EQ versus IQ. Seit der US-Psychologe und Bestsellerautor Daniel Goleman den Begriff der emotionalen Intelligenz populär gemacht hat, fungiert dieser oft als Gegenentwurf zur klassischen Intelligenzforschung. Letztere basis meist auf metrisch messbaren Daten, die zum sogenannten Intelligenzquotienten, dem IQ, aggregiert werden. Emotionale Intelligenz (EQ) dagegen lässt sich kaum messen. Wie auch? Emotional intelligente ebenso wie empathische Menschen sind in der Lage, die Gefühle und Bedürfnisse anderer aber auch die eigenen zu erfassen und zu bewerten. Vor allem aber können sie sich die eigenen Gefühle bewusst zu machen, deren Ursachen zu verstehen und erlangen so selbst in extremen Situationen die Kontrolle über ihr Handeln zurück. Goleman selbst nennt es “die Fähigkeit, unsere eigenen Gefühle und die anderer zu erkennen, uns selbst zu motivieren und gut mit Emotionen in uns selbst und in unseren Beziehungen umzugehen.” Wie aber wollte man diesen sozialen Klebstoff valide oder gar in Form eines Quotienten messen? Allenfalls Teilaspekte lassen sich – mehr oder weniger wissenschaftlich – untersuchen.
Die psychologische Fakultät der Universität des Saarlandes hat etwa einen kleinen Selbst-Test ins Internet gestellt (gefunden bei Persönlichkeitsentwicklung), bei dem Sie die Emotionen aus 28 Gesichtern lesen müssen, wobei sich diese auf die sieben Basisemotionen – Freude, Wut, Ekel, Angst, Verachtung, Überraschung und Trauer – beschränken. Diese werden kulturübergreifend von fast allen Menschen erkannt und auch gleich ausgedrückt. Nach Untersuchungen von Antrophologen werden sie nicht erlernt, sondern sind genetisch bedingt. Mein Test-Ergebnis ist mit 23 Treffern übrigens ganz zufriedenstellend. Ich habe aber offenbar Defizite Verachtung von Ekel zu unterscheiden.
Die spannendere Frage jedoch ist: Kann man emotionale Intelligenz lernen? Denn unbestritten wird sie in unserer beziehungsorientierten Geschäftswelt immer wichtiger. In dem Maß, wie Netzwerke und die Fähigkeit, Kontakte zu knüpfen aber auch zu pflegen, in interkulturellen Teams zu arbeiten oder diese zu führen, an Bedeutung zunimmt, steigt auch der Marktwert emotional intelligenter Menschen. Gleichwohl – und diese Schattenseite sollte man nicht ausblenden – wohnt der Empahie immer auch die Option inne, damit nicht nur zu motivieren, sondern auch zu manipulieren. Emotional Intelligente sind ja keinesfalls Softies. Goleman selbst sagt: “Emotionale Intelligenz heißt nicht, dass einer ein netter Kerl ist, es bedeutet nur, dass er effektiv ist. EQ bedeutet in vielen Fällen, warm und verständnisvoll zu sein. Es heißt aber auch, die nötige Härte aufzubringen, um eine Entscheidung auch durchzuziehen.”
Und das ist durchaus erlernbar – ebenso wie Sozialkompetenz. Der erste und wichtigste Schritt dazu: (Selbst-)Reflexion. Und natürlich die Bereitschaft, an sich zu arbeiten. Oft verbessert sich die Empathie schon mit zunehmendem Alter (und damit ist nicht etwa die sprichwörtliche Altersmilde gemeint), weil man dabei auf einen wachsenden Erfahrungsschatz zurückgreifen kann.



Roland Kopp-Wichmann
Hallo Herr Mai,
zu Ihrer Eingangsfrage meine klare Antwort: nein, emotionale Intelligenz oder Kompetenz ist nicht lernbar – im Sinne von trainierbar. Denn das jeweilige Verhalten, das jemand zeigt, und dass vielleicht nach den Begriffen der “emotionalen Intelligenz” suboptimal ist, ist aus meiner Sicht keine Schwäche oder ein Defizit, sondern eben die bestmögliche Verhaltensmöglichkeit dieses Menschen in der gegebenen Situation. Es mag bessere geben, doch nur in der Theorie. Für diesen Menschen ist es die bislang beste.
Ich stimme Ihnen zu, dass Selbstreflexion der richtige Weg ist. Nur, so einfach ist das nicht mit der Selbstreflexion. Mit “über sich nachdenken” ist es meist nicht getan, weil wir unsere eigenen Muster und die dahinterliegenden Beweggründe kaum erkennen können. Es braucht aus meiner Sicht die Fähigkeit, einen ‘inneren Beobachter’ in sich zu installieren, der neutral aber genau die jeweiligen Impulse, Gedanken, Emotionen und Körperempfindungen beobachten kann.
