Die Zeiten ändern sich: Massenarbeitslosigkeit scheint zumindest für Hochqualifizierte MINT-Absolventen ein vergangenes Phänomen zu sein. Auch für qualifizierte Techniker ist es zur Zeit leicht, eine neue Stelle zu finden, für Pflegepersonal werden angeblich mancherorts schon Bleibeprämien gezahlt. Kann man also ganz entspannt auf Stellensuche gehen, wenn man die nötige Qualifikation besitzt, und jede Forderung durchsetzen?

Nein. Natürlich nicht. Wäre ja auch noch schöner. Denn dem oft beschworenen Fachkäftemangel steht entgegen, dass auch zügiges Studium, mehrere Auslandsaufenthalte und beste Examensnoten keine Einstellungsgarantie sind, obwohl Unternehmen nach eigenem Bekunden genau darauf wert legen. Und wer über 50 ist, hat hierzulande trotz hoher Qualifikation deutlich mehr Mühe, wieder in Arbeit zu kommen als anderswo in Europa. Ähnliches gilt übrigens für Frauen, die nach der Erziehungszeit in den Beruf zurückkehren wollen.

Die Chancen der Bewerber steigen

Unterm Strich hat sich aber die Lage am Arbeitsmarkt gerade für Akademiker nicht nur entspannt, sie beginnt sich bereits zu drehen. Das schwindende Arbeitskräftepotenzial wird spürbar. Insbesondere die großen Unternehmen betreiben daher immer mehr Aufwand, um das Interesse der raren Spitzenkräfte zu wecken. Employer Branding, der Aufbau des Unternehmens zur attraktiven Marke für Stellensuchende, gewinnt immer mehr an Bedeutung.

Und es stößt auf zunehmend selbstbewusste Bewerber: Die Botschaft „Ihr seid gefragt!“ ist bei der Generation Y angekommen. Entsprechend selbstbewusst treten Bewerber im Vorstellungsgespräch auf. Durchs Web 2.0 an hierarchiefreie Kommunikation gewöhnt, klopfen sie – ganz Verhandlungsprofis – Arbeitsbedingungen, Entwicklungspotenziale und Verdienstmöglichkeiten ab, bevor sie sich für ein Unternehmen entscheiden.

Noch längst nicht jeder Personaler kommt mit dieser veränderten Situation zurecht. Manch anderer Arbeitgebervertreter reagiert verdutzt auf die ungewohnten Forderungen nach Vereinbarkeit von Familie und Beruf und der sozialen Verantwortung des Unternehmens für die Bewerber – und macht notgedrungen gute Miene zum neuen Spiel.

Natürlich tragen Unternehmen durch geschicktes Umwerben der Kandidaten auch dazu bei, dass sich die Situation nicht allzu schnell zu ihren Ungunsten dreht. Gerade Weltkonzerne verstehen das Spiel meisterhaft, das Leuchten des großen Namens geschickt zu nutzen und sich als attraktive Arbeitgeber darzustellen. So ziehen sie viele Kandidaten an, halten so die Auswahl groß und verhindern zu viel Entscheidungsmacht der Bewerber.

Jenseits der ausgetretenen Pfade

Ganz anders sieht es bei kleinen und mittleren Unternehmen aus. Die müssen, um am Markt bestehen zu können, deutlich eher auf Forderungen interessierter Arbeitnehmer in spe eingehen. Und bieten dabei – immer schon – deutlich bessere Entwicklungsmöglichkeiten als die großen Konzerne. So ist auch der Gehaltsrückstand, der immer noch wahrscheinlich ist, deutlich schneller aufgeholt.

Außerdem bieten sie meistens deutlich abwechslungsreichere Arbeitsfelder, flachere Hierarchien und bessere soziale Einbindung. Alles Faktoren, die als Arbeitsbedingungen dem Verlangen nach Abwechslung jener Generation entgegenkommt, die alles Mal eben schnell googelt, kurz durchdiskutiert und dann bei Facebook online stellt.

Gerade die Fähigkeit der Y-Kandidaten, vorurteilslos nach Lösungen zu suchen und ihre Neigung, anschließend diskursiv Lösungsmöglichkeiten zusammenzutragen, sind gefragter denn je. Denn sie kommen der Komplexität der modernen Arbeitswelt, dem Bedarf nach vernetzten Lösungen und der dafür notwendigen Teamarbeit entgegen. Und auch das gilt vor Allem für kleine und mittlere Unternehmen. Bis in den großen Konzernen die Strukturen so weit aufgebrochen sind, werden noch einige Jahre vergehen. Zeit, die Einsteiger für die eigene Entwicklung nutzen können.

Klare Ziele und Erwartungen

Überhaupt die eigene Karriere: noch keine Generation hatte ihre Entwicklung so minutiös voraus geplant wie die heutigen Berufseinsteiger. Geprägt durch ein durchorganisiertes Studiensystem, das rechtzeitige Entscheidungen forderte, entstand eine überraschende Zielstrebigkeit.

