Tacheles-Sagen-Knebel
Gut, es gibt da diese Fragen, wie Sie in vielen Vorstellungsgesprächen gestellt werden. Immer wieder. Weit über 100 davon finden Sie auch bei uns. In der Regel bereiten sich Kandidaten darauf gründlich vor, was Personaler in gewisser Weise auch erwarten. Das Ergebnis sind auf Hochglanz polierte Antworten, die genauso klingen wie die Phrasen im Arbeitszeugnis Jahre später. Aber mal ehrlich: So richtig überzeugend ist das nicht. Deshalb - und als erfrischende Satire - an dieser Stelle einmal brutale, nackte und ungeschönte Antworten auf typische Fragen in der Bewerbung, die womöglich viel öfter und viel näher an der Wahrheit liegen als Personalern lieb ist...

Erzählen Sie mir etwas über sich!

Ich dachte, dafür hätte ich Ihnen meinen Lebenslauf geschickt. Haben Sie den überhaupt gelesen?

Was ist Ihre größte Schwäche?

Früher war ich ein großer Musikfan von David Hasselhoff, aber heute stehe ich voll auf die Songs von Michael Wendler.

Wo sehen Sie sich in fünf Jahren?

Sie wollen jetzt bestimmt hören, dass ich mich weiterentwickeln will, nach neuen Herausforderungen suche, meine Stärken stärken und das Bestmögliche für Ihr Unternehmen leisten möchte. Aber hey, was soll die Frage? Wir beide wissen doch: In fünf Jahren sehe ich mich an einem Südseestrand, an dem Sie mir die Cocktails servieren.

Warum haben Sie Ihren letzten Job gekündigt?

Die Typen da waren Arschlöcher. Vor allem mein Chef. Der Rest: Psychopathen, Kriecher und Dummschwätzer. Mieser war nur noch die Bezahlung. Apropos: Was zahlen Sie mir?

Welches Gehalt erwarten Sie?

Ich weiß, was Sie erwarten: Dass ich nicht für Geld arbeite. Doch die Wahrheit ist: Von Motivation allein kann ich meine Rechnungen nicht bezahlen. Und die 60.000 Euro, die sie mir im letzten Job bezahlt haben, waren gemessen an meiner Leistung pure Ausbeutung. Also, wenn Sie schon so fragen: Unter 90.000 werden Sie mich hier nicht lächeln sehen.

Erzählen Sie mir von einer Ihrer größten Herausforderungen und wie Sie diese gemeistert haben.

Also das war so: Wir lagen mit unserem Projekt mal wieder weit hinter der Zeit. Zwei Tage bis zur Deadline, und ich hatte überhaupt keinen Bock mehr auf das Pflichtprojekt. Ich wusste aber, dass mein Kollege schon lange ein Auge auf mich geworfen hatte. Also hab ich ihm vorgeschlagen, wenn er das Ding bis morgen alleine fertig macht, gehe ich mit ihm aus. Er hat eine Nachtschicht eingelegt und mir alle Drinks bezahlt. Ich bin aber trotzdem allein nach Hause gegangen. Der Chef fand das Projekt übrigens super.

Wären Sie bereit für den Job umzuziehen?

Schon mal was von Internet gehört? Videokonferenzen? Smartphones? Skype? Wir reden aber schon von einem Job, den ich in 2016 antreten soll?

Arbeiten Sie lieber im Team oder lieber individuell?

In den vergangenen Jahren habe ich festgestellt, dass ich am liebsten gar nicht arbeite. In Gruppen bin ich allerdings besonders gut darin, Aufgaben an jene Teammitglieder zu delegieren, die es gar nicht abwarten können, sich zu beweisen. Aber alleine ist es natürlich viel leichter zu prokrastinieren und wichtige Projekte einfach vor sich herzuschieben. Sie können mir aber auch gerne Personalverantwortung übertragen. In Sachen Andere-in-den-Hintern-treten bin ich nahezu unschlagbar.

Warum möchten Sie diesen Job?

Weil mein doofer Vermieter mich sonst rausschmeißt. Weil ich Unterhalt zahlen muss. Weil die anderen mir weniger bezahlen wollen.

Was begeistert Sie?

Jetzt? Hier? Nun, in diesem Moment bin ich regelrecht elektrisiert davon, dass mich mein 8-jähriges Studium mit Auszeichnung, die 30.000 Euro, die ich dafür investiert habe sowie die zahllosen Fron-Praktika, die notwendig waren, mich schließlich hierher geführt haben, wo das Schicksal meiner künftigen Karriere von einem Typen in einem 80-Euro-Polyesteranzug abhängt, der mir Fragen stellt, die so beseelt sind wie der Floskel-Friedhof.

