Dyslexie: Trotzdem erfolgreich im Job
Legasthenie oder auch Dyslexie ist eine weit verbreitete Lese- und Rechtschreib-Schwäche, von der mehr als fünf Millionen Deutsche betroffen sind. Obwohl sie genauso intelligent wie andere sind, haben sie insbesondere während der Schulzeit mit erheblichen Vorurteilen zu kämpfen. Oft werden sie als dumm, lernbehindert oder faul abgestempelt. Dennoch können viele Betroffene später im Beruf von sich behaupten: Ich habe Dyslexie – und bin trotzdem erfolgreich...

Dyslexie: Es mangelt an Aufklärung

Um Legasthenie oder Dyslexie ranken sich viele Mythen. Aus Unwissenheit! Selbst Lehrer und Ärzte warten mit eher unzureichendem Wissen auf, da das Thema Dyslexie in ihrer Ausbildung gar nicht, oder nur am Rande behandelt wird.

Daraus resultiert häufig Unverständnis gegenüber Betroffenen, was mitunter fatale Auswirkungen auf deren Seelenleben haben kann. Denn wer von seinem Umfeld trotz altersgerechter Intelligenz als lernbehindert oder faul abgestempelt wird, kommt selten mit einer heilen Seele davon.

Neben den typischen Auswirkungen von Dyslexie sind dementsprechend psychische und häufig soziale Beeinträchtigungen die Folgen. Aber was ist Dyslexie per definitionem?

Definition Dyslexie

Unter Dyslexie versteht man Probleme mit dem Lesen und Verstehen von Wörtern oder Texten bei normalem Seh- und Hörvermögen der betroffenen Person. (...) Oft tritt sie das erste Mal im Rahmen einer so genannten Lese-Rechtschreib-Schwäche (Legasthenie) in den ersten Schuljahren zutage.

[Quelle: Wikipedia]

Legasthenie oder Dyslexie geht in der Regel auf eine neurobiologisch bedingte Beeinträchtigung zurück, die in verschiedenen Formen und Ausprägungsgraden auftritt. Experten unterscheiden zwischen einer genetischen Veranlagungen zu Dyslexie und einer erworbenen Dyslexie. Letzte ist auf ein mangelndes Lese- und Schreibtraining im Kindesalter zurückzuführen. Die Folge ist eine unzureichende Entwicklung des Sprachzentrums.

Dyslexie: Neurobiologische Störung

Lithiumphoto/shutterstock.comWissenschaftler vom Children’s Hospital in Boston konnten das belegen. Sie untersuchten 36 Vorschulkinder mittels Kernspintomografie. Während des Scans absolvierten die Probanden aus Familien mit und ohne Dyslexie-Vorgeschichte Leseübungen.

Das Ergebnis: Bei den Betroffenen mit familiärer Belastung war ein reduzierter Stoffwechsel in bestimmten Gehirnregionen nachweisbar. Auch die Vorschulkinder mit Dyslexie-Risiko zeigten in den Scans in bestimmten Arealen des Gehirns keine Aktivität. Dies lies die Wissenschaftler vermuten, dass beim Lesen die entsprechenden Hirnregionen normalerweise "eingeschaltet" werden, um Schriftsprache korrekt erfassen und verarbeiten zu können.

Oft fällt das Handicap erst in den ersten Schuljahren beim Lesen- und Schreibenlernen auf. Die Betroffenen fallen weit hinter den Klassenkameraden zurück, obwohl sie im Mündlichen unter Beweis stellen, über die gleiche Aufnahmefähigkeit neuer Inhalte zu verfügen.

Schon beim geringsten Verdacht auf Dyslexie sollte der Weg direkt zum Kinderarzt führen. Dabei gilt: Lieber einmal umsonst, statt zu spät zum Mediziner gehen. Denn je früher die Dyslexie erkannt und behandelt wird, umso besser das Therapieergebnis.

Der Arzt hinterfragt zunächst folgende Aspekte:

  • Wie äußert sich die Lesestörung?
  • Leidet bereits ein anderes Familienmitglied an einer Dyslexie?
  • Wie hat sich das Kind bisher entwickelt?
  • Wie groß ist die Lernmotivation?
  • Bestehen psychische Leiden oder andere Krankheiten bei dem Kind?

Dyslexie diagnostizieren und behandeln

Anschließend kommt es per Ausschlussverfahren zur Diagnose. Zum Beispiel sollte zunächst mittels Seh- und Hörtests geprüft werden, ob das Kind gut sehen kann oder eine Hörminderung besteht.

