Es gibt Menschen, die lesen noch vor dem ersten Kaffee ihre E-Mails, checken ihre Feeds zum Toast, twittern ein paar Nachrichten an ihre Freunde und gehen dann ins Büro. Ich gebe zu, ich bin einer davon. Doch es gibt auch jene, die damit auf der Arbeit weitermachen, die sich ständig ablenken lassen, auf jedes Piep reagieren und jede Mail sofort lesen müssen, obwohl sie eigentlich erst einmal ihre aktuelle Aufgabe beenden sollten.
Seien wir ehrlich: Das Internet ist per Konstrukt ein Unterbrechungssystem. Egal, wie sehr man sich auch anstrengt, dessen Störungen beharrlich auszublenden, am Ende beschlagnahmt es doch immer wieder unsere Aufmerksamkeit.
Darunter leidet nicht nur das Lernen, sondern auch unser Verstand. Statt unser Wissen zu einem sprichwörtlichen Erfahrungsschatz zu kultivieren, degenerieren wir zurück zu reinen Jägern und Sammlern im Datendickicht. Ständige Erreichbarkeit ist ein Fetisch geworden, den wir kaum noch hinterfragen, geschweige denn zügeln. Ich bin sicher, würde Einstein heute noch leben und genauso simsen, mailen, twittern und facebooken, wie wir es tun – er säße vermutlich noch immer in seinem Berner Patentamtsbüro und hätte nie die Zeit und Muße gefunden, seine Relativitätstheorie zu entwickeln.
Macht Sie das Internet produktiver?
Vor ein paar Tagen stellte ich Ihnen zwei Fragen. Natürlich kann eine solche Blitzumfrage nicht den Anspruch erfüllen, repräsentativ zu sein. Meine Erfahrung mit Umfragen ist aber auch: Aber 100 Teilnehmern mögen sich die Prozentsätze hier und da noch ein wenig verschieben – die Grundtendenz aber bleibt gleich.
Ich fragte Sie also: Macht Sie das Internet produktiver? Und: Machen Sie die vielen Informationen eher konfuser oder smarter? Mehr als 100 von Ihnen haben mitgemacht, abgestimmt und entschieden: Ja, das Internet macht mich produktiver und smarter (Um die Details zu sehen oder noch mitabzustimmen, einfach auf “View Results” klicken), was einerseits für das Internet spricht, andererseits aber auch der These vom Störfaktor Social Media widerspricht.
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Der Marshmallow-Effekt
Der ursprüngliche Marshmallow-Test war ein Experiment mit Kindern – wie in dem nachgestellten Video oben. Kurz besagt dessen Ergebnis, dass die Fähigkeit zur Selbstbeherrschung und zum vorübergehenden Verzicht ein wesentliches Erfolgskriterium ist und sich dies schon in Kinderjahren zeigt.
Es gibt noch immer zahlreiche Arbeitgeber, die das anders sehen. Sie sind davon überzeugt, dass das Internet den Mitarbeitern wertvolle (und vor allem bezahlte) Arbeitszeit raubt, dass es sie ablenkt, stört und unproduktiv macht – so wie eingangs beschrieben. Ihr Gegenmittel: Internet-Verbote. Während der Arbeitszeit und an den Arbeitsrechnern dürfen die Angestellten dann nicht mehr privat im Internet surfen.
Kann man so machen – bringt aber nichts. Im Gegenteil: Studien (pdf) von Alessandro Bucciol, Daniel Houser und Marco Piovesan sprechen eher für eine Art freiwillige Selbstbeschränkung. Sie sagen: Ja, das Internet stellt eine Versuchung dar. Doch die Lösung ist nicht, es zu verbieten, sondern Mitarbeitern den vernünftigen Umgang damit zu ermöglichen (und beizubringen).
Wie sie darauf kommen?