Verbunden natürlich mit Zielklarheit: Dabei steht Entwicklung ganz oben. Und fairer Tauschwert. Durchaus auch in der Entlohnung. Diese Generation weiß, was sie wert ist, und fordert es auch ein. Dabei ist sie aber längst nicht allein materialistisch orientiert: Gerade Wohlfühlfaktoren, aber auch ethische Orientierung spielen eine große Rolle für die aktuellen Berufseinsteiger.

Dafür ist sie auch bereit, eine ganze Menge zu tun. Leistung steht hoch im Kurs. Und Ergebnisorientierung. Gerade letztere. Weil diese Generation unterhalten werden will, weil Stillstand sie langweilt, ist keine so wenig fürs Zeit absitzen zu haben wie sie. Bezahlung nach Anwesenheit im Büro ist verpönt, erwartet wird guter Lohn für das exzellente Ergebnis, das man zu bringen bereit ist.

Positionierung ist wichtig

So wenig wie Herr Generation Ypsilon existiert aber Unternehmen Neuzeit. Im Gegenteil: Nicht nur die Bandbreite der Absolventen und ihrer (Zusatz-)Qualifikationen hat zugenommen, sondern auch die Vielfalt der Unternehmen, Ihrer Kulturen und jeweiligen Erwartungen. Deswegen wird am Arbeitsmarkt nach wie vor scheitern, wer einfach selbstbewusst auftritt, aber weder Ziel, Mittel oder Abnehmer kennt.

Hochqualifizierte Bewerber haben dann gute Chancen auf dem Arbeitsmarkt, wenn sie sich richtig positionieren. Das gilt in erster Linie für Absolventen technisch-naturwissenschaftlicher Fächer, abgeschwächt aber auch für Bachelor und Master anderer Disziplinen. Entsprechend selbstbewusste Forderungen können sie an die Arbeitgeber richten.

Richtige Positionierung heißt natürlich erst Mal: Klärung der eigenen Potenziale. Welche der am Markt gefragten Fähigkeiten besitze ich? Dabei kommt, es wie oben gezeigt, längst nicht mehr nur auf die fachlichen Stärken an, sondern in zunehmendem Maße auf soziale Kompetenzen.

Richtig positionieren heißt aber auch, den Markt zu identifizieren, der die eigenen Fähigkeiten wirklich braucht. Da zeigen sich schon große Unterschiede zwischen großen, mittleren und kleinen Unternehmen. Auf den Punkt gebracht: Je kleiner das Unternehmen, desto mehr wiegen Lernkompetenzen – oder „wissenschaftliches Arbeiten“. Hier sind auch die Plätze für die Generalisten.

Nochmals deutlich unterscheiden sich Kreativbranche und soziale Berufe. Während erstere Wert auf Kreativität, Schnelligkeit und Ideenreichtum setzt, fordert zweitere die Bereitschaft zur Übernahme ethischer Verantwortung. Entsprechend unterschiedlich sind auch die Entlohnungen, die die Branchen dafür bieten. Auch – und gerade – in nicht-materieller Hinsicht.

Deswegen bedeutet die Positionsbestimmung letztlich auch die Klärung der eigenen Erwartung. Das hat gleich einen weiteren Vorteil: Wer klare Ziele formulieren kann, beeindruckt allein schon mit Entschlusskraft und Entschiedenheit. Beide Fähigkeiten sind Schlüsselqualifikationen für die Postionen, die Hochschulabsolventen normalerweise besetzen.

Kommunikation auf Augenhöhe entscheidet

Wer Angebot, Erwartung und Zielgruppe geklärt hat, kann entsprechend selbstbewusst ins Rennen gehen. Und entsprechend pokern. Auch wenn es sich noch nicht bei allen Unternehmen herumgesprochen hat: Die Zeiten, in denen Bewerber um jede Stelle froh sein mussten, sind (zumindest im Bereich der qualifizierten Arbeitsplätze) definitiv vorbei.

Die Zeit für Macht-Spiele ist dennoch nicht angebrochen. Schließlich zählen soziale Kompetenzen mehr denn je. Und nicht mehr Durchsetzung um jeden Preis. Dafür ist es möglich geworden, Forderungen zu stellen, die früher zum sofortigen Ausscheiden geführt hätten. Vereinbarkeit von Arbeit und Freizeit, flexible, leistungsorientierte Arbeitszeiten, Finanzierung eines Home Offices zur Förderung entspannter Tätigkeit und einiges mehr sind in den Bereich des Möglichen gerückt, wenn es darum geht, Talente zu locken und zu binden.

Das schlägt sich natürlich auch im Gehalt nieder: Für aktuelle Berufseinsteiger besteht tatsächlich die Chance, im Unterschied zu Vorgänger-Generationen echte Reallohngewinne zu realisieren. Vorausgesetzt natürlich, das eigene Angebot stimmt. Denn unterm Strich zählt fürs Unternehmen immer nur das Eine: dass die Leistung stimmt.