Lady Macbeth hätte sich vieles ersparen können. Ihr Machtdrang war stärker. Selber Schuld. In William Shakespeares gleichnamigem Drama stachelt die Frau des Protagonisten ihren Mann dazu an, den König von Schottland zu ermorden, um danach selbst den Thron zu besteigen. Als das sinistre Werk vollbracht und König Duncan tot ist, überkommt Lady Macbeth jedoch das schlechte Gewissen – und sie wäscht sich die Hände. Immer und immer wieder:
„Wie, wollen diese Hände nimmer rein werden? […] Das riecht immer noch nach Blut; alle Gewürze von Arabien können diese kleine Hand nicht anders riechen machen“, lässt sie Shakespeare rubbelnd verzweifeln und beweist gleich zweierlei: Er kannte nicht nur die Bibel recht gut, sondern auch die menschliche Psyche.
Schon im Buch der Bücher schildert Matthäus in seinem Evangelium eine ähnliche Situation bei der Verurteilung von Jesus durch den römischen Stadthalter Pontius Pilatus. Der hatte darüber abstimmen lassen, ob die Zuschauer lieber Barabbas oder Jesus freilassen wollten – obwohl er wusste, dass man Letzteren vor allem aus niederen Motiven ausgeliefert hatte.
Wie jeder weiß, forderte die Menge, den schuldigen Barabbas frei zu lassen und den unschuldigen Jesus zu kreuzigen. Pilatus ließ sich daraufhin eine Schüssel mit Wasser bringen und wusch sich vor der anwesenden Volksmenge die Hände in sprichwörtlicher Unschuld mit den Worten: „Ich bin unschuldig am Blut dieses Menschen. Das ist eure Sache!“
Wie wir ticken

Der Artikel ist ein Auszug aus dem Bestseller “Ich denke, also spinn ich“. Es ist das dritte Buch von Jochen Mai, das er zusammen mit seinem Kollegen Daniel Rettig geschrieben hat.
Wissenschaftler haben inzwischen herausgefunden: Das Verhalten von Lady Macbeth und Pilatus keinesfalls zwanghaft oder ein feiges Alibi – es könnte ihnen tatsächlich eine Prise innerer Erleichterung gebracht haben. Nach Ansicht der US-Psychologen Spike Lee und Norbert Schwarz von der Universität von Michigan ist Händewaschen nicht nur ein Akt der Hygiene. Mit etwas Seife lassen sich sogar Entscheidungszweifel wegspülen.
Für ihr Experiment gaben die Forscher Probanden 30 CDs, aus denen die sich Top 10-Liste erstellen sollten. Als Dankeschön dürften sie entweder die CD auf Platz 5 oder Platz 6 ihrer eigenen Hitliste behalten. Danach bauten Lee und Schwarz ein kleines Ablenkungsmanöver ein: Die Teilnehmer sollten eine neue Flüssigseife bewerten. Die einen kommentierten jedoch nur deren Verpackung, während die anderen die Seife per Händewaschen auch physisch testen sollte.
Nun durften alle Probanden die zehn CDs noch einmal neu sortieren. Und siehe da: Wer nur die Seifenverpackung bewertet hatte, änderte die Reihenfolge erheblich. Manche Alben wurden höher eingestuft, andere niedriger. Ganz anders die Einschätzung derer, die sich die Hände gewaschen hatten: Sie bewerteten die CDs genauso wie beim ersten Mal. Das Händewaschen hatte dazu geführt, dass der Rechtfertigungsdrang ebenfalls im Abfluss verschwand – und nicht nur der.
2008 stellte die Psychologin Simone Schnall von der Universität von Plymouth fest, dass schon die bloße Assoziation mit Reinheit milder stimmt. Sie ließ 40 Studenten moralische Dilemmata bewerten, etwa das Einstecken einer gefundenen Brieftasche. Vorher allerdings wurden sie gebeten, Wortpaare zu bilden – die einen arbeiteten mit neutralen Begriffen, die anderen mit Wörtern rund um das Thema Sauberkeit, Seife und Waschen. Fazit: Die zweite Gruppe fand das moralische Vergehen plötzlich gar nicht mehr so schlimm.
Wie das kommt? Nach jeder bewusst getroffenen Entscheidung hat der Mensch das mehr oder minder dringende Bedürfnis, diese vor sich selbst zu rechtfertigen. Ein Entschluss beinhaltet ja nicht selten, sich für die eine und gegen die andere Alternative entschieden zu haben. Oft sind sogar Freunde oder Partner involviert, was zu veritablen Gewissensbissen führen kann. Das Händewaschen lindert diesen Rechtfertigungsschmerz. Demnach gilt nach schweren Entscheidungen: Ab ans Waschbecken!







Roland Kopp-Wichmann
Interessant ist ja die Frage, warum gerade das Händewaschen Schuldgefühle mildert. Und nicht Nasebohren, mit dem Kopf wackeln oder beide Knie berühren, Hier hat die Psychoanalyse einen Erklärungsansatz.
Das Verhalten rührt aus der analen Phase, in der kleine Kinder gern mit ihren Ausscheidungen spielen und das sehr lustvoll empfinden. Durch die entsetzten Blicke der Eltern und das traumatische Herunterspülen der Exkremente in den Orkus lernen sie mühsam, dass ihr Tun schmutzig und verabscheuungswürdig ist und sie sich gefälligst sofort die Hände waschen müssen.