Das ist deshalb nicht so einfach, weil wir oft mit bestimmten Teilen in uns stark identifiziert sind und diese gar nicht neutral beobachten können. Schon deshalb ist oft die Unterstützung von außen durch einen erfahrenen Kollegen oder einen neutralen Coach hilfreich.
Jochen Mai
Jetzt widersprechen Sie sich aber selbst: Wozu brauche ich einen erfahrenen Kollegen oder gar neutralen Coach, wenn der mir doch gar nicht helfen kann, weil emotionale Intelligenz gar nicht trainierbar ist??? Also entweder oder…
Davon abgesehen widerspricht die Vorstellung, dass man sich seiner Gefühle nicht bewusster werden und damit besser umgehen lernen kann (und das ist ja Golemans Definition), den Erkenntnissen der Psychotherapie und entzieht zugleich ihrem Berufsstand die Daseinsberechtigung. Wenn das jeweilige Verhalten, das jemand zeigt, automatisch das Beste ist, weil der nicht anders kann, dann können wir alle auch in Zukunft so bleiben, wie wir sind. Also Schluss mit Weiterentwicklung, Weiterbildung & Co. – das Optimum haben wir ja bereits erreicht… oder doch nicht?!
Im Ernst: Weiterentwicklung und persönliches Wachstum sind möglich – und das schließt auch die Fähigkeit mit ein, mittels Verstand seine Gefühle besser zu managen oder die Eomtionen anderer (und ihr daraus resultierendes Verhalten) besser zu verstehen.
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Roland Kopp-Wichmann
Hallo Herr Mai,
natürlich sind Weiterentwicklung und persönliches Wachstum möglich. Aber eben gerade nicht in der von Ihnen so funktional beschriebenen Weise “mittels Verstand seine Gefühle besser zu managen.” Auch wenn sich dies gerade viele Menschen wünschen und etliche Seminaranbieter auch versprechen.
Es sprengt vermutlich den Rahmen des Blog-Kommentierens hier zu fundierteren Aussagen zu kommen, deshalb ein Hinweis auf meinen Blog-Beitrag zu dem Thema.
Die Frage, inwieweit Softskills überhaupt trainierbar sind, wurde vor einigen Monaten sehr kontrovers bei XING diskutiert.
Mich würde interessieren, wie andere Blog-Leser zu dieser Thematik stehen.
Jochen Mai
Lieber Herr Kopp-Wichmann,
in der Tat ufert unsere Diskussion etwas aus, wobei ich die Kontroverse durchaus schätze.
Deshalb nur kurz zu Ihrem verlinkten Beitrag: Dort weisen Sie zwar richtig auf die neuronalen Einflusse auf unser Verhalten hin, raten dann aber selbst zu vier Schritten, um sich zu verändern. Und spannend: Ihre Tipps unterscheiden sich nicht einmal von dem hier gesagten! Als erstes der Wille zur Veränderung, dann in Schritt 2 und 3 die Selbstanalyse (Schärfen des Bewusstseins), und schließlich Neuprogrammierung durch “Konzentration und Bewusstheit”. Jetzt sagen Sie mir bitte, was das anderes ist, als mithilfe seines Verstandes alte Verhaltensmuster (oder dafür verantwortliche Gefühle) besser in den Griff zu bekommen?
Mit Verlaub: Ich finde Ihre Argumentation nicht wirklich stringent. Allerdings würde mich ebenso interessieren, wie andere das sehen.
derherold
Das Problem, das @K-W hat, ist, daß wenn man konsequent ist, für viele das schöne Beraterleben vorbei ist und man wieder richtig arbeiten gehen muß. ;)
In der Tat gibt es die “Denkschule”, daß “Verhaltens-Training” weitestgehend für die Katz ist; es insbesondere im Vertrieb die “geborenen Verkäufer” gibt – und tschüß, Verkaufstrainer !
Seminare außerhalb der Fachvermittlung könnte man als “rausgeschmissenes Geld” bezeichnen – es sei denn, daß zufällig(?) ein Seminarteilnehmer jetzt(!) für einen Seminarinhalt empfänglich ist. Chinesische Weisheit: wenn der Schüler bereit ist, ist der Lehrer da !
Nicola
Ich sehe das wie Herr Mai. Man kann seine Gefühle durchaus mit seinem Verstand steuern und damit sein Verhalten ändern. Wenn ich zum Beispiel von jemandem trenne, kann ich mich auch dazu bringen nicht mehr in ihn verliebt zu sein. Dabei mache ich mit meine Gefühle auch zuerst bewusst und entscheide mich dann. Ich habe mir dann aber auch noch die Artikel von Herrn Kopp-Wichmann durchgelesen. Und die finde ich auch sehr widersprüchlich. Erst sagt er, warum es so schwer ist, sich zu verändern, dann sagt er wie es doch geht und hier schreibt er, dass es nicht geht. So ganz ausgereift scheinen mir die Gedanken da noch nicht.
