Es ist ja schon ein fieser Trick: Da sitzt die Kollegin nervös im Meeting, soll gleich eine wichtige Präsentation halten und nestelt nervös an ihren Fingern – und die vermeintliche Freundin neben ihr gibt ihr den Rat: “Versuch gleich nicht immer so viel zu lachen, das wirkt immer so unsicher…” Was passiert? Genau: Die Kollegin wird noch nervöser und kichert sich durch die gesamte Präsentation. Eine Witznummer. Peinlich.
Ironie-Effekt würden das Psychologen nennen. Und der tritt erstaunlich oft im Alltag auf. Etwa beim Sport, wenn der Trainer warnt, sich keinesfalls sofort zu verausgaben und wir deshalb unser Potenzial nicht ausschöpfen. Beim Basteln, Reparieren oder Malen und der klassischen Selbstmotivation: “Jetzt bloß nicht verwackeln!” Zack, schon haben Sie verrissen. Oder gar beim Sex, wenn nichts geht.
Natürlich gibt es auch die gegenteilige Reaktion – Überkompensation wird wiederum das genannt. Jemand rät Ihnen, den Golfball bitte nur ganz sanft ins Loch zu putten, und Sie tippen die Kugel so vorsichtig an, dass sie praktisch gar nicht erst losrollt oder noch vor dem Loch einschläft. So oder so, ob Überkompensation oder Ironie-Effekt – am Ende kommt nicht das heraus, was eigentlich beabsichtigt war. Man könnte es daher auch eine mentale Sabotage nennen.
Der Verhaltenspsychologe Christopher Russell von der Universität von Strathclyde im schottischen Glasgow hat dazu im März eine interessante Studie (pdf) veröffentlicht, der unter anderem ein Experiment mit 40 Probanden zugrunde liegt. Die wurden gebeten, mit ihrer Computermaus auf dem Bildschirm eine imaginäre Linie entlang zu fahren. Gemeinerweise wiesen sie die Forscher allerdings ebenso darauf hin, bloß nicht zu weit nach Links zu verrutschen.
Sie ahnen, was passierte: 26 der 40 Probanden überkompensierten die Instruktionen und zogen mit der Maus viel zu weit nach rechts und an der Linie vorbei. Weitere zehn Teilnehmer zeigten einen deutlichen Ironie-Effekt, wackelten also erst recht mit der Maus nach Links und lediglich vier von ihnen blieben mit der Maus da, wo sie sollten: halbwegs auf dem Strich.
Nun wollten es die Forscher genau wissen und wiederholten das Experiment – diesmal jedoch mit einer zusätzlichen Ablenkung. Zwar sollten die Teilnehmer wieder mit der Maus einen imaginären Strich abfahren, doch mussten sie sich dabei auch eine siebenstellige Zahl merken. Und siehe da: Jetzt veränderte sich das Ergebnis dramatisch. Von jenen, die zuvor die Anweisungen überkompensiert hatten, zeigte nun jeder Zweite einen Ironie-Effekt – und umgekehrt: Von den so abgelenkten Erst-recht-nach-Links-Schwenkern überkompensierte die Hälfte die Anweisungen. Kurioserweise hatte das Störmanöver auf die Minderheit der Geradlinigen indes einen positiven Effekt. Dort, wo sie zuvor minimale Anflüge eines Ironie-Effekts oder einer Überkompensation gezeigt hatten, blieben sie nun noch besser auf Kurs.
Was das für Sie bedeutet?
Zweierlei. Wenn Sie einen anderen mental sabotieren wollen, dann versuchen Sie es gar nicht erst mit einer Intrige. Sagen Sie dem- oder derjenigen lieber exakt das, was sie am besten tun sollte. Den Rest erledigt mit 90-prozentiger Wahrscheinlichkeit die Psychologie. Falls Sie indes das Gefühl haben, auf diese Weise manipuliert zu werden: Versuchen Sie sich nicht davon abzulenken. Bringt nichts! Am Ende verkehrt es nur den Effekt. Der beste Schutz und Rat ist vielmehr, gar nicht erst hinzuhören.
Bleibt allerdings noch ein Problem: Nachdem Sie diesen Rat gelesen haben, stehen Sie vor exakt demselben Dilemma. Werden Sie ihn überkompensieren oder neigen Sie doch eher zum Ironisieren? Fies, nicht wahr?!
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Karin Tanger
Gemeinheit… So ein Kopfnuss-Artikel am entspannten Samstag-Mittag :-)
Simon
Das Phänomen das man genau das macht, was man sich vorher auferlegt hat nicht zu tun ist ja allgemein bekannt.
Da Unterbewusstsein kennt eben keine Verneinung. “Jetzt gleich nicht stottern” heißt für das Unterbewusstsein: “jetzt gleich stottern”. Auch sehr bekannt der berühmte rosa Elefant:
“Denken sie jetzt nicht an einen rosa Elefanten”
Na, woran haben sie gedacht?
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