Es gibt verschiedene Arten, Konsumenten in Läden zu locken oder zum Kaufen zu animieren. Die eine ist purer Luxus. Luxusgüter gehen immer, sie kennen keine Konjunkturzyklen. Aber mal ehrlich: Wenn das Markenlabel auf manchen dieser Produkte nicht besonders auffällig prangen würde, könnte man sie kaum von anderen unterscheiden. Und wenn man den Gedanken weiterspinnt, muss man sich sogar fragen, warum es überhaupt so etwas wie Luxusgüter gibt. Streng genommen dürften sie gar nicht existieren – sie widersprechen so ziemlich allen ökonomischen Gesetzen. Einerseits.
Der amerikanische Ökonom Thorstein Veblen machte sich schon vor Dekaden in seinem Werk “Theorie der feinen Leute” im Jahr 1899 ein paar Gedanken über Luxusgüter. Zuvor glaubten Wirtschaftswissenschaftler uneingeschränkt an das Gesetz der Preiselastizität. Es sagt mehr oder weniger: Wenn der Preis steigt, sinkt die Nachfrage. Zwar verlaufen die Kurven dazu bei einigen Gütern unterschiedlich steil (das ist die Elastizität), aber die Richtung ist praktisch immer dieselbe.
Entsprechend dürfte es zum Beispiel Luxusautos gar nicht geben. Gemessen an der Nachfrage für ihren Preis lohnt sich deren Entwicklung und Produktion kaum. Zudem bringt einen auch ein simpler Golf von A nach B, ist billiger und verbraucht obendrein weniger Benzin. Nur ist die Wolfsburger Mittelklassekarosse vielleicht nicht ganz so schnell und dürfte auch nicht allzu viele Blicke auf sich ziehen.
Der Veblen-Effekt: Dolce Vita als Dreingabe
Ganz anders beim schnittigen Italoflitzer: Sobald der um die Kurve röhrt, bleiben die Passanten stehen, schauen entweder verzückt oder neidisch drein und manch einer kommt ins Schwelgen. Das Auto vermittelt ein Lebensgefühl aus Dolce Vita und Playboy-Romantik. Und genau das ist das Entscheidende: Man bezahlt bei solchen Autos nicht nur den hochgetunten Motor, das Sechs-Gang-Getriebe oder das kurvige Chassis, man bezahlt vor allem die unsichtbaren Extras, die bei jedem Luxusgut mit ausgeliefert werden. Je mehr das sind, desto höher der Preis und – das ist das Paradoxe – desto begehrenswerter wird das Produkt.
Das nennt man dann den Veblen-Effekt.
Im Alltag tritt er an zahlreichen Stellen auf, etwa bei Statussymbolen wie Autos, Schmuck, Mode. Aber auch bei Luxusimmobilien, Segel- oder Motoryachten. Zu den verrücktesten Veblen-Produkten, die schier aberwitzige Rekordpreise erzielen, zählen etwa diese:
- Das teuerste Anwesen der Welt steht im Londoner Edelviertel Kensington. Der Inder Lakshmi Mittal, Besitzer des Stahlkonzerns Arcelor Mittal, zahlte 2005 dafür umgerechnet 105 Millionen Euro.
- Das teuerste Hotelzimmer der Welt ist das Penthouse im Hotel Martinez in Cannes. Das 500-Quardratmeter-Apartment hat eine 200-Quadratmeter-Terrasse mit Blick über die Bucht von Cannes und die Estérel-Berge und verfügt neben einem Wohnzimmer, zwei Schlafzimmern, Speisezimmer auch über zwei Bäder mit Hammam, Whirlpool, Sauna und extra Ankleideraum. Der Preis pro Nacht: 45.000 Euro.
- Das teuerste Auto der Welt ist ein Ferrari 250 Testa Rossa, Baujahr 1957. Er wurde 2009 im italienischen Maranello versteigert – zum Preis von neun Millionen Euro.
- Die teuerste Uhr der Welt stammt von der Schweizer Luxusmarke Chopard, ausgestattet mit Hunderten von funkelnden Diamanten. Das Glitzergeschmeide fürs Handgelenk hat den Gegenwert einer hochwertigen Motoryacht: 20 Millionen Euro.