Nun, das Ganze hat stark mit dem sogenannten Marshmallow-Effekt zu. In der Psychologie gilt schon seit langem die Fähigkeit zum sogenannten Gratifikationsverzicht als wichtiger Erfolgsindikator, der sich schon in frühen Kindesjahren offenbart. Es ist die Fähigkeit, sich selbst zu beherrschen und auf eine unmittelbare Belohnung verzichten zu können – in dem opportunen Wissen, dass der spätere Erfolg umso größer sein wird.
Die Ablenkungen durch das Internet sind damit vergleichbar. Sie versprechen uns Instant-Vergnügen, unmittelbare Ablenkung von einer leidigen Arbeit, spontanen Spaß statt quälende Routine. Die Frage, die sich das Team um Alessandro Bucciol nun stellte, war: Hat die Fähigkeit, auf dieses Lustintermezzo zu verzichten, Auswirkungen auf unsere Arbeit?
Dazu veranstalteten sie ein kleines, dreiteiliges Experiment am Laboratory for Experimental Economics (LEE) der Universität von Kopenhagen. Insgesamt 61 Probanden nahmen daran teil. In der ersten Phase sollten sie ein paar Aufgaben lösen, in der zweiten Phase bekamen sie die Gelegenheit, ein lustiges Webvideo anzusehen, danach sollten sie in Phase drei weitere Aufgaben lösen. Am Ende gab es für richtige Lösungen auch noch Punkte, die die Teilnehmer am Ende gar bares Geld eintauschen konnten. Der Lohn sollte einen zusätzlichen Anreiz schaffen, sich möglichst viel Mühe zu geben.
Die Probanden unterschieden sich jedoch in zwei Gruppen: Jene, die das Video per Verbot nicht zu sehen bekamen (wohl aber wie alle Teilnehmer den Ton davon hörten – um die Versuchung zu erhöhen) und jene, die per Klick wählen konnten, ob sie den Clip anschauen oder nicht (jedoch zusätzlich mittels einer Kurznachricht davor gewarnt wurden).
Um es kurz zu machen: Wer per Dekret davon abgehalten wurde, das Video zu schauen, machte hernach signiffikant mehr Fehler. Jene Probanden, die sich aber selbst beherrschten und der Versuchung “Spaßclip” widerstanden, erzielten den höchsten Lohn.
Zugegeben, die Studie ist so nicht ohne Weiteres verallgemeinerbar, zumindest aber bestätigt sie die positive Wirkung des Gratifikationsverzichts und der Selbstbestimmung. Zudem zeigt sie, dass Verbote nicht zwangsläufig zu besseren Ergebnissen führen. Eher sogar zu schlechteren.
Was das für Arbeitgeber heißt? Statt Arbeitnehmern kategorisch zu verbieten, während der Arbeitszeit im Internet zu surfen (was im Übrigen sowieso nichts bringt, weil sie es dann eben über ihre Smartphones machen), sollten sie auf Selbstbestimmung setzen und eher ein paar Freiräume schaffen. Mittagspausen zum Beispiel sind ideale Zeiträume, in denen ein bisschen Ablenkung und Kommunikation im Netz wieder neuen Schwung und Inspiration für die zweite Tageshälfte schaffen kann.
Die Marshmallow Challenge
Apropos Marshmallow-Effekt: Es gibt noch ein ebenso faszinierendes wie kreatives Spiel, das ebenfalls den Namen der süßen Nascherei trägt und offenbart, wie gut ein Team wirklich funktioniert: die sogenannte Marshmallow Challenge. Dabei sollen Teams aus Spaghetti einen Turm bauen. Klingt trivial, ist es aber nicht.
Gewiss, die Regeln der Marshmallow Challenge sind simpel: Jedes Team bekommt…
- 20 Spaghetti
- 1 Rolle Klebeband
- 1 Rolle Bindfaden
- 1 Marshmallow
Ziel ist es, binnen 18 Minuten mit den Spaghetti den höchstmöglichen, freistehenden Turm zu bauen auf dessen Spitze der Marshmallow stecken muss.