Katzengold
Eine Frage die durchaus umstritten ist, ich würde sie so beantworten: es ist zum Teil lernbar oder anlernbar, man kann das denke ich sehr schlecht formulieren, aber im großen und Ganzen ist es eben nicht alles an der emotionalen Intelligenz lernbar, das bedürfte mehr als ein Mensch fähig ist zu leisten. Trotzdem kann man sich reflektieren und erkennen, auch wenn das sehr viel Übung oder fremder Hilfe bedarf, das sollte man eben nicht nur in dem Sinne machen sich selbst emotional weiterzubilden, sondern auch wirklich um für sich selbst etwas zu erfahren. immer wieder trifft man auf diese doch sehr spannende Fragestellung. Ich habe gestern noch mit ein paar opinion leadern auf bizzlounge.com über auch genau dieser Fragestellung diskutiert und man sieht auch wie verschiedene hier die Auffassungen noch sind.
Unumstritten war Gardner ein Pionier, aber ob auch er diese frage so leicht beantworten könnte – kommt es doch auch auf die Persönlichkeit selbst an, so denke ich zumindest.
Gugu
Alles ist erlernbar! Vor allem Emotionen! Es liegt im Endeffekt einfach nur daran, wie intensiev ich mich damit beschäftige und in welchen Ausmaßen ich mich selbst unter Kontrolle habe. Ob mir ein profesioneler Trainer zur Seite steht oder nicht, ist schlussendlich nicht relevant, denn ich tu es ja für mich selbtst und muss so nur wissen was Emotionen sind und wie ich mit ihnen umzugehen pflege! Und dadurch das wir aus unseren Fehlern lernen, lernen wir so auch emotionale Intelligenz richtig zu verwerten!
Was die Bizzlounge.com betrift, hätte ich eine Frage: Wie kann ich mich auf dieser Seite einloggen? Bzw geht das überhaupt?
Lavinya
Der Beitrag ist sehr interessant zu lesen. Ich interessiere mich seit kurzem für das Thema und würde gerne mehr dazu lesen bzw. erfahren. Für mich bleibt noch immer die Frage offen, ob man das lernen kann bzw. inwiefern es sich im Leben adaptieren lässt. Der Einfluß der Makroumwelt sollte nämlich nicht vergessen werden, was ja auch die zwischenmenschliche Beziehungen beeinflusst.
Danke für den Artikel.
MbG, Lavinya
Dr. Christoph Paulus
Als Ergänzung zu Ihrem sehr interessanten und gut recherchierten Artikel möchte ich auf den von mir konstruierten EMpathie-Test hinweisen, der online in ein paar Minuten durchgeführt werden kann. Er beruht auf der international anerkannten Empathie-Theorei von Davis und zeigt in der grafischen Auswertung, wo die Stärken und Schwächen Ihrer empathischen Fähigkeiten liegen können. Der Test kann hier ausgefüllt werden:
http://www.uni-saarland.de/fak5/ezw/personal/paulus/empathy/SPF_V5.1.htm
Viel Spaß dabei!
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Katrin S
Sehr geehrter Herr Mai,
ich bin 14 jahre alt und habe so ziemlich alle Bücher, auf die psychologie beziehend gelesen.
Die meisten widersprechen sich und deshalb war ich der Meinung, dass es wahrscheinlich gar nichts
geholfen hat diese zu lesen.
Wenn Menschen etwas fühlen dann kann ich spüren, was.
Dies geht nicht nur bei Personen die ich gut kenne, sondern auch bei Fremden.
Ich habe die Menschen gut studiert und ich kann sagen, dass wenn man
sich die Gesten und Bewegungen der Menschen merkt, kann man ganz leicht sagen,
was die person fühlt.
Dasheisst man KANN es lernen, wenn man sich nur ausgiebig genug mit den Menschen
beschäftigt.
Doch um das richtige Gespür für Menschen zu haben, dass man in etwa sagen kann
WARUM diese person sich so fühlt, muss man einfach angeboren bzw. vererbt haben..
Es gibt aber auch noch die dritte und letzte art, und zwar, wenn man ganz genau selbst spürt
was in der anderen person vorgeht.. Man sieht oder hört die person, beobachtet sie schnell und das gefühl dieser Person
bildet sich im eigenen Bauch.. So kann man genau wissen was den anderen menschen auf dem herzen liegt.. Genau so geht es mir..
Doch wenn ich mich in großen Menschenmassen befinde stürmen die gefühle der anderen auf mich ein.
Ich bin mir hundert lrozent sicher dass diese art der Empathie NICHT erlernbar ist.
So. Das ist nun MEINE Meinung.
Danke für die verwendete Zeit zum Lesen.
Katrin
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