3 von Jochen Mai am 6. Juni 2008 → Artikel in Psychologie

Entscheidungsgewalt – Das Herz ist schneller als der Kopf

Haben Sie sich schon einmal gefragt, womit Sie die meisten Entscheidungen treffen: mit dem Herz oder dem Hirn? Über 20 Jahre ist es her, dass dem US-Neurophysiologen Benjamin Libet aufgefallen ist, dass unser Gehirn etliche Sekunden vor der eigentlichen Entscheidung aktiv wird. Damals entstand eine heftige Diskussion über die tatsächliche Willensfreiheit des Menschen – denn womöglich haben wir schon entschieden, bevor wir das bewusst tun. Aber das ist eine andere Geschichte.

Die heutige Geschichte ist, dass wir in vielen Lebenssituationen parallel mit gegensätzlichen Emotionen konfrontiert werden, wenn es darum geht eine Entscheidung zu treffen. Das einfachste Beispiel, das wohl jeder kennt, ist die Flirt-Situation: Sie wollen Ihr attraktives Gegenüber gerne ansprechen, weil Sie sich einerseits extrem angezogen fühlen. Gleichzeitig spüren Sie aber Angst, abgewiesen zu werden. Was anschließend in Ihrem Kopf passiert, sind zwei parallel laufende Analyseprozesse – oder kurz: Sie wägen ab, welches Risiko überwiegt und welche Entscheidung die größeren Chancen verspricht, wie etwa auch bei der Frage, die ich mir gerade stelle: Esse ich die Schokolade jetzt, weil ich Appetit darauf habe – oder laufe ich Gefahr, davon dick zu werden?

Nun haben Wissenschaftler der Harvard Universität untersucht, wie schnell diese emotionalen, beziehungsweise rationalen Denkprozesse auf einen Entscheidungsreiz hin erfolgen und was dabei passiert. Das Erstaunliche: Die emotionale Reaktion erfolgt fast doppelt so schnell wie die rationale. 220 bis 260 Millisekunden nach dem Reiz fühlen wir: “Das will ich” oder “Das mag ich”. Erst ab der 480. bis 640. Millisekunde setzt der Verstand ein und kalkuliert, verifiziert, rationalisiert. Was der Verstand allerdings auch tut: er suggeriert. Sprich: Wir versuchen eine Entscheidung rational zu begründen, die wir emotional schon längst gefällt haben. Also etwa: Es muss jetzt unbedingt dieser rote Sportflitzer sein, weil der perfekt zu meinem Nagellack passt. Das Ganze basiert nicht selten “auf unserem psychologisch tief verwurzeltem Bedürfnis, Recht zu haben“, sagt Erik A. Feingold, Geschäftsführer der Münchner Gold-Gate GmbH, die diese Studien in Auftrag gegeben hat und von der auch (mit freundlicher Genehmigung) diese Grafik stammt:

Wahl

PS. Ich hab die Schokolade übrigens gegessen.

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1. Kommentar

cdv!
06.06.08 um 13:48 Uhr

Sagt das nicht gleichzeitig auch etwas über die Wahrnehmung von Werbung aus? Noch emotionaler, noch kraftvoller, damit dieser Reiz ausgelöst wird.

2. Kommentar

Jochen Mai
06.06.08 um 13:51 Uhr

@cvd: Die Erkenntnis kann man sich sicher in einigen Bereichen zunutze machen.

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