KarrieremythenDie Arbeitswelt ist voller moderner Sagen darüber, was für die Karriere entscheidend sei und welcher Weg nun definitiv ins Abseits führe. Oft genug handelt es sich dabei aber schlicht um die Einzelmeinungen irgendwelcher Karrieregurus, die allein schon deswegen weiter verbreitet werden, weil die es ja schließlich wissen müssen. Das meiste davon ist allerdings reiner Blödsinn.

Wenn Sie diese Arbeitsmythen einfach für bare Münze nehmen, statt Sie kritisch zu hinterfragen, halte Sie Ihre Karriere auf. Am Erfolgreichsten ist schließlich immer derjenige, der einfach ausprobiert, ob ein Unterfangen wirklich aussichtslos ist – oder vielleicht nur so aussieht. Noch besser ist allerdings, wenn Sie sich vorab informieren, welche Legenden des Arbeitslebens wirklich stimmen.

Die sieben populärsten haben wir unter die Lupe genommen:

Vitamin B ist für die Karriere notwendig: Eine Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) hat gezeigt, dass rund 40 Prozent der offenen Stellen über Beziehungen vergeben werden. Damit ist das Netzwerken zwar die erfolgreichste Einzelstrategie, der Großteil der offenen Stellen wird aber nach wie vor über die klassischen Kanäle Stellenanzeigen, Jobmessen und Personaldienstleister vergeben. Falls Sie keine Kontakte besitzen, die Sie bei der Stellensuche unterstützen, besteht also kein Grund zur Verzweiflung: Die können Sie in aller Ruhe quasi nebenher aufbauen, während Sie die anderen Bewerbungskanäle nutzen.
Allein die Leistung zählt: Personaler wollen glauben machen, dass sie sich bei Einstellungen und Beförderungen nur von den Erfolgen des Aspiranten leiten lassen. Stimmt aber nicht: Wer erfolgreich netzwerkt und mit Kollegen auch mal einen trinken geht, steigt schneller auf, wie ein Team um den US-Psychologen Michael Sayette feststellte. Ebenfalls hilfreich ist forsches Auftreten im Vorstellungsgespräch, wie Laurie A. Rudman herausgefunden hat. Auch Schönheit und markant-männliches Aussehen – zum Beispiel eine Glatze – sind dem Aufstieg förderlich. Nicht belegen lässt sich hingegen die These, dass Leistung nur zu zehn Prozent für die Karriere verantwortlich ist, das Image zu 30 Prozent und zu 60 Prozent die Bekanntheit. Die hierzu immer wieder zitierte IBM-Studie existiert schlicht und ergreifend nicht.
Geld macht nicht glücklich: Aber sicher doch! Zumindest bis zu einem Nettoeinkommen von 5000 Euro im Monat steigt die Arbeitszufriedenheit parallel zum Einkommen an, wie der Glücksforscher Karlheinz Ruckriegel herausgefunden hat – und bis zu diesem Monatsgehalt ist bei den meisten Menschen noch viel Luft. Einfluss darauf, ob Geld glücklich macht, hat außerdem die Religiosität der Umgebung: Je geringer die ausgeprägt ist, desto mehr trägt Reichtum zum Wohlbefinden bei, wie ein Forscherteam der Humboldt-Universität um um Jochen Gebauer zeigen konnte.
Arbeit ist nicht zur Selbstverwirklichung da: Da ist sicher was dran: Wer sich (nur) über seinen Job definiert und womöglich sogar das Hobby zum Beruf macht, riskiert eine tiefe Sinnkrise, wenn er seine Stelle verliert. Obendrein sorgt der Korrumpierungs-Effekt dafür, dass die Freizeitbeschäftigung entwertet wird, wenn plötzlich Geld fließt. Das liegt daran, dass die intrinsische Motivation durch einen extrinsischen Anreiz ersetzt wird, wie David Mac Raney in seinem Blog You are not so smart schreibt. Wenn die Arbeit allerdings als sinnfrei erlebt wird, weil sie nichts mit den eigenen Werten und Zielen zu tun hat, sinken Zufriedenheit, Motivation und Produktivität der Betroffenen, wie das Gallup-Institut herausfand.
Stress ist gesundheitsschädlich: Das ist nur die halbe Wahrheit: Ob Stress krank macht, hängt in erster Linie davon ab, wie er empfunden wird, schreibt der Management-Professor Timothy Judge in seiner Studie. Tatsächlich gesundheitsschädlich ist der sogenannte Di-Stress, der von den Betroffenen als belastend empfunden wird. Die Folgen davon sind psychische Angespanntheit und physische Beschwerden wie Bauchschmerzen und Verspannungen, aber auch ernsthafte Erkrankungen wie Herzinfarkt oder Burn Out, wie die Deutsche Angestellten-Krankenkasse (DAK) in ihrem Gesundheitsreport schreibt. Eu-Stress dagegen motiviert Menschen zu immer neuen Höchstleistungen. Dank des Flow-Konzepts des US-amerikanischen Psychologieprofessors Mihály Csíkszentmihályi wissen wir, dass Menschen immer dann optimal arbeiten, wenn sie ihre Grenzen ein Stück weit überschreiten müssen – und ihre Potenziale dadurch ausbauen können.
Kein Aufstieg ohne Weiterbildung: Einer Studie der Deutschen Universität für Weiterbildung (DUW) zufolge glauben 56 Prozent der Deutschen, dass Fortbildung zwingend notwendig ist, um beruflich weiterzukommen. De facto rentiert es sich allerdings nur, jene Fähigkeiten auszubauen, die sich direkt im Job einsetzen lassen. Das gilt aber auch nur, wenn Sie eine Fachkarriere anstreben, bei der die jeweils nächste Karrierestufe an Wissenszuwachs gekoppelt ist. Falls Sie eine Führungskarriere mehr reizt, müssen Sie eigentlich nur lernen, Verantwortung zu übernehmen, Entscheidungen zu fällen – und die Suche nach den Umsetzungsmöglichkeiten zu delegieren. Vollkommen für die Katz sind Weiterbildungen, die keinen Kompetenzzuwachs bringen, sondern allein vom tristen Job ablenken sollen oder dem Selbstzweck dienen.
Ein Bruch im Lebenslauf bedeutet das Karriere-Aus: Zu diesem Punkt existieren noch keine Studien, weil die Entwicklung einfach noch zu neu ist. Fakt ist dennoch: In der modernen Arbeitswelt nähern sich selbständige und abhängige Beschäftigung an. Weil sich die Umfeldbedingungen rapide verändern, wird es künftig außerdem notwendig sein, sich immer mal wieder neu zu erfinden, um am Arbeitsmarkt gefragt zu bleiben. Dazu gehört auch, gelegentlich Neues auszuprobieren – verbunden mit dem Risiko, daran zu scheitern. Zum Glück sitzen mittlerweile Menschen in den Führungsetagen, die aus eigener leidvoller Erfahrung die Schwierigkeiten beim Berufseinstieg kennen – und entsprechend souverän mit abrupten Wechseln in den Karrieren der Bewerber umgehen können.