Einzel Assessment Center: Vorbereitung als Führungskraft

Ein Gastartikel von Heidemarie Meißnitzer.

Das Assessment Center macht Karriere. Es wird immer häufiger auch für die Besetzung von Positionen im Senior Management eingesetzt. Dies hat seinen guten Grund, denn das Assessment Center überzeugt – professionell konzipiert und umgesetzt – mit einer hohen Validität. Anders als beim klassischen Einstellungsgespräch bekommt das Unternehmen hier tatsächliche Verhaltensstichproben. Das sind kleine Arbeitsproben in Form von Rollenspielen, Fallstudien, Präsentationen. Diese Formate werden meist kombiniert mit einem strukturierten Interview und diagnostischen Testverfahren.

Einzel Assessment Center: Prüfung für Führungskräfte

Für die Zielgruppe des mittleren und oberen Managements kommt in der Regel ein Einzel Assessment zum Einsatz. Das heißt, ein Bewerber wird jeweils für sich getestet und kommt mit seinen Mitbewerbern nicht in Berührung. Die Dauer beträgt zwischen einem halben Tag bis zu drei Tagen. Durchgeführt wird es entweder vom Unternehmen selbst, wobei die Beobachter sich meist aus HR-Personal und den relevanten Führungskräften zusammensetzen. Oft wird der Prozess auch ausgelagert an ein spezialisiertes Beratungsunternehmen, wobei die Beobachter entweder durchgehend Consultants sind oder auch hier Firmenvertreter mit dazu kommen. Bei international ausgerichteten Unternehmen findet das Assessment mit hoher Wahrscheinlichkeit in englischer Sprache statt. Die Teilnehmer erhalten zeitnah ein erstes kurzes mündliches Feedback und mitunter auch ein ausführlicheres schriftliches Feedback zu einem späteren Zeitpunkt.

Systematische Vorbereitung

"Kommen Sie einfach so wie Sie sind." – So oder so ähnlich lautet mitunter die Antwort auf die Frage von Bewerbern wie sie sich denn auf ein Assessment Center vorbereiten können. Wenn sie sich daran halten, so könnte man das als grob fahrlässig bezeichnen. Was also ist zu tun?

1. Informationen zum Setting einholen

Sobald Sie von dem Assessment erfahren, fragen Sie nach, wie Sie sich vorbereiten können. Fragen Sie nach dem Setting, also Dauer, Teilnehmende, Ort. Handelt es sich um ein Einzel- oder Gruppen Assessment? Gibt es ein Kompetenzmodell beziehungsweise Anforderungsprofil an dem Sie sich orientieren können? In welcher Sprache wird durchgeführt?

2. Eigene Einstellung überprüfen und Ziel setzen

Da Auswahl-Assessments im mittleren und oberen Management (noch) nicht die Regel sind trifft die Einladung oft auf spontane Ablehnung. "Was denn noch?" mag sich der eine oder die andere denken. "Zeigen meine bisherigen Erfolge nicht ganz klar was ich kann und wofür ich stehe?“

Die Schlüsselfrage: Will ich daran teilnehmen?

Und genau hier fängt der Prozess an. Das Verfahren ist gesetzt – die entscheidenden Fragen, die Sie sich jetzt stellen sollten sind: "Was will ich mit der Teilnahme für mich erreichen?" und "Will ich an einem solchen Verfahren überhaupt teilnehmen?". Erst wenn Sie diese Fragen positiv beantworten können, macht die weiterführende, gezielte Vorbereitung Sinn.

Erfahrung eines Senior-Managers:
"Die haben mich drei volle Tage in die Mangel genommen. Ich habe den Job letztlich nicht bekommen, aber viel über mich gelernt. Insgesamt war es eine sehr wertvolle Erfahrung. Und es stimmt, der Job und ich, wir hätten nicht so gut zusammengepasst.“

Selbstmarketing: Maßgeschneidert und authentisch

Im nächsten Schritt sollten Sie alle Informationen, die Sie bereits zu dem Unternehmen und zu der neuen Aufgabe gesammelt haben sichten und auf Übereinstimmung mit Ihren Vorstellungen, Werten, Fähigkeiten, Kenntnissen überprüfen. Decken sich Sie ihre besonderen Stärken und natürlich Ihr Führungsverständnis mit dem was da erwartet wird? Wo gibt es Schwachstellen? Welche Kompromisse sind Sie bereit einzugehen und wo fängt das "Verbiegen" an. Letzteres sollten Sie möglichst gar nicht in Erwägung ziehen. Es geht nicht um Anpassung. Es geht um den Abgleich der Übereinstimmungen – für beide Seiten.

Praxistipp

  • Machen Sie eine Soll/Ist Liste. Sammeln Sie stimmige, passgenaue Argumente und Beispiele auf die Frage: Warum bin ich für diese Stelle besonders geeignet?
  • Fragen Sie sich: "Wie will ich mich präsentieren? Was motiviert mich daran? Welche Botschaft will ich rüberbringen?“

3. Die wichtigsten Assessment Center Formate kennen

Nachdem Sie Ihre Einstellung und Motivation geklärt und die relevanten Informationen zusammengetragen haben, macht es Sinn, sich mit den gängigsten Formaten eines Einzel Assessment Centers auseinanderzusetzen und sich mental und inhaltlich darauf einzustellen.