- Den teuersten Cocktail der Welt können Sie im Burj al Arab schlürfen. Für schlappe 4690 Euro bekommen Sie in dem höchsten Hotel Dubais einen 55 Jahre alten Whiskey serviert mit Maracujazucker auf Eiswürfeln aus schottischem Edelwasser.
Keine Frage, all diese Dinge müssen nicht sein. Kein Mensch braucht sie wirklich. Aber genau das macht die Faszination von Luxus aus – man leistet ihn sich trotzdem. Was auch mit einem zweiten Effekt zusammenhängt:
Der Reaktanz-Effekt: Die Magie der Rarität
Die zweite Art, uns zum Kauf zu verführen, ist Sozialneid. Das ist vielleicht etwas hart ausgedrückt. Aber letztlich steckt der hinter dem sogenannten Reaktanz-Effekt. Denn um uns zum Kauf zu verleiten, reicht es oft schon aus, uns deren Knappheit vor Augen zu führen.
Raritäten ziehen uns nämlich magisch an. Entdeckt hat das Phänomen der Verhaltensforscher Jack Brehm bereits 1966. In seinem Experiment ließ er von zwei Probandengruppen vier Musikalben bewerten. Als Belohnung versprach er der einen Gruppe eine dieser Schallplatten zur freien Wahl. Den anderen bot er lediglich an, ihnen eine der Platten zu schenken. Am letzten Versuchstag bekamen beide Teams jedoch mitgeteilt, dass zwei der vier Alben bereits vergeben seien. Prompt ging ein Raunen durch die Gruppe jener Teilnehmer, die ihren Preis hätte selbst aussuchen können. Auf einmal waren es genau die vergriffenen Scheiben, die sie am liebsten gehabt hätten. Übrigens ist das ein klassischer Fall von kognitiver Dissonanz – von virtuellen Verlustgefühlen.
Oder wie Ökonomen sagen würden: Je knapper das Gut, desto höher bewerten wir es.
Vereinfacht gesagt läuft dann bei uns jedes Mal folgender Prozess ab: Sobald irgendein Gut knapp wird (Schuhe, Sportwagen, Technik-Gadgets) oder während eine Handlung moralisch eingeschränkt ist (auf der Arbeit private Telefonate führen, schneller fahren als erlaubt, fremdgehen), bewirkt das in uns eine Art Trotzreaktion, nach dem Motto: „Das wollen wir doch mal sehen!“
Doch das, was wir wirklich sehen, ist ein lachender Verkäufer, ein niedriger Kontostand und die Erkenntnis, dass wir stets mehr haben wollen, als wir brauchen.
Gut, dass heute Sonntag ist.
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Jörg Oyen
Danke. You make my day. Mache mich jetzt rar – steigert den Preis.
Ina
Mach mich glücklich mit diesem Buch!
Florian
Sehr interessante Thematik, aber sollten dann die zu gewinnenen Bücher nicht dementsprechend noch signiert werden, um den angesprochenen Raritätseffekt zu schaffen und mehr Kommentare zu bekommen?
Anton
Ich würde gerne noch mehr über die Effekte erfahren.
Her mit dem Buch, damit ich noch besser gerüstet bin :D
Cheers
Anton
Kevin Pliester
Immer her damit! :)
Kostenlos ist zwar nicht teuer, verführt aber auch ungemein. :)
Daggi
Interessanter Artikel und ein gesamtes Buch darüber ist sicher auch ziemlich spannend. Würde mich über ein Buch freuen :)
Paul
This book is going to be mine ;)
Lassen-Consulting
Wir Menschen sind schon merkwürdig ;) Diesen Theorien folgend, müssten unsere knappen Ressourcen, etwa Öl, sooooo wertvoll in den Augen der Menschen werden, dass ein höherer Spritpreis, wäre er denn Folge der Ressourcenschonung, nicht weiter stören würde. Aber beim Luxus geht es wohl nicht um die Dinge, die wir brauchen, sondern um die, die wir wollen. Und das ewige Wollen führt zu den o. e. Effekten.
