Falls Sie Twitter nutzen, haben Sie sicher schon bemerkt, dass Sie dort seit kurzem gelistet werden. Seitdem kann man Nutzern bei dem Mikronachrichtendienst nicht nur einfach folgen, sondern diese auch in persönliche Listen eintragen und so deren Tweets sortieren, organisieren – und diese Listen (pro Nutzer sind bis zu 20 erlaubt) sogar veröffentlichen und anderen zugänglich machen.
Auf den ersten Blick ist das eine überfällige Erweiterung, um dem stetig lauter werdenden Gezwitscher wenigstens etwas Herr zu werden. Das Angebot hat jedoch weitreichende Folgen. So entwickeln sich die Twitter-Listen inzwischen schon zu einer Art heimlichem Reputationsindex für einzelne Nutzer, Motto: Sage mir, auf wie vielen Listen du stehst, und ich sage dir, wie einflussreich du bist.
Dass das so interpretiert wird, verwundert kaum. Seit Monaten lässt sich beobachten, wie die Followerzahlen – bisher das Seismometer für Zwitscher-Popularität – an Aussagekraft verlieren. Sie lassen sich eben zu leicht manipulieren. Was sagt zum Beispiel eine Zahl von 5000 Followern aus, wenn derjenige selbst knapp 4000 Twitterern folgt? Mit derlei Gegengeschäften lassen sich Profile zwar im Nu aufmotzen, doch drängt sich dabei immer auch die Frage auf, wie man bitteschön noch einer Timeline von 4000 Followern folgen, geschweige denn zu diesen Leuten Kontakt halten kann? Das ist schlicht unglaubwürdig und riecht verdächtig nach Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom.
Dasselbe könnte zwar schon bald auch mit den Listen passieren, Motto: Listest du mich, liste ich dich, doch derzeit ist das Gütesiegel noch neu und gibt daher einen bisher relativ unverfälschten Blick auf die Reputation eines Profils. Und nicht zuletzt lieben die Leute listen. Das hat Vorteile, birgt aber auch Gefahren. Hier die wesentlichen Punkte als Diskussionsgrundlage – natürlich in Form einer Liste:
- In ist, wer drin ist. Je häufiger jemand gelistet wird, desto positiver wirkt das auf sein Image. Listennamen wie „Lesenswert“, „Top-Experten“ oder „Influencer“ beinhalten nicht zuletzt ein Werturteil (von Dritten) und stellen damit eine wertvolle Referenz dar. Egal, ob man dem zustimmt oder nicht: In Summe ergeben die Eigenschaften, die einem dabei zugeordnet werden, eine Schattenprofil, praktisch ein Spiegel der Fremdwahrnehmung im Netz. Und da die öffentlich geführten Listen von anderen abonniert werden können, entsteht so zugleich eine Art Empfehlungsnetzwerk mit viraler Wirkung.
- Hinzu kommt, dass sich über die Listen potenzielle Kontakte finden lassen. Insbesondere wenn diese nach Branchen oder Berufsgruppen sortiert sind, lassen sich darüber leicht Twitterer finden, die im gleichen Umfeld arbeiten oder für Gleiches interessieren. Denen kann man dann jeweils persönlich oder per Liste folgen.
- Auch Unternehmen können Listen nutzen, um etwa ihr Portfolio twitternder Kollegen transparent zu machen, woraus sich eine völlig neue Form der Kommunikation mit Kunden und Mitarbeitern ergeben kann. Denken Sie etwa an Listen mit dem Titel „Unsere Kundendienstmitarbeiter“ oder „Kollegen der Personalabteilung“. Das Ganze lässt sich natürlich auch lokal oder international erweitern: „Kölner Kollegen“, „Mitarbeiter in Madrid“. So avancieren die Listen zur nützlichen Anlaufstelle für Kunden, Bewerber oder Kollegen und regen zugleich zum Dialog an.
- Überdies lassen sich Listen von Referenzkunden einrichten, von Zulieferern oder Kooperationspartnern. Sie bekommen so den Charakter einer Art Twitter-Blogroll – und natürlich einer Zitiergemeinschaft.
- Der erste Vorteil kann zugleich ein entscheidender Nachteil sein – dann, wenn jemand Anti-Listen führt. Also zum Beispiel Listen mit den Überschriften „Spammer“, „Unfollow-Friday“ oder „Kannichnichtleiden“. Nicht gerade rühmlich dort aufgeführt zu werden. Bislang kann man solche Listenführer allenfalls blocken – der Ruf hat dann aber schon gelitten.
- Die mit den Listen einhergehende Transparenz und indirekte Bewertung seiner Twitter-Freunde kann zu manch atmosphärischer Störung führen, falls sich jemand auf einer wichtigen Liste vermisst oder gar falsch eingruppiert fühlt. Und nicht zuletzt gibt derjenige, der die Listen anlegt, einiges über sich und seinen Freundeskreis preis: Wen zählt er überhaupt dazu? Wer sind seine Top-Informanten? Aber auch: Wen ignoriert er?
Die Vorteile
Die Nachteile
Keine Frage, die Listen sind nützlich zur Organisation seiner Timeline und Twitter-Bekanntschaften. Indirekt aber erhöhen sie die Transparenz der Nutzer noch einmal und bilden eine Art zusätzliches Reputationsprofil, das man selbst kaum noch beeinflussen kann.








Niels Warnecke
Das “Follow me and I follow You” Prinzip ist in der Masse in der Tat Quatsch. Dies gilt analog auch für alle anderen Social Media Applikationen. Was besagt denn z.B. ein Xing-Profil mit über 2.000 Kontakten über das Profil aus? Meine Antwort: Da hat einer das Messie-Syndrom…
Julia
Na, aber das Positive an den Listen ist doch, dass man sie ganz einfach privatisieren kann. So sieht niemand die eigene Einteilung in die Liste eines anderen. Jeder kann seine Listen öffentlich oder privat anlegen…
Jochen Mai
@Julia: Über private Listen, insb. deren Reputations-Wirkung, muss man aber auch nicht nachdenken – so wie man auch nicht über die Reputations-Wirkung von Tagebüchern auf Papier sinnieren muss.
Julia
Ja das stimmt schon. Über Reputation etc. kann man nur anhand der öffentlichen Listen nachdenken. Aber muss man das wirklich? Wenn ich schaue, in welche Listen ich eingeteilt wurde… dann ergibt sich daraus ein überaus witziges Bild von mir…
Jochen Mai
Witzig für dich. Die Gefahr: Dritte nehmen es ernst.