„Nennen Sie mir doch bitte eine Ihrer Schwächen!“ Auf diesen Klassiker in Vorstellungsgesprächen antworten erstaunlich viele Bewerber mit „Ungeduld“. Irgendwann muss dieser unselige Tipp in einem Karriereratgeber gestanden haben: „Sagen Sie, Ungeduld sei Ihre Schwäche. Das ist in Wahrheit eine Stärke!“ Wer nach oben strebt, zeichnet sich dadurch aus, dass er die Dinge nach vorne bringt, nicht lange fackelt. Ein Machertyp eben. Geduld ist die Sache solcher Leute nicht.
Schwachsinn! Ungeduld ist eine Schwäche – eine große sogar, die häufig mit übertriebenem Ehrgeiz korreliert. Und beide haben schon so manches aufstrebende Nachwuchstalent zu Fall gebracht. Die Ich!-Alles!-Jetzt!-Attitüde erschafft nur Instant-Typen, die zu schnell und zu viel auf einmal wollen, dieser Aufgabe aber (noch) nicht gewachsen sind. Man kann nicht drei Jahre Erfahrung in einem absolvieren. Es ist die Übung, die den Meister macht. Noch immer.
Es erfordert Geduld ein schwieriges Projekt und erst recht andere Menschen zu führen. Abwarten zu können, kann sogar eine Tugend sein. Manches Problem erledigt sich von allein oder man bekommt im Laufe der Zeit Informationen und Ideen, die eine bessere Lösung ermöglichen. Der Expresslift zur Karriere ist ein Mythos. In der Ruhe liegt viel mehr Kraft. Außerdem ist nichts frustrierender, als die Karriereleiter im Sauseschritt emporzuklettern, nur um oben festzustel-len, dass man sie an der falschen Wand angelegt hat.







nimue
und was sagt man dann? ich habe viele schwächen, aber keine von denen würde ich einem personaler unter die nase reiben ;-)
Jan Schmidt
Natürlich ist Ungeduld eine Schwäche. Wer immer unbeherrscht ist und nicht abwarten kann, kann auch nicht nachdenken und macht Fehler. Davon abgesehen glaube ich aber, dass es keine erwähnbare Schwäche gibt, die keine Schwäche. Letztendlich läuft es doch darauf hinaus, dass man ehrlich ist, selbstkritisch und vielleicht auch schon zeigt, dass man bereits an dieser Schwäche arbeitet. Wer ist schon perfekt?
Menachem
Wo du über das Thema schreibst fällt mir auf, dass ich Ungeduld unüberlegt für fast alles verwende, was ich nicht in Ruhe mache. Dabei gibt es auch davon einiges. Ich nehme es mal zum Anlaß mich zu fragen, wo ist meine Ungeduld richtig und wo nicht.
Michael Schmidt
@nimue: Das sehe ich anders. Ein Persoaler kann es auch nicht leiden, wenn sein Gegenüber sich als perfekt ansieht und scheinbar keine Fehler hat. Da entsteht leicht der Eindruck von Arroganz. Sei clever und gestehe dir einen kleinen Fehler ein, der dich menschlich macht und den dein Gegenüber gut nachvollziehen kann. Er muss auch einen kleinen Kritikpunkt an dir finden – zu perfekte Mitarbeiter kann man auch nicht gebrauchen – solange deine Vorteile überwiegen, bist du auf der sicheren Seite!
Norbert Glaab
Ungeduld hat Geschwister
Ungeduld ist eine gute unternehmerische Eigenschaft. Ich habe schon einige geduldig in den Ruin laufen sehen.
Ein Schwesterchen der Ungeduld ist die Beharrlichkeit. Die Kunst, beharrlich an etwas dran zu bleiben hat viel mit Erfahrung, Gelassenheit und Reife zu tun.
Ungeduld als Schwäche oder Stärke zu bezeichnen, ist Kontext abhängig.
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