Über Albert Einstein kursiert eine nette Anekdote. Die gehört zwar höchstwahrscheinlich zur Kategorie der urbanen Legenden, verdeutlicht aber einen wichtigen Trend in unserer heutigen Gesellschaft:

Albert Einstein war mit einem Reporter unterwegs, um diesem ein Interview zu geben. Am Ende bat der ihn nach seiner Telefonnummer – nur so für etwaige Rückfragen. Einstein ging daraufhin zu einer nahegelegenen Telefonzelle, schlug das Telefonbuch auf, suchte seine Nummer raus und gab sie dem verdutzten Reporter. „Kennen Sie die denn nicht auswendig?“, wunderte sich der Journalist. „Warum sollte ich mein Gedächtnis mit meiner Telefonnummer belasten“, entgegnete Einstein, „wenn ich sie doch jederzeit im Telefonbuch finden kann.“

Ein weiterer Geniestreich? Um eine großartige Legende zu erzeugen – sicher. Wenn die Geschichte denn stimmt. Und tatsächlich verhalten wir uns heute genau so: Es gibt unzählige Informationsquellen und Tonnen von Wissen, das man sich kaum noch merken kann. Aber es lässt sich speichern und strukturieren. Vielleicht nicht in so antiquierten Medien wie einem Telefonbuch. Aber zum Beispiel als Bookmarks bei Delicious oder Mister Wong. Man kann Artikel kopieren und sich selbst als E-Mail schicken, um sie zu archivieren. Auch in Blogs lassen sich Informationen dauerhaft ablegen. Und nicht wenige nutzen Facebook, Xing und Linkedin als erweitertes Telefonbuch mit integrierter Geburtstagserrinnerungsfunktion.

Das alles ist klug, effizient und hilft, auf dem Informations-Tsunami weiter zu surfen. Aber es verleitet auch. Wir haben immer weniger im Kopf, weil wir immer mehr im Handy oder im Internet haben. Warum sich noch Dinge merken, wenn man sich nur merken muss, wo man sie wiederfindet? Wissen war mal Macht – solange es so etwas wie Herrschaftswissen gab. Heute aber, wo alles allen zur Verfügung steht, belastet es nur die grauen Zellen.

Wirklich?

Zum Teil mag das stimmen. Aber wahr ist auch: Das Gehirn ist wie ein Muskel. Wenn man es nicht ständig trainiert, erschlafft es. Mit zunehmendem Alter kann man sich ohnehin immer schlechter Neues merken. Gut, wer die Oberstube bis dahin fit gehalten hat. Und klug ist, wer sich eben doch noch ein paar Dinge auf der eigenen Bio-Festplatte speichert. Diese Daten sind übrigens auch noch sicher vor Hackern, Stromausfällen und Formatierungsfehlern.

Aprospos: Hier finden Sie noch 10 Tipps wie Sie mehr behalten.

PS. Die Einstein-Anekdote fand ich in dem neuen Buch von Douglas C. Merrill: “Der Google-Effekt“, das in den nächsten Wochen in Deutschland erscheint. Darin beschreibt der Autor zahlreiche Tricks, wie man etwa Googlemail und andere Webtools einsetzen kann, um Informationen für sich selbst effektiver zu archivieren, zu strukturieren und wiederauffindbar zu machen. Douglas C. Merrill war Präsident der EMI Music Group und bis April 2008 der Informationsvorstand bei Google. Er hat in Princeton studiert und mit einem Doktortitel in Psychologie abgeschlossen. Unter “The other end of sunset” bloggt er für eine große Internetgemeinde.