Igor Stevanovic/123rfDie Geschichte wiederholt sich immer wieder - und immer wieder überrascht sie einen auch: Wie kann es sein, dass hochbezahlte Menschen in Top-Positionen irgendwann anfangen, sich betrügerischen zu bereichern, zu stehlen, Spesenabrechnungen zu frisieren, Steuern zu hinterziehen...? Oft sind es Lappalien für die diese Menschen ihren Job und guten Ruf riskieren, Dinge, die sie sich locker legal leisten könnten. Studien erkennen inzwischen psychologische Muster dahinter...

Gier ist kein Kavaliersdelikt

Macht korrumpiert, keine Frage. Es wäre aber zu einfach, diese charakterliche Deformation allein auf Manager und Machtmenschen zu reduzieren. Jeden kann es treffen, Gier verführt überall - auf der Beletage ebenso wie im Großraumbüro.

Und sie ist kein Kavaliersdelikt. Werden Mitarbeiter erwischt, die nicht zwischen Mein und Dein unterscheiden können, die bei der Spesenabrechnung schummeln oder vorteilhafte Geschenke annehmen, fliegen diese in der Regel fristlos oder werden von Arbeitgebern zur Kündigung "im gegenseitigen Einvernehmen" gedrängt. Egal, ob es um Summen geht, für die es eigentlich nicht lohnt, Kopf und Kragen zu riskieren. Oft geht es um Kopierpapier, Briefumschläge, Druckertinte.

Muel Kaptein von der Rotterdam School of Management hat sich dem Phänomen erst kürzlich angenommen und dabei 52 Faktoren (PDF) ausmachen können, die solches Fehlverhalten begünstigen:

  • Vorbild. Mitarbeiter registrieren durchaus die Werte und Moral des eigenen Arbeitgebers. Spüren und beobachten sie tagtäglich, wie Kunden hintergangen, Zulieferer über den Tisch gezogen und Kollegen ausgenutzt werden, leidet mit der Zeit auch die eigene Rechtschaffenheit darunter. Man könnte auch sagen: Dank des schlechten Vorbildes werden die Betroffenen blind für die Folgen und tatsächlichen Kosten des Betrugs. Es ist ein bisschen wie mit dem Broken-Windows-Effekt: Wenn in einer Straße nur ein Haus mit ein paar zerborstenen Fensterscheiben steht, dann dauert es nicht lange, bis der ganze Wohnblock verfällt.
  • Tunnelblick. Die Menschen fokussieren sich zu sehr auf die Ziele oder mit dem Erreichen verbundene Prämien. So ein Ansporn ist nicht zwangsläufig verkehrt. Wird er aber zur Hauptsache, ist den Betroffenen irgendwann jedes Mittel recht, um zu diesem Ziel zu gelangen. Ähnlich wie beim Korrumpierungseffekt.
  • Konformität. Und natürlich spielt auch sozialer Druck eine Rolle. Um Kollegen und Mitstreitern zu gefallen, vielleicht sogar zu imponieren, tun Menschen Dinge, die sie normalerweise nicht tun würden. Hauptsache, zum Team dazugehören...
  • Euphemismen. Nicht selten werden für dubiose Praktiken Schönfärbereien und verschleiernde Begriffe verwendet. Aus Steuerhinterziehung wird ein Steuersparmodell; aus Bestechung wird Verkaufsförderung; aus Diebstahl werden Sachzulagen zum Gehalt.
  • Entfremdung. Wenn Mitarbeiter nur noch das Gefühl haben, ein kleines Rad im Getriebe zu sein und dass sich das Top-Management auf einer ganz anderen, weit entfernten Umlaufbahn bewegt, dann fällt es ihnen leichter, im Unternehmen nur noch eine leere und anonyme Quelle zur persönlichen Bereicherung zu sehen.
  • Selbsterhöhung. Manche meinen, sie schuften härter und leisten mehr als alle anderen. Nur bezahlt ihnen das keiner, und auch die erwartete Wertschätzung dafür bleibt gefühlt aus. Also gleichen diese Menschen den Missstand eben auf eigene Hand aus.
  • Neid. Die Menschen sehen den Reichtum ihrer Chefs, Kollegen oder Kunden und wollen auch ein Stück vom Kuchen abhaben. Alles andere wäre ja auch ungerecht. Also nehmen sie sich erst nur ein kleines Stückchen vom Kuchen - und hat das keine negativen Folgen, werden es immer größere und immer mehr. Kathleen Vohs, Psychologie-Professorin an der Universität von Minnesota, konnte bereits nachweisen: Allein die ständige Präsenz von Geld und Wohlstand, macht Menschen selbstsüchtiger.
  • Polarisierung. In einer Firmenkultur, die nur Gewinner oder Verlierer kennt, neigen die Menschen stärker dazu, zu betrügen. Immer nur zu den Verlierern zu gehören - wer will das schon? Dasselbe gilt übrigens auch für Nullfehlertoleranz: Dürfen Mitarbeiter keine Fehler machen oder werden die unverhältnismäßig bestraft, neigen diese sofort dazu, diese zu verheimlichen und zu vertuschen.
  • Schlaflosigkeit. Es klingt kurios, deckt sich aber mit anderen Studien: Übermüdung wirkt sich negativ auf die Moral aus. Wenn wir schlapper werden, sind wir anfälliger für Versuchungen, weil damit unsere Selbstkontrolle geschwächt wird. So konnten beispielsweise schon vor einiger Zeit Forscher am Walter-Reed-Institut nachweisen, dass ausgeschlafene Menschen moralischer entscheiden als müde.
  • Folgenlosigkeit. Der Kölsche sagt: Et hätt noch emmer joot jejange. Freilich in einem anderen Zusammenhang. Aber die Denke ist dieselbe: Wenn es bisher folgenlos blieb, zu lügen und zu betrügen, nehmen das viele auch für die Zukunft an - und machen weiter.

