Enttaeuschungen- Wahrheiten- Verspaetung
Ein Kunde springt ab; der Kollege vergisst, die versprochene Hilfe zu leisten; ein Freund lässt das geplante Abendessen eine Stunde vorher platzen. All diese Situationen haben eines gemeinsam: Sie bringen Enttäuschungen mit sich. Sie haben sich auf Zusagen verlassen, Erwartungen gehegt - und wurden enttäuscht. Nicht schön. Aber leider alltäglich. Obwohl derlei Enttäuschungen häufig vorkommen, haben viele von uns keine Strategie, um sie zu überwinden. Weder im Job noch im Privatleben. Glück im Pech: Das lässt sich ändern...

Versprechen Sie nie mehr, als Sie halten können

Extra-Tipp-IconDas Gefühl kennt jeder: Produktenttäuschung. Es ist das Schlimmste, was ein Unternehmen seinen Kunden antun kann. In der Mikropolis eines Unternehmens funktioniert der Effekt allerdings genauso und ist daher für Laufbahnen nicht weniger gefährlich: Versprechen Sie nie mehr, als Sie halten können! Weder bei der Übernahme eines Projektes, noch bei einer Beförderung, geschweige denn im Vorstellungsgespräch.

Sie schüren mit derlei falschen Versprechungen nur unrealistische und äußerst schädliche Erwartungen. Beim ersten Mal wirkt die selbstverschuldete Enttäuschung vielleicht noch nicht so schlimm. Aber mit jedem weiteren Mal unterhöhlt sie das Vertrauen in Sie, und Sie mutieren zum Blender. Und das auch noch ohne jeden äußeren Zwang.

Bei allem Verständnis für Selbstvermarktungs-Tamtam, Aufmerksamkeitsdefizite und Geltungsbedürfnisse: Stapeln Sie lieber tief. Unterschätzt zu werden, hat mindestens ebenso viele Vorteile im Job – und sei es nur, Geschäftspartner, Kollegen und Chefs hinterher überraschen können: positiv.

Enttäuschung: Falsche Erartungen?

Philosophisch kann man sich natürlich auf den Standpunkt stellen: Ent-täuscht zu werden (im Wortsinn) ist etwas Positives. Eine Illusion, eine Täuschung wurde entlarvt. Sie sehen die Dinge nun so, wie sie sind - ungeschminkt, klar, wahr. Die Befreiung von einer Täuschung ist also eine gute Sache. Eigentlich. Trotzdem fühlt sie sich regelmäßig schlecht an.

Der Grund: Hinter jeder Enttäuschung stecken letztlich auch Versprechungen und Erwartungen. In einem Lessing-Zitat heißt es dazu: "Beide schaden sich selbst: der, der zu viel verspricht und der, der zu viel erwartet."

Enttäuschung-Verlauf-Kurve

Wobei man hierbei noch einmal differenzieren muss:

  • Manche Enttäuschung ist die Folge falscher oder leerer Versprechen. Wir wurden betrogen, hintergangen, getäuscht. Schlimmstenfalls von angeblich guten Freunden. Immerhin: Nun wissen wir es besser und kennen ihr wahres Gesicht. Allerdings ist unsere Enttäuschung umso größer, je wichtiger das antizipierte Ereignis für uns ist.
  • Manche Enttäuschungen entstehen jedoch nicht durch das (Fehl-)Verhalten anderer, sondern durch die eigenen (falschen) Erwartungen an andere Menschen. Wir haben etwas erwartet, das diese niemals leisten können, geschweige denn versprochen haben. In dem Fall ist es unser eigenes Versagen. Erstaunlicherweise tut diese Erkenntnis allerdings oft nicht weniger weh, weshalb manche dann trotzdem (und unfairerweise) zu Schuldzuweisungen neigen.

Vor allem im zweiten Fall haben wir es in gewisser Weise selbst in der Hand, ob wir enttäuscht werden (können). Nicht zuletzt können wir lernen, unsere Erwartungen künftig mehr der Realität anzupassen.

Der britische Schriftsteller Alexander Pope hat das einmal zynisch so ausgedrückt: "Gesegnet ist der, der nichts erwartet, denn er kann nicht enttäuscht werden." Eine - wie wir finden - fatale und auch falsche Einstellung. Insbesondere im Job. Eine Führungskraft, die von ihren Mitarbeitern nichts mehr erwartet, wird diese weder fordern und fördern, noch werden alle zusammen etwas erreichen.

Mehr noch: Positive Erwartungen sorgen für mehr Vorfreude und Motivation. Sie können uns anspornen und zugleich über uns hinauswachsen lassen. Natürlich macht auch hier die Dosis das Gift: Zu hohe Erwartungen lassen Menschen scheitern, zu geringe oder gar keine aber sorgen für Stillstand.