Mit einem Elektro-Enzephalogramm (EEG) können strukturelle Störungen des Gehirns oder Hirnfunktionsstörungen sichtbar gemacht werden. Und schließlich sollte ein Intelligenztest ausschließen, dass bei dem Kind eine verminderte Intelligenz das Lesen-Lernen behindert.

Steht die Diagnose Dyslexie, ist ein erster wichtiger Schritt in der Behandlung, das soziale Umfeld des Kindes und das Kind selbst aufzuklären. Immerhin können Verständnis und Empathie von außen den Druck, der auf das Kind einwirkt, erheblich mindern.

Weitere Schritte sind:

  • Eltern sollten das Kind für jeden Erfolg loben.
  • Die betroffenen Kinder erhalten sowohl in der Schule als auch außerhalb spezielle Förderungen.
  • Ausgebildete Therapeuten üben mit den Kindern das Lesen anhand verschiedener Trainingsmethoden, auch am Computer.
  • Eine mögliche Therapieform ist ein Lesetraining unter Zeitdruck, um die beteiligten Gehirnvorgänge zu synchronisieren.
  • Im Rahmen der schulischen Benotung wird die Leseschwäche berücksichtigt und aus der Bewertung herausgenommen.

Dyslexie: Ein Karriereverhinderer?

Soweit, so gut. Doch was bedeutet Dyslexie für die Karriere? Ist es möglich, trotz Dyslexie einen erfolgreichen Karriereweg zu verfolgen? Die Antwort darauf fällt eindeutig aus: Ja! Das belegt schon ein Auszug aus der schier endlosen Liste berühmter Legastheniker. Sie haben es trotz des Handicaps weit gebracht. Unter ihnen befinden sich sogar Schriftsteller und zahlreiche Gelehrte:

  1. Agatha Christie (englische Krimiautorin)
  2. Albert Einstein (deutscher Physiker, Entdecker der Relativitätstheorie)
  3. Alfred Hitchcock (britischer Filmregisseur und Filmproduzent, besonders von Krimis)
  4. Charles Darwin (britischer Naturforscher und Erfinder der Evolutionstheorie)
  5. Dustin Hoffman (amerikanischer Filmschauspieler)
  6. Ernest Hemingway (amerikanischer Schriftsteller)
  7. Francois Mitterrand (französischer Staatspräsident)
  8. Franklin D. Roosevelt (amerikanischer Präsident)
  9. John Irving (US-amerikanischer Romanautor)
  10. Jules Verne ( Autor und Schriftsteller)
  11. Ludwig van Beethoven (Musiker, Komponist)
  12. Napoleon Bonaparte (französischer Feldherr)
  13. Steven Hawkins (Astro-Physiker)
  14. Steven Spielberg (amerikanischer Filmregisseur)
  15. Thomas Edison (Erfinder der Glühlampe)

Diese Beispiele machen deutlich: Einer großen Karriere steht die Dyslexie nicht unbedingt im Weg.

Auch der akademischen nicht. Denn Betroffene brauchen die Immatrikulation an der Uni keineswegs zu scheuen. Der Gesetzgeber hat vorgesorgt. Genauso wie an Schulen steht Legasthenikern auch an Hochschulen ein Nachteilsausgleich zu.

Dyslexie: Trotzdem Studieren? Na, klar!

Voraussetzung hierfür ist ein amtsärztlich bestätigtes Gutachten über das Vorliegen einer Legasthenie oder Dyslexie.

  • Studierende erhalten zum Beispiel bei Klausuren im jeweiligen Studienfach eine Zeitverlängerung der regulären Arbeitszeit.
  • Die Dauer der Zeitverlängerung richtet sich nach Art und Ausmaß der Störung.
  • Die Zeitverlängerung wird vom Prüfungsausschuss auf Basis der amtsärztlichen Empfehlung festgelegt.
  • Die Lese- und Rechtschreibleistung darf bei der Notengebung nicht berücksichtigt werden.
  • Bei schriftlichen Prüfungen kann die Benutzung eines Computers mit Rechtschreibprüfung oder die Umwandlung in eine mündliche Prüfung ebenfalls als Nachteilsausgleich gewährt werden.

Letztes gibt Betroffenen Hoffnung. Denn möglicherweise schrumpft das Problem der Dyslexie mit der fortschreitenden Digitalisierung. Schließlich ist ein großer Teil des Handicaps in vielen Fällen unter Zuhilfenahme einer Rechtschreibprüfung überwindbar.

[Bildnachweis: Rido, Lithiumphoto,