Geschieht diese Sequenz öfter, lernt das Kind eine Verbindung, dass man sich von schmutzigen Taten (sexuelle Gedanken und andere unmoralische Handlungen) reinwaschen “muss”. Dies zeigt sich häufig auch bei Erwachsenen, die unter Waschzwang leiden, doch hat sich dort die Bahnung verselbständigt. Diese wissen selbst, dass ihre Hände sauber sind und sie sie gerade vor zehn Minuten gewaschen haben und nichts Schmutziges angefasst haben. Doch sie fühlen sich besser, weil sie sich innerlich sauberer fühlen.
Der Rat “Ab zum Waschbecken” ist also mit Vorsicht zu befolgen. Sinnvoller ist, sich mit dem Abgewehrten zu beschäftigen und es in sich zu integrieren. Der Mensch mit Waschzwang muss also mit der Zeit akzeptieren, dass er “unreine” Gedanken und Impulse hat und dass das in Ordnung ist.
In obigem Beispiel geht es dabei ja auch darum, dass man bei einer Entscheidung meist etwas anderes loslassen muss bzw. man es nicht allen Menschen recht machen kann.
Jochen Mai
Was bitteschön soll daran gefährlich (“mit Vorsicht befolgen”) sein? Das müssten Sie schon genauer erklären und nicht so vage bleiben…
Ich kann natürlich verstehen, dass Sie als Psychologie zunächst einmal jeden, der sich die Hände wäscht, in die Nähe eines pathologischen Befundes rücken – darauf basiert ihr Geschäftsmodell. Aber von einem chronischen und krankhaften “Waschzwang” redet hier doch keiner. Vielmehr geht es hier eher um einen pragmatischen Ansatz, der berücksichtigt, dass manche Dinge funktionieren – ohne dass man sich gleich als analfixiert oder krank fühlen muss.
Roland Kopp-Wichmann
Geschätzter Herr Mai,
langsam verliere ich die Lust, auf Ihrem Blog einen Kommentar zu hinterlassen.
Es ist bestimmt der dritte oder vierte Beitrag, bei dem Sie mich belehren oder darauf hinweisen, dass ich etwas nicht richtig verstanden habe, übertreibe, mich genauer ausdrücken solle …
Ich finde, ein Blog ist ein Forum zur Meinungsäußerung, kein Aufsatz, Diplomarbeit. Ein Forum, wo
Menschen unterschiedliche Ansichten, Ideen und Einfälle äußern dürfen und es nicht immer nur um die Sicht des Blogschreibers geht. Selbst wenn der Blog sich „…Bibel“ nennt.
In dem obigen Kommentar habe ich auch nicht pathologisiert, sondern Gedanken geäußert,
warum es eben gerade das Händewaschen ist, das so erleichternd wirkt.
Jochen Mai
Werter Herr Kopp-Wichmann,
Sie belehren die Leser hier ja auch. Außerdem ist es auch bestimmt der vierte oder fünfte Kommentar Ihrerseits, bei dem ich das Gefühl nicht loswerde, dass Sie nicht einfach nur Meinung äußern wollen oder ergänzen, sondern Werbung für sich machen und vor irgendetwas warnen wollen (ohne das jedoch konkret zu benennen). Ich weiß nicht, was Sie dazu motiviert – aber vielleicht mögen Sie sich Ihre Kommentare daraufhin noch einmal durchlesen. Jedenfalls finde ich unbestimmte Warnungen problematisch, weil sie Leser mehr verunsichern als Klarheit stiften.
Vielleicht mögen Sie daraufhin Ihren eigenen Kommentar noch einmal durchlesen. Den Hinweis, woher ein Waschzwang rühren kann, fand ich wertvoll. Nur geht es in dem obigen Artikel gar nicht um Waschzwang. Mit Ihrem Erklär-Kommentar rücken sie das aber in diesen Kontext – und stellen Leser, die sich zur Entscheidungsfindung die Hände waschen, in den Zusammenhang eines pathologischen Befundes. Ich finde, das geht nicht. Und am Ende warnen Sie gar, der Rat “Ab zum Waschbecken” sei gar mit Vorsicht zu behandeln. Davon abgesehen, dass Sie offenbar das begleitende Augenzwinkern übersehen haben, wäre es natürlich schön zu erfahren, warum Sie hier warnen. Das sagen Sie nämlich nicht, dramatisieren damit aber – und stellen so erst recht einen Konnex zu einem krankhaften Verhalten her (vor etwas Gesundem muss man ja nicht warnen).
Ich erkenne nichts Verwerfliches oder Belehrendes daran, deshalb hier noch einmal nachzufragen. Machen Sie das in Ihren Sitzungen nicht, wenn einer Ihrer Klienten unkonkret bleibt?
Dass Sie dann aber die Lust verlieren, hier Kommentare zu schreiben, sobald man Ihre Warnungen und Meinungen hinterfragt, ist psychologisch zwar eigentlich auch schon wieder interessant. Doch genau darum geht es in einem Forum: Man setzt nicht einfach nur Meinungen ab – man diskutiert sie kontrovers, weil daraus meist die größere Klarheit erwächst.
PS: Zynisch kann ich auch. Bringt aber nicht weiter…