Sie halten sich für clever? Sie sind weit gekommen, haben Erfolg und sind obendrein zufrieden mit Ihren Leistungen? Gut, gut, aber ist das alles Ihr Verdienst? Oder lassen Sie es mich so ausdrücken: Welche Namen fallen Ihnen bei den folgenden Lückensätzen ein?
- “Ich hätte es nie dahin geschafft, wo ich heute bin, ohne _______________________.”
- “Ich bin _______________________ sehr dankbar für seine Förderung.”
- “Dass ich der bin, der ich bin, verdanke ich vor allem _______________________.”
- “Mein bester Lehrer war _______________________.”
Die Fragen stammen in etwa so aus einem US-Bestseller, den ich gerade lese: The Power of Nice von Linda Kaplan Thaler und Robin Koval (die beiden haben auch ein Blog). Und sie haben natürlich recht: Keiner von uns kommt allein voran! Wir alle hatten oder haben Förderer, Ratgeber, Mentoren, Vorbilder, die uns werden ließen, was wir sind und die an unserem Erfolg zumindest mittelbar teilhaben. Es ist gut, sich daran ab und an zu erinnern. Dankbarkeit beugt nicht nur Größenwahn vor – sie sorgt auch dafür, dass wir uns daran erinnern wie wichtig es ist, etwas weiterzugeben und zu teilen.
Wer stets den ganzen Kuchen für sich alleine haben will, bekommt davon nur Bauchschmerzen, lautet ein schönes Sprichwort. Die gute Tat dagegen zahlt sich meist sogar aus.
Denken Sie etwa an folgende Geschichte: Als der Straßenhändler Ernest Hamwi auf der Weltausstellung 1904 Fruchtcreme in Zalabias verkaufte, eine persische Waffelspezialität, sah er den Eisverkäufer am Nachbarstand – und dass der keine sauberen Schalen mehr für seine Eiscreme hatte. Nun hätte sich Hamwi schadenfroh freuen und darauf spekulieren können, dass die Passanten sich jetzt umso mehr für seine Waffeln interessieren würden. Stattdessen aber rollte er eine seiner Waffeln zu einer Tüte zusammen, gab eine Eiskugel hinein und bot das Konstrukt seinem Nachbarn als Lösung an. Voilà, das Waffeleis war erfunden, und Hamri wurde durch die noble Geste zu einem reichen Mann.
Auch ein anderes weltweit erfolgreiches Nahrungsmittel wurde so geschaffen: So suchte der Schweizer Chokolatier Daniel Peter seinerzeit händeringend nach einem Weg, eine neue Schokolade auf der Basis von Milch zu kreieren. Er wollte so Geschmack und Textur seiner Schokolade verbessern. Doch normale Milch mischt sich nicht unter die Kakaomasse. Dann traf er den Apotheker Henri Nestlé, der gerade ein Milchpulver für Säuglingsnahrung entwickelt hatte – aus gesüßter Kondensmilch. Genau das war es, was Peter brauchte. Und seitdem erfreut sich die Menschheit an leckerer Milchschokolade.
Eine Studie der Yale Universität zeigte vor einiger Zeit, dass Manager, die ihre Mitarbeiter respektvoll und weniger aggressiv behandelten, nicht nur beliebter sind, sondern dass sich dies Verhalten sogar positiv auf die Umsatzentwicklung auswirkt. Jeder Prozentpunkt, um den sich das Arbeitsklima verbessert, brachte ein halbes Prozent mehr Umsatzerlöse.
Eine Untersuchung von Melinda Tamkins von der Columbia Universität in New York wiederum kam zu dem Ergebnis, dass beruflicher Erfolg weniger davon abhängt, was man weiß oder wen man kennt, sondern vielmehr von der eigenen Popularität im Unternehmen. So gelten beliebte Kollegen als besonders vertrauenwürdig, motiviert, seriös und entschieden und wurden entsprechend häufiger befördert sowie besser bezahlt. Und Sie ahnen es: Beliebt wurde man, indem man einfach nett zu den Kollegen war, Hilfe anbot und gute Stimmung verbreitete.
Untersuchungen aus ganz unterschiedlichen Bereichen kommen zu ganz ähnlichen Ergebnissen:
- Personaler, die gut gelaunt sind, bewerten Bewerber bei Jobinterviews besser als ihre miesepetrigen Kollegen, so eine Studie der Erasmus Universität in Rotterdam.
- Unter freundlichen, fröhlichen Menschen liegt die Scheidungsrate nur halb so hoch wie im Bevölkerungsdurchschnitt, so eine Studie der Universität Toronto unter rund 50 Paaren aus dem Jahr 1992. Gutgelaunte haben zudem schneller Beziehungen und finden leichter einen Ehepartner.
- Nette Menschen leben sogar gesünder. Eine Studie der Universität von Michigan fand heraus, dass ältere Menschen, die anderen helfen – entweder duch ehrenamtliche Tätigkeit oder indem sie einfach nur gute Freunde oder Nachbarn sind – im Vergleich zu selbstsüchtigen Altersgenossen ein um 60 Prozent geringeres Risiko haben, vor der durchschnittlichen Lebenserwartung zu sterben.
- Und: Heiter bis freundliche Zeitgenossen landen seltener vor Gericht. So werden etwa Ärzte, die sich kaum mit ihren Patienten unterhalten oder mürrisch sind, zwei Mal häufiger von diesen verklagt als ihre Kollegen, die sich mit ihren Patienten mindestens drei Minuten unterhalten und ein paar Scherze machen.
Jeder kennt die Sprüche: „Keine gute Tat bleibt lange ungestraft“, „Nette Mädchen kommen in den Himmel, böse überall hin“. Dahinter steckt der Mythos des Sozialdarwinismus: Das ganze Leben ist ein Wettbewerb, und nur die Starken überleben. Belege für diese These gibt es sicher einige, sie verdrängen aber zugleich, dass es auch genug Gegenbeispiele gibt: Von Menschen, die ihre Karriere nicht ihren Ellbogen, Stuhlbeinsägen und ernsten Mienen zu verdanken haben, sondern deren Erfolg sich auf Loben, Lächeln und gute Laune gründet. Und das ist meist eine reine Entscheidungssache.
Also: Seien Sie öfter nett!







Anastasia
Apropos Dankbarkeit:
Danke für diesen schönen Beitrag! (und für die vielen anderen auch!)
Réka
Ein interessanter Eintrag, viele Themen unter einem Titel.
2. „Wir alle hatten oder haben Förderer, Ratgeber, Mentoren, Vorbilder…“ Das ist sicherlich wahr. Und wir alle haben und hatten Kollegen, Mitschüler usw., deren Rolle in unseren Erfolgen noch häufiger unterschätzt ist.
Jochen Mai
@Anastasia: Oh, das ist aber nett. Danke.
@Réka: Sind auch viele gute Gedanken in dem Buch…
Réka
OK, ich werde es lesen. :-)
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