Popes Zitat zur Enttäuschung lässt sich schließlich auch umkehren, um den falschen Gedanken darin zu erkennen: Nie enttäuscht zu sein, bedeutet demnach, auch nie etwas erwartet zu haben. Was für ein kleines Leben!

So oder so: Enttäuschungen lassen sich durch realistische Erwartungen reduzieren, ganz verhindern lassen sie sich aber nie.

Das müssen sie auch nicht. Viel wichtiger (und auch beeinflussbarer) als unsere Vorhersagen ist unser Umgang mit den aufkommenden Emotionen. Oder wie es Max Planck einmal ausgedrückt hat:

Eine Enttäuschung, auch wenn sie gründlich und endgültig ist, bedeutet einen Schritt vorwärts.

Deshalb, daher und darum:

  • Akzeptieren Sie die Emotionen.

    Versuchen Sie bitte nicht, ihre Gefühle zu verdrängen oder runterzuschlucken. Wer enttäuscht wurde, ist erst einmal frustriert. Das ist normal. Akzeptieren Sie das für den Augenblick. Indem Sie sich selbst und ihre Gefühle reflektieren, verarbeiten Sie diese nutzbringend und neutralisieren den Frust. Wie schon gesagt: Sehen Sie auch das Positive darin. Sie haben eine Täuschung überwunden und wissen nun mehr.

  • Sprechen Sie über die Enttäuschung.

    Natürlich ist damit nicht gemeint, anderen wutschnaubend Vorwürfe zu machen. Aber Sie können und sollten einem Kollegen, der Sie aufgrund einer (nicht gehaltenen) Zusage enttäuscht hat, das - ruhig und sachlich - sagen. Motto: "Ich habe mich da auf dich verlassen. Das Vertrauen wurde leider enttäuscht. Ich wünsche mir, dass du deine Zusagen künftig einhälst." Nur so kann derjenige auch daraus lernen. Gleichzeitig sollten Sie den Verursachern nach den Gründen für das Fehlverhalten fragen. Auch das deeskaliert und sorgt für konstruktives Verständnis. Falls Sie dabei auf taube Ohren stoßen (auch das kommt leider vor), kanalisieren Sie den Frust bitte in eine andere Richtung: Suchen Sie sich einen guten Freund, bei dem Sie aus- und Dampf ablassen können oder treiben Sie Sport. Nur eines bitte niemals machen: den Frust im Internet ventilieren!

  • Suchen Sie die Ursachen.

    Nehmen Sie Ihre Emotionen nicht nur wahr, sondern kanalisieren Sie die Enttäuschung im dritten Schritt, indem Sie sich fragen: Warum ärgert mich das? Wurde ich getäuscht oder habe ich mich selbst getäuscht? Was kann ich daraus lernen? Was weiß ich jetzt besser? Diese konstruktive Aufarbeitung ist sicher nicht leicht, trainiert aber, auch künftig positiver mit derlei Enthüllungen umzugehen.

Oder wie es in einem weiteren schönen Bonmot heißt:

Man kann in seiner Enttäuschung ertrinken - oder lernen, darin zu schwimmen.

Enttäuschungen: Bitte keine Selbstvorwürfe

Selbstvorwuerfe-EnttaeuschungNeben den typischen Gefühlen wie Wut, Frust und Bitterkeit gibt es noch eine weitere Reaktion auf Enttäuschungen: Selbstvorwürfe. Nicht selten sagen sich die Betroffenen:

  • "Ich hätte es besser wissen sollen!"
  • "Wie konnte ich mich nur darauf verlassen?"
  • "Geschieht mir recht, wie konnte ich auch so naiv sein!?"

Menschlich sind solche Selbstvorwürfe zwar verständlich. Sie wirken aber destruktiv.

Im Rückblick sind wir alle schlauer, haben mehr Informationen als vorher und können Vorzeichen und Geschehnisse besser deuten. Ändern können wir aber nur die Zukunft. Während uns eine Enttäuschung nur temporär ausbremst, zementieren Selbstvorwürfe das Problem, denn sie beschädigen unser Selbstvertrauen.

Das gilt umso mehr, wenn wir von uns selbst enttäuscht sind - also etwa unsere eigenen Erwartungen nicht erfüllt, Ziele nicht erreicht haben.

Hinter einer solchen Reaktion verbirgt sich meist eine narzisstische Kränkung, die sich allerdings nach innen und zurück richtet. Das hilft keinem und liefert obendrein falsche Erkenntnisse.

