine Krankheit, wie jede andere auch. Über einen Herzinfarkt sprechen wir, einen Gefühlsinfarkt aber schweigen wir tot. Es ist immer noch tabu über die grenzenlose Niedergeschlagenheit zu sprechen. Vielen Menschen fehlt der Mut, sich offen zu ihrer Krankheit zu bekennen. Es könnte ja sein, dass andere über einen reden oder viel schlimmer noch für verrückt erklären.
Es gibt Wege aus der Depression oder zumindest Möglichkeiten gut damit zu leben. Wichtig ist der erste Schritt und dieser ist aus meiner Erfahrung, sich einem Menschen anzuvertrauen.
In Beruf und Alltag sollten wir uns mehr Gefühl füreinander bewahren. Es darf nicht sein, dass immer erst ein Freitod uns zum nachdenken zwingt. Das kam in Ihrem Beitrag sehr gut rüber .
Christa Schwemlein
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