Keine allzu schwere Aufgabe, sollte man meinen. Und üblicherweise beginnen die Teams auch sofort damit, zu kollaborieren: Sie diskutieren diverse Bauarten, planen das Konstrukt und beginnen schließlich damit, einen solchen Spaghetti-Turm zu erschaffen, bis 18 Minuten später – Ta-da! – der Turm steht und jemand triumphal den Marshmallow oben aufsteckt. Was aber mehrheitlich passiert, ist, dass sich das Ta-da!-Erlebnis in eine Oh-Oh!-Krise verwandelt und der Turm zusammenbricht.
Wie sich bei diversen Experimenten mit der Marshmallow Challenge zeigte, waren die schlechtesten Teams ausgerechnet Absolventen einer Business School: Sie bekriegten und betrogen sich, arbeiteten nicht zusammen, sondern gegeneinander oder ließen andere für sich arbeiten.
Kommt Ihnen das bekannt vor?
Dann lesen Sie bitte weiter!
Überraschung: Die Gruppen, die am besten abschnitten und praktisch nie an der Aufgabe scheiterten, waren – Kindergartenkinder.
Warum ist das so?
Nun, die Antwort ist weder überraschend noch so trivial wie sie klingt: Zu keinem Zeitpunkt hat eines der Kinder versucht, CEO von Spaghetti Inc. zu werden. Eitle und Kräfte zehrende Rivalitätskämpfe fielen damit schon einmal weg. Der zweite Grund ist aber noch interessanter: Die Business-School-Absolventen waren darauf trainiert, die einzig richtige Lösung zu finden. Wenn sie dann aber den Marshmallow auf die Spitze piksten und die ganze Konstruktion zusammenbrach, hatten sie keine Zeit mehr, eine neue zu bauen – und erleben eine klassische Krise. Die Kindergartenkinder dagegen begannen einfach mit einer Marshmallow-Spaghetti-Konbination und bauten darauf basierend Prototypen – einen um den anderen. Immer mit dem Marshmallow oben auf. So verbesserten sie ständig ihre Konstruktion, erlebten Erfolge und Irrtümer, hatten am Ende die ungewöhnlichsten Bauwerke – aber eben auch solche, die aufrecht standen. Und natürlich bekam jeder im Kinder-Team unmittelbar Feedback darüber, was funktionierte und was nicht.
Wer baut die höchsten Türme?
Auch das haben die Initiatoren um Tom Wujec, einem eifrigen Anwender der Marshmallow Challenge, gemessen. Ergebnis:
- Der Durchschnitt kommt auf eine Bauwerkshöhe von 50 Zentimetern.
- Business-School-Absolventen erreichen im Schnitt nur 25 Zentimeter.
- Anwälte schaffen immerhin schon eine Höhe von rund 40 Zentimetern.
- CEOs konstruieren im Schnitt 60 Zentimeter-Bauwerke.
- Kindergartenkinder bauen bis zu 75 Zentimeter hoch.
- Teams mit nur einem CEO werden sogar noch besser: rund 80 Zentimeter.
- Am höchsten aber bauen Ingenieure und Architekten – bis zu einem Meter hoch (wenn sie vorher nich scheitern).
Bemerkenswert ist zudem, was passierte, als Tom Wujec zehn Teams aus Design-Studenten zu einem Wettkampf aufforderte und dem besten davon einen Preis von 10.000 Dollar versprach: nichts. Kein Team erschuf einen haltbaren Turm – im Gegensatz zu den zehn Teams, die ohne Belohnung immerhin ein paar Bauwerke zustande brachten. Als man wiederum denselben Teams vier Monate später dieselbe Aufgabe noch einmal stellte, waren fast alle erfolgreich: Sie hatten erkannt, wie wichtig es ist, miteinander zu arbeiten und obendrein über Prototypen einen standfesten Turm zu entwickeln.
Die ganze Geschichte können Sie sich übrigens auch in diesem sehr spannenden TED-Vortrag von Tom Wujec selbst erzählen lassen. Und ein Blog dazu gibt es inzwischen auch sowie eine Bildergalerie mit zahlreichen Spaghetti-Türmen…







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