Messie-Endowment-Effekt
Was man hat, das hat man und gibt man nicht mehr her: Mein Haus, mein Auto, mein Aktenordner, mein Entwurf, mein Zeugs. Selbst Dinge, die für uns weder emotionale noch materielle Bedeutung haben, können wir einfach nicht wieder hergeben oder gar wegschmeißen. Und das nur, weil für einen kurzen Moment – etwa in der Umkleidekabine – die Illusion von Besitz entstanden ist. Schon überschätzen wir den Wert der Sache – und zwar deutlich. Endowment-Effekt heißt das psychologische Phänomen, dem der Ökonom Richard Thaler von der Universität Chicago schon vor gut drei Dekaden auf die Spur kam. Heute ist er auch bekannt als Besitztumseffekt...

Endowment-Effekt: Was man hat, das hat man

Die Frau von einem Freund ist so ein Fall. Sie kann nichts wegwerfen. Sie sagt immer: "Wer weiß, wozu man das noch einmal brauchen kann." Oder: "Damals hat das viel Geld gekostet." Nie aber hört man sie sagen: "Den alten Plunder braucht heute kein Mensch mehr, seit einem Jahr steht er nutzlos im Keller herum. Weg damit!" Fatal! Als ich beim letzten Umzug half, fanden wir Kartons mit Schuhen, die selbst die Achtzigerjahre nicht mehr zurückhaben wollen. Wir fanden auch Porzellanfiguren, die bestimmt einmal teuer waren, von denen man heute aber sicher weiß, dass sie allenfalls zum Staubfangen taugen. Es waren über 200 Kartons, die wir im Keller stapelten. Der Stapel ist wie ein Krebsgeschwür: er wuchert...

Es gibt dazu zahlreiche Experimente. Etwa aus dem Jahr 2008. Damals wurden 152 Studenten der FH Kiel auf diese Weise manipuliert (PDF).

In einem Versuch sollten die Studierenden sagen, was es ihnen wert wäre, wenn sie ihr persönliches Unfallrisko senken könnten. Die erste Gruppe wurde gefragt:

Angenommen, die Wahrscheinlichkeit bei einem Verkehrsunfall verletzt zu werden, beträgt 0,5 Prozent. Wären Sie bereit, diese Unfallwahrscheinlichkeit für die nächsten zwölf Monate auf ein Prozent zu verdoppeln, wenn Sie dafür 700 Euro erhalten?

Zwar erklärten sich 31 Prozent mit dem Deal einverstanden, 69 Prozent der Besitzer von "Gesundheit" aber wollten diese nicht für etwas Geld aufgeben. Dann wurde die zweite Gruppe gefragt:

Angenommen, Ihre Wahrscheinlichkeit bei einem Verkehrsunfall verletzt zu werden, beträgt ein Prozent. Wären Sie bereit, 700 Euro für die nächsten zwölf Monate zu zahlen, damit die Wahrscheinlichkeit auf 0,5 Prozent sinkt?

Jetzt waren 83 Prozent der "Geldbesitzer" nicht bereit, 700 Euro für ein halbiertes Unfallrisiko zu opfern.

Natürlich sind das noch hypothetische Fragen. Aber der Effekt ist durchaus in der Lage zu erklären, warum zum Beispiel die Bereitschaft zur Steuerhinterziehung höher ist, wenn die Steuer nachgezahlt werden muss und geringer ausfällt, sobald der Steuerpflichtige eine Vorauszahlung geleistet hat. Denn dann kann er eine Rückzahlung erwarten.

Noch provokanter freilich könnte man fragen: Bleiben Sie bei Ihrem Partner, weil sie ihn lieben – oder lieben Sie Ihren Partner, weil Sie ihn haben?

Hergeben oder Wegschmeißen tun physisch weh

Endowment-Besitztums-Effekt-MessieHirnforscher konnten nachweisen, dass wir tatsächlich Schmerzen empfinden, wenn wir eine Sache verlieren, die wir zuvor besessen haben. Und das sogar dann, wenn wir sie verkaufen – also eigentlich einen monetären Gegenwert dafür kassieren konnten. Darum trauert manch einer auch noch seinem klapprigen alten Auto nach, obwohl er beim Verkauf der Rostlaube sogar noch einen guten Schnitt gemacht hat.

Besonders gemein ist daher der Trick, den sich manche Händler zunutze machen, indem sie ihre Kunden, die Sachen erst einmal eine Weile anfassen oder gar ausprobieren lassen. Ein Testhandy zum Beispiel – oder die klassische Katalogware.

Allerdings – das konnte wiederum die Psychologin Ayelet Fishbach 2005 zeigen – ist das Ausmaß des Besitztumseffekts abhängig von unsere Laune: Wer gut gestimmt ist, erliegt ihm weniger stark als Miesepeter. Und wer sich zuvor vom Verkäufer beraten lässt, lässt sich auch nicht so leicht über den Tisch ziehen.

Das Ganze hat natürlich nicht nur Nachteile: Wie etwa der Ökonom Steffen Huck vom University College London herausfand, haben Menschen mit hoher Endowment-Anfälligkeit ebenfalls die Gabe, den eigenen Wohlstand und Besitz überdurchschnittlich zu mehren. Ob es sich dabei mehrheitlich um Plunder handelt, bleibt jedoch unklar.

Bevor Sie allerdings deshalb im Job um Messie mutieren, hätten wir da noch ein paar Empfehlungen...

Drei Tipps, wie Sie Ihr Büro aufräumen

  1. Wegschmeißen.

    Nicht nur wenn internationaler Tag der Putzfrau ist, sollten Sie Ihr Büro ausmisten. Also: Wie viele Stifte liegen in Ihrer Schublade? Und wie viele davon benutzen Sie regelmäßig? Eben. Stifte, die nicht mehr schreiben, gehören in den Mülleimer. Ansonsten reichen ein Bleistift, ein Kuli, ein Fineliner und vielleicht noch ein paar Textmarker. Den Rest können Sie ins Sekretariat oder Depot bringen – oder wegschmeißen. Die beste Ordnung nutzt nichts, wenn Sie Überflüssiges nicht regelmäßig entsorgen.

  2. Ablegen.

    Wer das Chaos dauerhaft besiegen will, sollte sich angewöhnen, seinen Arbeitsutensilien feste Plätze zuzuweisen. Auch gut: Arbeitsgeräte zu Themeninseln sortieren – Stifte, Radierer und Spitzer zusammen, ebenso Brieföffner, Tacker und Locher. Hauptsache, Sie überlegen Sie sich ein Ablagensystem. Entscheiden Sie, was wichtig und dringend ist und was noch Zeit hat - wie bei der Eisenhower-Methode. Und nachdem Sie etwas benutzt haben, legen Sie es wieder an ihren Platz. Nicht einfach liegen lassen!

  3. Hierarchisieren.

    Ordnen Sie Ihre Utensilien nach Gebrauch: Manche Dinge brauchen Sie öfter als andere. Die gehören in die Nähe Ihres Platzes, am besten in Griffweite. Andere können im Umfeld platziert werden. So werden Sie zudem auch schneller. Viele machen den Fehler, Ihren Schreibtisch mit hübschen, aber nutzlosen Dingen zu dekorieren. Beherzigen Sie lieber das Designer-Motto: form follows function.

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