Es ist ein bisschen wie die Suche nach legalem Doping. Immer wieder untersuchen Wissenschaftler, wie sich Klassen- oder Büroräume gestalten lassen, damit die Menschen darin besser arbeiten können. Mal wird an der Ergonomie der Einrichtung geschraubt, mal ist es die Architektur des Gebäudes selbst, aber immer spielt Licht dabei eine zentrale Rolle. So auch bei der Beleuchtungsstudie, die der Lichthersteller Osram (sicher nicht ganz uneigennützig) zusammen mit dem Transferzentrum für Neurowissenschaften und Lernen (ZNL) an zwei Ulmer Schulen initiierte. Ziel war herauszufinden, ob eine dem Tageslicht nachempfundene Beleuchtung die Aufmerksamkeit und kognitiven Leistungen der Schüler steigern kann oder nicht. Die kurze Antwort: Sie kann. Jetzt die lange…
Ein Zusammenspiel aus blauen und weißen LED, die vor allem helles Tageslicht simulieren und so einen künstlichen Himmel ins Klassenzimmer holen sollte (siehe Foto, Quelle: Osram), sorgte für entsprechende Erleuchtung. Und tatsächlich: Die so erhellten Jugendlichen im Alter von 17 bis 20 Jahren arbeiteten spürbar besser als ihre Mitschüler in der Kontrollgruppe. Zumindest machten die Erleuchteten in verschiedenen standardisierten Leistungs- und Aufmerksamkeitstest bis zu einem Drittel weniger Fehler.
Mehr noch: Durch das tageshelle Licht verschob sich der Tagesrhythmus der Jugendlichen nach vorne. So waren die Schüler auch noch früher fit und sie zeigten seltener die typischen Symptome der sogenannten Morgenmüdigkeit, auch als Social-Jetlag bekannt. Aber auch die Lehrer profitierten vom Licht: Auch sie seien laut eigenen Angaben wacher gewesen und hätten sich besser gefühlt. „Der positive Einfluss von Licht bestimmter Farbtemperatur und Beleuchtungsstärke auf Leistungsfähigkeit und Wohlbefinden des Menschen ist zwar schon seit längerer Zeit bekannt, dass Schüler unter der optimierten Beleuchtung aber so gut abschneiden, ist schon beeindruckend“, sagt Katrin Hille, Forschungsleiterin des ZNL und Verantwortliche der Lichtstudie.
Parallelen zum Hawthorne-Effekt
Wer hier schon länger mitliest, den erinnert die gesamte Versuchsanordnung sicher an den sogenannten Hawthorne-Effekt aus dem Jahr 1924. Damals fragten sich die Manager von General Electric (GE), wie sie die Produktion in ihren Werken optimieren könnten. Damals untersuchten ein paar Wissenschaftler ebenfalls, ob sich eine Veränderung der Lichtverhältnisse auf die Leistung auswirken würde. Die Versuche wurden in den Hawthorne-Werken in Cicero/Illinois durchgeführt, die diesem Effekt ihren Namen gaben.
Damals informierten die Forscher die Arbeiter vorab darüber, was sie vorhatten. Danach wurde es in der Halle heller – und siehe da: Mit dem Licht stieg auch die Produktivität. Die Forscher waren baff und wiederholten das Experiment. Wieder informierten sie die Arbeiter, installierten zusätzliche Lampen – prompt stieg die Produktivität. Die GE-Manager freuten sich schon über Millionen Glühbirnen, die sie künftig verkaufen würden, dann machte einer der Wissenschaftler einen Einwand, der das Kartenhaus einstürzen ließ: Was wäre, wenn die Leistung der Arbeiter nicht wegen des Lichts stieg, sondern weil sie sich beobachtet fühlten?
Die Forscher wagten ein drittes Experiment. Erneut informierten Sie die Belegschaft, dass sie den Zusammenhang von Licht und Leistung untersuchen wollten. Nur diesmal installierten sie keine neuen Lampen – sie logen. Die Produktivität stieg trotzdem. Aus der Traum vom Millionenglühbirnengeschäft…
Das Experiment ging als Hawthorne-Effekt in die Geschichte ein. Es enthüllte unter anderem die Manipulationsanfälligkeit solcher Experimente, aber auch, dass die Arbeitsleistung nicht nur von den Arbeitsbedingungen abhängt, sondern ganz erheblich von sozialen und psychologischen Faktoren.
Über die Studie habe ich schon im Yello Bloghaus (Zur Erklärung: Ich bin da Social Media Manager) gebloggt und auch mit dem Osram-Pressesprecher Christian Bölling über den Hawthorne-Effekt diskutiert. Er versicherte dabei:
Die Schüler wussten nicht über die Intention der Studie Bescheid. Erst nach Abschluss der Studie wurden sie über Ziel und Hintergrund aufgeklärt.
Zudem sei die Studie von sehr erfahrenen Wissenschaftlern wie etwa Manfred Spitzer durchgeführt worden, der sich über mögliche verfälschende Effekte wie den Hawthorne Effekt durchaus bewusst gewesen sei. Bei der Untersuchung sei natürlich nicht auszuschließen, dass der Proband die Veränderung am Licht feststellt – wobei zum Beispiel in einer der beiden Schulen nicht nur der Versuchsraum, sondern auch der der Kontrollgruppe umgestaltet wurde, sodass es sich um zwei neue Lichtanlagen handelte. Doch gab es bezüglich Beleuchtungsstärke in den Vergleichsräumen keinen Unterschied – es war also nicht in einem Raum einfach “heller”.
Grundsätzlich wurden über ein Motivationssystem für beide Gruppen (Kontroll- und Vergleichsklasse) Anreize gesetzt, bestmöglich mitzuarbeiten. Außerdem war jeder Schüler mal in der Vergleichsgruppe und mal in der Kontrollgruppe, ohne einen Grund zu haben, das eine mal besser und das andere mal weniger gut mitzuarbeiten. Wir haben – aufgrund Ihres Hinweises – das Studiendesign noch mal ausführlich im Kreis der Wissenschaftler diskutiert. Alle sind der Meinung, dass das möglichste getan wurde, um verfälschende Effekte auszuschließen.
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