In der aktuellen WirtschaftsWoche-Ausgabe schreiben wir über Eliten. Ein schwieriger Begriff. Er klingt schon verdächtig nach Ungleichheit und Ungerechtigkeit, nach denen da oben und dem Rest dort unten. Dabei geht es gar nicht ohne. Eliten, das sind Personen, die „qua Position maßgeblichen Einfluss auf die gesellschaftliche Entwicklung ausüben können“, sagt Michael Hartmann von der Technischen Universität Darmstadt, der renommierteste Elitenforscher in Deutschland. Jedes Land braucht sie – und in jedem Land gibt es sie. Die entscheidenden Fragen lauten indes: Woher sollen diese Spitzenkräfte kommen? Wie werden sie identifiziert und gefördert? Und wie durchlässig ist das System?

In Deutschland ist letzteres alles andere als das. Wer aufsteigt und wer nicht, das hängt hierzulande nicht nur von der Leistung ab. Viel öfter spielt die soziale Herkunft eine Rolle. So schaffen es in die Chefetagen der Wirtschaft auffallend häufig Manager aus Akademiker-, Beamten- und Managerfamilien. Hartmann hat etwa festgestellt: Jeder zweite Manager hat großbürgerliche Wurzeln, stammt also aus Familien mit großem Wohlstand. Jeder Dritte stammt aus dem Bürgertum (höhere Einkommens- und Bildungsschichten, wie leitende Angestellte und Ärzte), aber nur rund 15 Prozent kommen aus der Mittelschicht (einfache Angestellte) oder der Arbeiterschaft. Das Gros der Manager verfügte damit vom Start weg über bessere Kontakte in die Wirtschaft und konnte sich zudem teure Bildung leisten. So studieren etwa 83 Prozent der Akademikerkinder, aber nur 23 Prozent der Kinder von Nichtakademikern.

Zudem besitzen solche Kinder und Jugendliche aufgrund ihres finanziellen und schulischen Hintergrunds oft über ein größeres Selbstbewusstsein, das sie mutiger macht und ihnen das verleiht, was die moderne Mediengesellschaft heute sucht und verehrt: Charisma. Wer in der Welt eines großbürgerlichen Kaufmanns aufwächst, entwickelt eben ein anderes Gespür für unternehmerische Ziele. So einer bewegt sich von Anfang an viel souveräner in einer Geschäftswelt, die anderen fremd vorkommt.

Soziale Aufsteiger dagegen sind selten. Von ganz unten nach ganz oben – wer das schaffen will, muss meist doppelt so hart schuften und wesentlich besser sein als die Privilegierten. Vor allem aber müssen diejenigen die richtigen Förderer finden und die subtilen Spielregeln der Macht erlernen, die andere bereits im Kinderzimmer inhalieren. Das ist nicht unmöglich, aber es bleibt die Ausnahme.

Zugegeben, die Debatte ist nicht neu. Aber sie bekommt gerade durch die jüngsten Steuerskandale in Deutschlands Beletage neuen Schwung. So wie es aussieht, haben mehrere Manager Geld am Fiskus vorbei nach Liechtenstein geschafft. Prompt fordert die SPD härtere Strafen für reiche Raffkes, die Gewerkschaft Ver.di gar eine 80-Prozent-Steuer für reiche Manager. Und bei allem schwingt die Frage mit: Spült unser System womöglich gar die Falschen an die Spitze? Fördert der Ausleseprozess eine Leistungselite, die auch zum Vorbild taugt und sich ihrer Verantwortung bewusst ist? Also eine Elite, die ihrem ursprünglichen Sinn zu Zeiten der französischen Revolution am nächsten kommt: „élite“, das waren Personen, die sich — im Gegensatz zu Adel und Klerus — ihre gesellschaftliche Position „verdient“ hatten. Oder wird so am Ende nur ein Machtelite-Kartell befördert, das vor allem eines interessiert: die eigene Bereicherung?

Die Frage klingt rhetorisch, sie ist aber alles andere als trivial. Denn womöglich ist es weniger der Ausleseprozess, der ohne Rücksicht auf den Charakter, nur den Willen zur Macht belohnt. Genauso könnte es die Macht selbst sein, die die Mächtigen eines Tages korrumpiert. Wer längere Zeit aus dem 41. Stock herab blickt, meint vielleicht irgendwann tatsächlich über allen Dingen zu stehen – auch über den Gesetzen von Moral und Anstand.

Vieles spricht dafür, das beides stimmt. Es zeigt sich aber auch: Da wo dem Gewebe der Macht der regelmäßige personelle Austausch fehlt – sei es in den Vorständen oder Aufsichtsräten –, da verfilzt es schnell und schafft zugleich den Humus für Parasiten im Elfenbeinturm.

Glücklicherweise sehen das inzwischen viele Manager selbst so. Das jedenfalls muss man auch dem Ergebnis des Managerpanels der Personalberatung LAB Lachner Aden Beyer & Company folgern, bei der rund 250 Manager der ersten bis dritten Ebene bundesweit befragt wurden: So bezweifeln aktuell vier von zehn Führungskräften, dass hierzulande prinzipiell jeder die Chance hat, an die Spitze zu gelangen. 70 Prozent sind gar davon überzeugt, dass bei Beförderungen das Netzwerk die entscheidende Rolle spielt. Und 88,8 Prozent der Manager wünschen sich eine stärkere Förderung intellektueller Eliten, die unabhängig ist von den individuellen finanziellen Möglichkeiten.

Einsicht ist bekanntlich der erste Schritt zur Besserung. Hoffentlich folgt darauf der zweite.