Ein sehr aufschlussreicher Artikel – ich bleibe trotzdem lieber bei der nachhaltigen Lebensweise ;-)
Florian Urban
Super Thema, vor allem für einen Marketing und Sales Studenten wie mich. Würd mich über das Buch freuen!
Fatma
ein super interessantes Buch, ein super interessantes Thema, würde es aufjedenfall gerne haben :)
Julia
Super interessantes Thema, würde sehr gerne mehr drüber lesen!
NJS-Photographie
Einen 55 Jahre alten Whisky mit Zucker & Eiswasser? Mir graut es, wenn ich das höre.
Martin
Da ich mich wissenschaftlich mit Kaufentscheidungen beschäftige, würde ich mich über dieses Buch als zusätziche Inspiration sehr freuen
Regina
Top Thema! Würd mich auch sehr über das Buch freuen :)
Kevin
Super interessanter Artikel, da ich mich privat viel mit Psychologie beschäftige würde auch ich mich über das Buch freuen :-)
Laura H.
Hört sich super an! :D
Marc Böhle
Im spinnen bin ich groß, da würde ich gerne noch die Lektüre zu haben.
Sandra
Ich glaube ich spinne nicht, wenn ich sage: Ich denke, das Buch ist bestimmt super spannend!
Kirsten Gahlen
Hört sich sehr gut an- sicherlich für WiWis sehr interessant. Würde mich drüber freuen :-)
Kathy Ertl
Sehr schöner Beitrag. Endlich mal wieder was zu diesem Thema. ;)
Und nachdem keiner davor gerüstet ist, würde ich gerne auch eines dieser wunderbaren Bücher von Euch bekommen. Und wenn nicht, kaufen werd ich es mir trotzdem. Das ist ein Muss für jedes Bücherregal. :)
Isabell
Oh, ich bin ein Paradebeispiel! :) Daher würde das Buch perfekt zu mir passen. :)
Liebe Grüße
Katrin (@LPfan1989)
Würde mich über das Buch sehr freuen ^^
Michael Layer
Wie immer interessant! Und als treuer (Bibel)Leser und Fan eurer Seite, würde ich mich natürlich auch über eines der Bücher freuen!
Peter Witzani
einkaufen ist als Verkäufer ein spannendes Thema
Christina Bothe
Immer wieder eine super Seite, die auf jede Favoriten-Liste gehört.
Joachim
Veblen, Reaktanz, Dolce Vita: Laute schöner Wörter bei Jochen Mai. Ich lese ja die Artikel in dieser Rubrik hauptsächlich wegen der ganzen schönen Begriffe. Unbedingt laut lesen, macht Laune!
David
Ich höre es meinen VWL Prof noch dahinbeten… ;)
Gabi
Das Phänomen der Verknappung ist nur all zu oft künstlich erzeugt. Wir sind es gewohnt alles sofort zu bekommen, wenn wir das Geld dafür haben.
Früher in der DDR war das ganz anders. Man hatte zwar das Geld für ein Auto, aber ALLE mußten 10 Jahre drauf warten.
Deshalb gab es viel weniger Sozialneid als heute.
Warum muß ich 6 Monate auf eine Hermes Handtasche warten? Weil mir suggeriert werden soll, daß Qualität eben Geduld erfordert. Von wegen Handarbeit und großer Nachfrage usw. Dabei werden solche Dinge inzwischen auch industriell
hergestellt. Also völliger Bullshit. Paris und Victoria müssen auch nicht warten…
Aber ich muß los, bei Aldi gibt es gerade Fahrradtaschen und ehe die verknappen….
Jochen Mai
Unsere kleine Verlosungsaktion ist abgeschlossen, die Gewinner ermittelt und benachrichtigt. Allen vielen Dank fürs Mitmachen!
Gabi
Vielen Dank für das tolle Buch, was wirklich spannend zu lesen ist. Ich meine eigentlich die Tricks und Mechanismen z.B. der Werbeindustrie zu durchschauen und bin immer wieder perplex, wie diffizil die Verführungen auch bei nüchtern denkenden Menschen funktionieren und ans Ziel kommen.
Wirklich ein interessantes Aha-Effekt Buch.