Was wäre für Sie eine ideale Arbeitssituation?

Ich habe inzwischen herausgefunden, ideal wäre, gar nicht zu arbeiten. Oder zumindest nur Anweisungen zu geben und den lästigen Kram zu delegieren. Geradezu begeistert bin ich, wenn der Job ein hohes Gehalt und Prestige mitbringt und sich dennoch in wenigen Stunden erledigen lässt. Vertrauensarbeitszeit finde ich übrigens ganz wichtig. Ebenso freies Internet. Bei meinem bisherigen Arbeitgeber konnte ich bis zum Jahresgespräch einige dieser Ziele erfolgreich erreichen. Jetzt möchte ich das weiterentwickeln und suche nach einer neuen Herausforderung...

Warum sollten wir Sie einstellen?

Ich dachte, das wäre ein feiner Zug, nachdem ich in meiner Masterarbeit eine Studie für Sie erstellt habe, die Sie an Ihre Kunden verkaufen konnten und ich die letzten zwei Jahre als Praktikantin für 600 Euro den Job von Frau Meier mitmachen durfte, die jüngst wegen Burnouts gekündigt hat...

Was motiviert Sie?

Geld. Je mehr, desto mehr. Mit Bier ist es dasselbe. Aber das dauert länger und man(n) bekommt davon Brüste. Sex funktioniert natürlich auch. Aber keine Sorge: Sie sind definitiv nicht mein Typ. Nicht mal mit Bier.

Erzählen Sie mir davon, wie Sie einen Kollegen kritisieren mussten.

Das ist interessant, dass Sie das fragen. Erst kürzlich habe zu meinem Büronachbarn gesagt: "Wenn du mir noch mal meine Idee klaust und im Meeting als deine verkaufst, bekommt das Controlling einen anonymen Brief, Sie sollen deine Spesenabrechnung vom Dezember noch mal checken. Insbesondere den Punkt: Kundenakquise in Budapest." Tschakalaka hat der geguckt! Aber seitdem macht der Männchen, wenn er mich sieht.

Worauf sind Sie besonders stolz?

Ich habe Ihnen geschrieben, dass mich meine fünfjährige Erfahrung im Optimieren von Abläufen in die Lage versetzt, auch in Ihrem Unternehmen zahlreiche Kosten zu sparen und die Produktion kontinuierlich zu verbessern. Und Sie haben das geglaubt.

Was reizt Sie an unserem Unternehmen?

Ehrlich? Nichts. Der Laden ist so langweilig wie Toast. Aber sechs Monate Arbeitslosigkeit sind auch nicht gerade Ferien auf Saltkrokan. Außerdem klang die Stellenbeschreibung nach einem lauen Job, und ich müsste dafür nicht einmal umziehen. Wenn jetzt noch das Gehalt stimmt, könnte ich sogar zwei Mal im Jahr Urlaub machen.

Wenn Sie ein Tier wären, welches wären Sie?

Koala.

Was war die wichtigste Lektion Ihres Studiums?

Von dem, was du hier hörst, kannst du allenfalls fünf Prozent gebrauchen. Aber solange die Note stimmt, interessiert sich nicht mal Vroniplag dafür, dass die meisten Bullshit labern. Achso, und: Wenn du billiges Besteck für deine Bude brauchst, geh in der Mensa essen.

Was würden Sie tun, wenn Sie im Lotto gewinnen?

Bestimmt nicht mehr hier arbeiten.

Wie fühlen Sie sich, wenn Sie ein "Nein" als Antwort erhalten?

Offen gestanden: Ich kann da bis heute nicht gut drauf. Das letzte Mal, als das einer zu mir gesagt hat, bekam ich drei Monate auf Bewährung. Ich weiß gar nicht, wo der Typ mit seiner Familie inzwischen hingezogen ist. Aber meine beiden Brüder hören sich gerade um, die sind durch ihr Inkasso-Unternehmen ganz gut verdrahtet. Und Sie wissen ja, man begegnet sich immer zwei Mal im Leben. Jetzt bin ich aber mal dran mit fragen: Werden Sie mich einstellen?

Was würden Sie tun, wenn Sie wüssten, dass Sie Ihre Tagesaufgaben unmöglich alle schaffen können?

1. Einen glaubhaften Schuldigen finden.
2. Feierabend.

Wie mache ich mich in Ihren Augen als Interviewer?

Hahahahahahahahahahahahahahahahahahahahahahahahahahahahahahahahahaha.

[Bildnachweis: Nomad_Soul by Shutterstock.com]

Bewerberwitz

So, jetzt aber noch mal in ernsthaft...