Strukturiertes Interview

Es gibt es in der Regel zumindest eine längere Interviewphase. Hier müssen Sie schnell auf den Punkt kommen, denn es liegt an Ihnen in der knappen Zeit das zu sagen, was den potenziellen Arbeitgeber überzeugt – nicht mehr und nicht weniger.

Praxistipp:

  • Bereiten Sie sich auf Fragen zu Ihrem beruflichen Werdegang, Ihren Erfolgen und Misserfolgen, Ihrem Führungsverständnis sowie dem Umgang mit schwierigen Situationen vor.
  • Denken Sie auch über Ihre Werte, Motivationen und Einstellungen nach.
  • Haben Sie jeweils passende Beispiele parat.

Fallstudie

Wird eine Fallstudie im Assessment Center eingesetzt, so hat sie in der Regel mit dem zu tun, was in der neuen Position auf Sie zukommen kann. Sie ist komplex und es gibt darin eine klare Aufgabenstellung an Sie. Meist ist die Fallstudie mit einer Präsentation verknüpft.

Praxistipp:

  • Es geht darum, die Aufgabenstellung zu erfüllen und das gewünschte Ergebnis zu liefern. Die systematische Aufbereitung der erhaltenen Information ist zu wenig!
  • Fragen Sie sich, welche Tools Ihnen in Ihrer Tätigkeit von großem Nutzen sind und rufen Sie sich diese nochmals in Erinnerung. Beispiele sind SWOT-Analyse, Szenariotechnik, Delphinstrategie, Projekt-Management, Eisenhower-Prinzip.

Präsentation

Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass Sie als Führungskraft eine Präsentationsaufgabe bekommen. Oft ist diese verknüpft mit der Fallstudie. Mögliche Medien werden Ihnen genannt und zur Verfügung gestellt.

Praxistipp:

  • Ausgewertet wird in der Regel sowohl der Inhalt als auch das Wie der Präsentation.
  • Achten Sie auf Übersichtlichkeit und Lesbarkeit, falls Sie Flip-Charts verwenden.

Rollenspiele

Bei Führungskräften bietet sich so gut wie immer ein Mitarbeitergespräch und / oder auch die Moderation eines Teammeetings an. Weitere Gesprächssituationen wie zum Beispiel ein Kundengespräch sind denkbar. Fragen Sie sich, was für Ihre Zielposition Sinn macht.

Praxistipp:

  • Beobachtet werden in der Regel zwei Aspekte: Ihre Art der Begegnung und der Beziehungsaufbau einerseits und Ihr Know-how in der Anwendung rhetorischer Strukturen andererseits.
  • Beschäftigen Sie sich mit Themen wie Gesprächsführung, Gesprächsstrukturen, Argumentation, Fragetechniken sowie dem Geben von Feedback.

Soviel zur Vorbereitung auf die wesentlichen Formate im Einzel-Assessment. Der Tag X rückt immer näher und jetzt geht es darum, sich von seiner besten Seite zu zeigen und damit zu überzeugen.

4. Authentisch bleiben

Vorbereitung einerseits und Authentizität in der Umsetzung andererseits sind kein Widerspruch. Es geht nicht um Schauspielerei oder darum sich zu verbiegen. Das wäre äußerst kontraproduktiv. Das wurde bereits ganz am Anfang unter Vorbereitung geklärt. Beide Seiten entscheiden ob eine Zusammenarbeit sinnvoll und gewünscht ist. Jede Seite kann am Schluss Ja oder Nein sagen und das ist vollkommen okay.

  • Auf die richtige Mischung kommt es an

    Wie viel Vorbereitung tut Ihnen gut und ab wann wird es zu viel? Das ist eine individuell sehr unterschiedliche Grenze, die Sie für sich erkennen sollten. Wie viel Sicherheit brauchen Sie und wie viel Spielraum für Improvisation tut Ihnen gut?

  • Trennung von Vorbereitung und Umsetzung

    Vorbereitung und Umsetzung sind energetisch zwei völlig verschiedene Phasen. Achten Sie darauf, dass Sie diese strikt trennen. Durch die Vorbereitung sind Sie automatisch klarer, sicherer und pro-aktiver. Sie wissen warum Sie hier sind und was Ihr Ziel ist. Sie kennen Ihre Strategien und wissen was Sie transportieren wollen. Dadurch gestalten Sie das was da passiert pro-aktiv mit. Sie sind ein Partner auf Augenhöhe.

    Während dem Assessment sollten Sie nicht mehr nachdenken über das was Sie vorbereitet haben. Damit würden Sie an Echtheit verlieren. Lassen Sie einfach los. Vertrauen Sie darauf, dass Ihr Unbewusstes die ganze Vorbereitung automatisch ins Hier und Jetzt integriert. Seien Sie wach und präsent, folgen Sie Ihrer Intuition, gehen Sie in Kontakt und zeigen Sie sich von Ihrer besten, professionellen Seite.

Ich wünsche Ihnen viel Erfolg!

Über die Autorin:

HME_061113_2573-030_b_18x18Heidemarie Meißnitzer ist Beraterin, Trainerin und Coach für Karriere und Kommunikation. In Ihren Coachings geht es um Themen wie Karriereplanung, berufliche Neuorientierung, Führung, Selbstmanagement und Kommunikation. Als HR-Consultant ist sie im Bereich Management Diagnostik tätig und führt Assessment Center, Development Center und Management Audits durch.

[Bildnachweis: Andrey_Popov by Shutterstock.com, Heidemarie Meißnitzer]