Enttäuschung Irrtum Illusion Spruch Zitat

Enttäuschungen bewältigen und nutzen

Enttäuschungen sind Wahrheiten mit Verspätung. Wer dies akzeptiert, seine Emotionen im Griff behält und sich auf Ursachenforschung begibt, ist schon auf dem besten Wege, die Enttäuschung zu verarbeiten und damit schließlich zu bewältigen.

Einer der ersten Schritte besteht allerdings auch darin, konkrete Aufgaben und Handlungen zu identifizieren - teils auch zur Schadensbegrenzung:

  • Prüfen Sie, welche Konsequenzen die Enttäuschung hat und ob Sie sich darum kümmern müssen.
  • Klären Sie, ob Ihnen dadurch mehr Arbeit entsteht oder ob Sie bisher delegierte Aufgaben jetzt selbst angehen oder noch einmal delegieren müssen.
  • Prüfen Sie, ob auch andere Personen - Kunden, Kollegen, Freunde - davon betroffen sind und ob hier Kommunikationsbedarf besteht.
  • Stellen Sie sicher, dass dokumentiert ist, dass Sie Ihren Job erledigt und Ihre Aufgaben erfüllt haben. Verzichten Sie dabei jedoch auf Schuldzuweisungen.

Der Verzicht auf Schuldzuweisungen ist vermutlich der schwerste Teil daran. Wer hintergangen oder im Stich gelassen wurde, neigt schnell dazu, die Unterlasser beim Chef anzuschwärzen und so seinem Ärger Luft zu machen. Widerstehen Sie diesem Impuls - aus zwei Gründen:

  1. Erstens, weil Sie so selbst kein gutes Bild abgeben: Sie machen sich klein, werden zum Opfer, das lieber petzen geht, statt das Problem zu lösen. Leistungsträger sehen irgendwie anders aus.
  2. Zweitens, weil der Vorwurf immer auf Sie zurückschlägt. Schließlich waren Sie es, der sich - ohne Plan B - auf andere verlassen hat. Das sieht nicht gerade nach bester Organisation, Planung und Projektmanagement aus.

Hinzu kommt, dass Sie mit derlei Schuldzuweisungen unnötig wertvolle Zeit verschwenden, die Sie viel sinnvoller in das Projekt investieren könnten.

Was tun, wenn Sie selbst jemanden enttäuscht haben

Irren ist menschlich. Und Peinliches passiert. Wer einen Fehler macht und diesen als solchen erkennt, sollte um Entschuldigung bitten. Umgehend. Das beweist nicht nur menschliche Größe, sondern ist auch Balsam für Beziehungen. Leugnen - auch wenn das die meisten versuchen - wäre absolut verkehrt. Denn Fehler sind wie Schutzimpfungen: Sie stärken unser kognitives Immunsystem und bewahren uns davor, denselben Fehler ein zweites Mal zu begehen (vorausgesetzt, wir sind bereit, daraus zu lernen).

Wenn Sie also den Chef, einen Kollegen oder Freund enttäuscht haben, suchen Sie möglichst rasch ein klärendes Gespräch:

  • Übernehmen Sie die volle Verantwortung.
  • Erklären Sie die Gründe - ohne den Fehler damit zu rechtfertigen.
  • Versuchen Sie den Schaden - falls möglich - wiedergutzumachen.
  • Und geloben Sie Besserung.

Eine solche Entschuldigung kostet zwar Stolz, bringt aber mehr als jede Entschädigung. Zu diesem Ergebnis kam schon eine britische Studie der Universität Nottingham. Damals untersuchte ein Forscherteam um den Wirtschaftswissenschaftler Johannes Abeler, was etwa ein Unternehmen tun kann, wenn es seine Kunden enttäuscht hat.

Und um es kurz zu machen: Diese verziehen dem Unternehmen doppelt so oft, wenn sich dieses entschuldigte, als wenn es seine Kunden für den Vorfall entschädigte.

Abeler und sein Team wählten für ihre Untersuchungen das Online-Auktionshaus eBay aus: Jeden Monat gab es dort rund 100 negative, mindestens aber neutrale Beurteilungen. Von diesen unzufriedenen Kunden wählten die Wissenschaft nun zufällig mehrere aus. Den einen schickten sie ein Entschuldigungsschreiben, den anderen boten sie eine finanzielle Kompensation an - mal 2,50 Euro, mal 5 Euro. Resultat: Zogen bei dem 2,50-Euro-Angebot allenfalls 19,3 Prozent ihre negative Bewertung zurück, waren es bei 5 Euro auch nicht viel mehr: 22,9 Prozent. Auf die schriftliche Entschuldigung aber reagierten ganze 44,8 Prozent positiv und löschten die negative Bewertung wieder.

PS: Mit einer Entschuldigung lässt sich sogar Vertrauen gewinnen.

[Bildnachweis: Karrierebibel.de]