Bevor ich zur eigentlichen Studie komme, muss ich ein paar Vorbemerkungen machen: In der Psychologie gibt es seit Jahren schon das Konzept der sogenannten Big Five, beziehungsweise das Fünf-Faktoren-Modell in der Persönlichkeitspsychologie. Danach lässt sich, grob gesagt, jeder Charakter anhand der jeweiligen Ausprägung von fünf Haupteigenschaften bestimmen: Neurotizismus, Extraversion, Offenheit für Erfahrungen, Verträglichkeit und Gewissenhaftigkeit. Natürlich sind Charaktere vielschichtiger und das Modell nur holzschnittartig wie jedes Modell. Dennoch lassen sich damit – wenn auch vereinfacht – relativ verlässliche Aussagen über bestimmte Typen treffen.

So sagt Wikipedia beispielsweise über die Big Five folgendes:

Personen mit hohen Neurotizismuswerten geben häufiger an, sie seien leicht aus dem seelischen Gleichgewicht zu bringen. Im Vergleich zu emotional stabilen Menschen berichten sie häufiger, negative Gefühlszustände zu erleben oder von diesen geradezu überwältigt zu werden. Sie berichten über viele Sorgen und geben häufig an, erschüttert, betroffen, beschämt, unsicher, verlegen, nervös, ängstlich oder traurig zu reagieren. Indessen wird Personen mit höheren Neurotizismuswerten auch eine höhere Empathie zugeschrieben.

Das Hauptcharakteristikum von Personen mit hohen Extraversions- bzw. niedrigen Introversionswerten ist, dass sie gesellig sind. Sie beschreiben sich als selbstsicher, aktiv, gesprächig, energisch, heiter und optimistisch. Extravertierte mögen die Gesellschaft von Menschen, sie fühlen sich in Gruppen und auf gesellschaftlichen Versammlungen besonders wohl, sie lieben Aufregungen.

Personen mit hohen Offenheitswerten geben häufig an, dass sie ein reges Phantasieleben haben, ihre eigenen Gefühle, positive wie negative, deutlich wahrnehmen und an vielen persönlichen und öffentlichen Vorgängen interessiert sind. Sie beschreiben sich als wissbegierig, intellektuell, phantasievoll, experimentierfreudig und künstlerisch interessiert. Sie sind eher bereit, bestehende Normen kritisch zu hinterfragen und auf neuartige soziale, ethische und politische Wertvorstellungen einzugehen. Sie sind unabhängig in Ihrem Urteil, verhalten sich häufig unkonventionell, erproben neue Handlungsweisen und bevorzugen Abwechslung.

Ein zentrales Merkmal von Personen mit hohen Verträglichkeitswerten ist ihr Altruismus. Sie begegnen anderen mit Verständnis, Wohlwollen und Mitgefühl, sie sind bemüht, anderen zu helfen, und überzeugt, dass diese sich ebenso hilfsbereit verhalten werden. Sie neigen zu zwischenmenschlichem Vertrauen, zur Kooperativität, zur Nachgiebigkeit, und sie haben ein starkes Harmoniebedürfnis.

Personen mit hohen Gewissenhaftigkeitswerten handeln organisiert, sorgfältig, planend, effektiv, verantwortlich, zuverlässig und überlegt.

Na, haben Sie sich wiedererkannt? Sicher, eine Reinform gibt es praktisch nicht. Wir sind allesamt Mischlinge. Aber die Mischung macht’s eben. Und die ist so verschieden wie Menschen verschieden sind.

Zeige mit dein Online-Profil, und ich sage dir, wer du bist

Nun aber haben chinesische Forscher um Shuotian Bai von der University of Chinese Academy of Sciences in Beijing eine Art Online-Test für die Big Five entwickelt – und sie sagen, sie könnten anhand der jeweiligen Online-Profile in sozialen Netzwerken ziemlich genau einen solchen Persönlichkeitstyp bestimmen. Oder kurz: Du bist dein Soziales Netzwerk.

