Fangen wir mit denen an, die es tun: viel reden. Sie finden, meinen, denken, glauben, nehmen an, behaupten, schlagen vor, vermuten und sagen jetzt mal so. Allem voran stellen sie das Ich, wirbeln Wortkaskaden durch die Luft und verwandeln so jedes Gespräch in Geschnatter. Wer die Klappe hält, hat mehr Macht.
Den Kniff entdeckte schon der Künstler Andy Warhol. Seine Interviews waren Exerzitien des Orakelns. Auf Fragen antwortete er vage und immer kurz. Und Journalisten, die ihn interviewten, erhöhten die oft bedeutungsleeren Phrasen – nur, weil sie glaubten, hinter der Plattitüde müsse etwas Profundes stecken. Dabei war es nur Blabla. Allerdings wohldosiertes.
„Die menschliche Zunge ist eine Bestie, die nur wenigen gehorcht. Ständig versucht sie, aus ihrem Käfig auszubrechen“, warnte Leonardo da Vinci. Und so ist es bis heute: Quasselstrippen genießen nicht nur wenig Ansehen, sie riskieren ständig, etwas Blödes oder gar Gefährliches zu sagen. Es ist ein Fehler, Menschen mit Worten beeindrucken zu wollen. Das wusste schon jener Abbé Joseph Antoine Dinouard, der 1771 ein Traktat über Die Kunst, den Mund zu halten verfasste. Je mehr man sagt, desto durchschnittlicher wirkt man.
Es gibt Untersuchungen, die zeigen, dass die Aufmerksamkeit Ihres Gegenübers bereits nach zehn Sekunden sinkt. Nach 60 Sekunden beginnen die meisten darüber nachzudenken, was sie darauf antworten wollen. Und nach zwei Minuten hört Ihnen eh keiner mehr zu. Reden ist eben nur Silber, Schweigen viel machtvoller.
Wer bewusst mit Worten geizt, macht jedes einzelne davon wertvoller, vermehrt die Aufmerksamkeit, die ihm zuteil wird und bringt die Leute dazu, lange darüber nachzudenken, was zwischen den Zeilen stecken könnte.
Allerdings ist es beim Schweigen wie mit allen Taktiken: Man sollte sie gelegentlich variieren.
Menschen sind Gewohnheitstiere. Sie haben das Bedürfnis, im Verhalten anderer Konstanten zu erkennen. Wer also vorhersehbar handelt, verschafft anderen damit ein gewisses Maß an Kontrolle über sich. Wer hingegen unberechenbar bleibt, steigert seine Macht. Verhaltensweisen, hinter denen man weder Sinn noch Zweck erkennen kann, wecken Interesse, machen neugierig, irritieren aber auch. Ihre Zuhörer werden dann über die Motive spekulieren, darüber reden, meinen, denken, glauben und versuchen, Muster zu erkennen, die es nicht gibt. Im Extremfall führt diese Strategie zu blankem Terror.
So weit müssen Sie ja nicht gehen. Und bis dahin versorgt die auftretende Stille den Schweigsamen mit viel Charisma.







Manfred Böcker
Zum Thema Schweigen und Charisma: stimmt. “Das Geheimnisvolle hat einen gewissen göttlichen Anstrich.” Baltasar Gracián (1601-1658)
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Nicolas vom Gentleman-Blog
Alles was inflationär vorhanden ist, verliert dabei automatisch seinen Wert. Wir tun also gut daran unsere Worte und Gedanken nicht billig und um jeden Preis an den Mann zu bringen. Keine Angst vor dem Schweigen!
Nicolas