Das Prinzip der gelernten Sorglosigkeit

Minerva Studio/ShutterstockDahinter steckt das Prinzip der gelernten Sorglosigkeit, wie es auch Dieter Frey, Professor für Sozialpsychologie an der Ludwig-Maximilians Universität in München, nennt. Erst klaut einer ein paar Kugelschreiber, dann nimmt er Batterien mit, schließlich lässt er den Drucker mitgehen oder gleich den ganzen PC.

Sind doch Bagatellen! Alles längst abgeschrieben!, denkt mancher. Und weil das niemand kontrolliert, wird der Umgang mit Firmengeldern und -eigentum immer großzügiger, bis die Grenze zur Untreue oder zum Betrug längst überschritten ist.

Auch nach Freys Erkenntnissen steigert sich das Verlangen, sich zu bereichern, in vier kleinen Schritten. Sie können diese lesen, wie typischen Phasen auf dem Weg zu unethischem Verhalten - oder wie einen kleinen Selbsttest, wann Sie selbst vielleicht schon so gedacht haben oder gar gerade denken...

  • Das tut doch jeder! Ob es wirklich jeder tut, wissen die Betroffenen natürlich nicht. Aber es klingt wie eine gute Rechtfertigung. Allerdings können sie auch keinen danach fragen, denn tief im Inneren nagt ihr Gewissen, dass es doch nicht korrekt ist, was sie da machen. Andererseits: Jeder hat Dreck am Stecken. Wer suchet, der findet. Sollen die sich mal nicht so haben, wer ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein und so. Mag sein. Dumm nur, wenn man gerade nach ihren Sünden sucht.
  • Es steht mir zu! Da hat sich einer zwei Monate intensiv um das Projekt gekümmert, bis in die Puppen geschuftet, Frau und Kinder nur an Wochenenden gesehen und jetzt, mit dem Abschluss, dem Unternehmen einen Millionenumsatz eingehandelt. Was ist da schon eine läppische Druckerpatrone, die man sich mitnimmt? Außerdem hat man ja auch von zuhause gearbeitet. Stimmt. Aber warum fragen diese Menschen dann nicht gleich den Chef nach der Dreigabe? Vielleicht schenkt er ihnen noch eine zweite Patrone dazu. Vielleicht aber auch nicht.
  • Die wissen doch gar nicht, was sie an mir haben! Wer so denkt, leidet höchstwahrscheinlich an chronischer Selbstüberschätzung – oder, wie es die Psychologen nennen, an kognitiver Dissonanz. Wer hart arbeitet, viel leistet, darf sich etwas gönnen. Dass es im Tagesverlauf immer mal kurze Erholungspausen gibt, einen Plausch mit Kollegen bei Kaffee, mag noch normal sein. Bedenklich wird es dann, wenn solche Konversationen zur Arbeitsflucht ausarten und sie beginnen, während der Arbeitszeit einkaufen zu gehen oder Werbegeschenke und Büroutensilien bei Ebay verticken.
  • Der Ehrliche ist der Dumme! Viele denken: In dem Laden wird dir nichts geschenkt. Man ist hier doch nur Arbeitssklave. Also ist es nur fair, für ein wenig Ausgleich zu sorgen, um der systematischen Ausbeutung ein Schnippchen zu schlagen. Eine virtuose Erklärung – von Unrechtsbewusstsein keine Spur. Und ein sicherer Weg in den Abgrund.

Wie sich davor schützen lässt?

Letztlich vor allem durch kritische Selbstreflexion. Indem Sie sich selbst an die Kandare nehmen und sich guten Freunden anvertrauen, die Ihnen einen Spiegel vorhalten. Die ungeschminkten Kommentare solcher Vertrauter schärfen das Bewusstsein darüber, was geht und was nicht.

Hören Sie auf diese Freunde - und auf Ihr Gewissen!

[Bildnachweis: Igor Stevanovic by 123rf.com, Minerva Studio by Shutterstock.com]