Wie Shuotian Bai darauf kommt?

Zunächst einmal haben er und seine Kollegen sie 200 chinesische Studenten mit einem Renren-Account (die asiatische Variante von Facebook) zufällig ausgewählt und einen klassischen Persönlichkeitstest absolvieren lassen. Den gibt es schon seit den 1990er Jahren, entwickelt wurde er an der Universität von Kalifornien in Berkeley und gilt heute als Standard.

Zur gleichen Zeit analysierten die Wissenschaftler die Online-Profile ihrer Probanden. Aber nicht nur deren Umfang der Eigenangaben zu Alter, Beziehungsstatus, Vorlieben, sondern auch deren Verhalten und Post-Frequenz sowie den emotionalen Gehalt der Posts: Waren die Statusmeldungen mehrheitlich lustig, verärgert, aggressiv, überrascht, flirtend, und so weiter…

Anschließend untersuchten die Forscher, ob es irgendwelche Korrelationen zwischen dem Ergebnis des klassischen Tests und den Online-Psychogrammen gab. Und ja, es gab sie: Diverse Online-Verhaltensmuster bewiesen sich als sehr gute Indikatoren für die tatsächliche Persönlichkeit (so grob die bei so was bestimmt werden kann). Ein paar Beispiele:

  • Besonders Gewissenhafte neigten eher dazu Fragen zu posten oder um Hilfe zu bitten, etwa bei der Suche nach einer E-Mail-Adresse.
  • Extravertierte wiederum nutzten wesentlich häufiger Emoticons (Ich dachte, die seien längst out).
  • Die Häufigkeit von Statusmeldungen wiederum korrelierte stark mit der Offenheit einer Person.
  • Und Neurotizismus offenbarte sich daran, wie häufig die anderen (!) zornige Kommentare dazu schrieben.

Und aus eben diesen Korrelationen leiten die Forscher nun ihre Psychogramme ab, Motto: Zeig mir dein Profil, und ich sage dir, wie du drauf bist.

Facetten: Ja – Persönlichkeit: Nein

Ich finde solche Studien ebenso amüsant wie bedenklich. Letzteres, weil sie zum Schubladendenken verleiten. Und noch lange nicht gesagt ist, dass das was wir online sehen, wirklich schon die ganze Persönlichkeit ist oder nicht vielleicht doch nur die Oberfläche eines Eisbergs.

Ich selbst nehme mich da gerne als Beispiel: Ich bin schon einige Jahre recht öffentlich im Netz unterwegs. Und immer wieder begegnen mir fremde Menschen, die meinen mich deshalb schon ganz gut zu kennen. Dabei schreibe ich zum Beispiel ebenfalls seit Jahren über das Thema Personal Branding. Und natürlich halte ich mich selbst daran. Öffentlich gebe ich nur so viel von mir preis, wie ich preisgeben will. Ich bin mir über die Wirkung bewusst. Klar, das alles ist auch authentisch. Aber das heißt nicht, dass ich nicht noch andere Facetten hätte. Nur eben nicht öffentlich. Wer macht sich denn im Netz auch nackig (außer Pornodarstellern)?

Insofern stellt sich die Frage: Wenn vielen anderen das ebenfalls bewusst ist – ich bin da sicher keine Ausnahme -, wie aussagekräftig ist dann das Online-Verhalten noch?

Andererseits – und diese Studien gibt es eben auch – können Fremde oft genauere Aussagen über eine Persönlichkeit treffen als deren beste Freunde. Und das nur, weil sie zum Beispiel kurz einen Wohnraum der Person gesehen haben.

Wie so oft liegt die Wahrheit wohl in der Mitte: Facetten eines Menschen erkennen, die sich in seinem Online-Verhalten offenbaren? Ja, das geht. Daran eine ganze Persönlichkeit erkennen? Eher nicht.

Manche Menschen wissen ja nicht mal selbst, wer sie sind.