Equal-Pay-Day-Rote-Handtasche-2015
Morgen ist Equal Pay Day 2015 (EPD). Falls Ihnen also morgen vermehrt Frauen mit roten Handtaschen im Straßenbild auffallen – das ist kein modischer Trend: Vielmehr demonstrieren die Frauen mit diesem Symbol gegen die Ungleichbehandlung bei der Bezahlung im Job. Der 20. März markiert dieses Jahr jenen Tag im Jahr bis zu dem Frauen - rein rechnerisch - länger arbeiten müssen (insgesamt 79 Tage), um das gleiche Gehaltsniveau eines Mannes zu erreichen. Die roten Handtaschen wiederum sollen ein Hinweis auf die roten Zahlen im Portemonnaie der Frauen sein...

Wie hoch ist der sogenannte Gender Pay Gap?

Aktuell liegt die Differenz zwischen den durchschnittlichen Brutto-Stundenlöhnen der Männer und denen der Frauen - der sogenannte Gender Pay Gap - bei 22 Prozent.

Was es bedeutet, rund ein Fünftel weniger im Portemonnaie zu haben, ließ zum Beispiel die Zürcher Frauenzentrale vor einiger Zeit Männer bei dieser Aktion spüren...

Dabei wird allerdings zwischen dem unbereinigten und den bereinigten Gender Pay Gap unterschieden. Die 22 Prozent entsprechen dem unbereinigten Gehaltsunterschied. Er entsteht, indem die durchschnittlichen Bruttostundenlöhne der Frauen von den durchschnittlichen Bruttostundenlöhnen der Männer abgezogen werden.

Diese Differenz verzerrt das Bild allerdings, denn sie hat unterschiedliche Ursachen:

  • So verdienen Frauen oft weniger, weil sie seltener Führungspositionen innehaben. Zwar haben inzwischen 28 Prozent der Frauen mit Hochschulabschluss eine Führungsposition, bei den Männern aber sind es 43 Prozent.
  • Auch verdienen Frauen weniger, weil sie eher traditionelle Frauenberufe wählen, die generell schlechter bezahlt werden.
  • Oder weil sie häufiger teilzeitbeschäftigt sind. 38 Prozent aller erwerbstätigen Frauen arbeiten in Teilzeit - viermal so viel wie Männer.
  • Auch machen Männer häufiger (bezahlte) Überstunden als Frauen.

Zieht man diese erklärbaren Faktoren für einen Gehaltsunterschied rechnerisch ab, ergibt sich der sogenannte bereinigten Gender Pay Gap. Er enthält damit keine erklärbaren, strukturellen oder arbeitsplatzrelevanten Gehaltsunterschiede mehr. Hierbei werden Frauen tatsächlich bei gleicher Qualifikation und Tätigkeit je Stunde schlechter bezahlt als Männer. Also eine echte Diskriminierung.

Für den bereinigten Gender Pay Gap liegen zwar aktuell keine Zahlen vor. Laut einer Mitteilung des Statistischen Bundesamts vom März 2012 lag er zuletzt jedoch bei durchschnittlich 8 Prozent.

Laut Statistischem Bundesamt gibt es die größte Gehaltsschere bei unternehmensnahen Dienstleistungen, dicht gefolgt vom verarbeitenden Gewerbe (siehe Tabelle). Traurig: In keinem Wirtschaftszweig verdienten die Frauen im Durchschnitt mehr als Männer.

Gehaltsdiskrimminierung: Wo Frauen schlechter bezahlt werden

Branchen Abstand zu Männern in Prozent
Freiberufliche Dienstleistungen -34
Kunst/Unterhaltung -31
Verarbeitendes Gewerbe -29
Information und Kommunikation -29
Finanzen -29
Handel -25
Gesundheit -24
Energieversorgung -21
Immobilien -21
Erziehung/Unterricht -16
Baugewerbe -14
Gastronomie -13
Verkehr -7
Bergbau -3
Regionen Abstand zu Männern in Prozent
Westdeutschland -25
Ostdeutschland -5

Akademikerinnen verdienen schlechter

Bildung macht übrigens keinen Unterschied: Auch Frauen mit akademischem Abschluss, also in hochqualifizierten Jobs, verdienen weniger als ihre männlichen Kollegen - und zwar Frauen mit Bachelor von einer Fachhochschule ebenso wie mit Master von einer Universität oder gar mit Promotion, so eine Erhebung (rund 10.200 Befragte) der gewerkschaftsnahen Hans Böckler Stiftung (PDF).

Im Durchschnitt beträgt die Gehaltslücke hier 21,5 Prozent. Allerdings variiert dieses Ergebnis je nach Abschluss noch einmal deutlich: Frauen mit Promotion erhalten beispielsweise auf Basis einer 40-Stunden-Woche ohne Sonderzahlungen ein Bruttomonatsgehalt von durchschnittlich 4.679 Euro. Männer mit Doktortitel verdienen im Schnitt 5.342 Euro, also 663 Euro mehr.

  • Noch größer ist der Abstand bei Beschäftigten mit einem (alten) Diplomabschluss einer Universität: Hier verdienen Frauen im Schnitt 3.534 Euro, Männer hingegen 4.590 Euro. Differenz: 1.056 Euro.
  • Frauen mit einem Master-Abschluss einer Universität verdienen durchschnittlich 3.827 Euro. Mit dem gleichen Abschluss kommen die männlichen Kollegen im Schnitt aber schon auf 4.530 Euro, ganze 703 Euro mehr.
  • Absolventinnen mit einem Bachelor-Abschluss einer Fachhochschule wiederum verdienen im Schnitt 3.023 Euro - 618 Euro weniger als männliche Bachelor-Absolventen (Durchschnittsgehalt: 3.641 Euro).

Auch bei den Sonderzahlungen haben Frauen oft das Nachsehen: Fast 57 Prozent der Männer bekommen nach eigenen Angaben eine Sonderzahlung in Form eines Weihnachtsgeldes, von den Frauen dagegen nur rund 52 Prozent. Männer bekommen zu gut 50 Prozent Urlaubsgeld, Frauen dagegen nur zu 39 Prozent. Männer erhalten zu 21 Prozent eine Gewinnbeteiligung, Frauen dagegen zu 11 Prozent. Fair geht anders.

Chefs mit Tochter bezahlen Mitarbeiterinnen besser

Wissenschaftler um Michael S. Dahl von der dänischen Aalborg Universität haben eine bemerkenswerte Langzeitstudie (PDF) mit 734.200 Angestellten in rund 6320 Unternehmen in den Jahren 1995 bis 2006 durchgeführt. Dabei bestätigte sich, was wir hierzulande kennen: Frauen verdienen im Schnitt 21,5 Prozent weniger als Männer. Hatte der Chef aber eine (erstgeborene) Tochter, verdienten seine Mitarbeiterinnen prompt nur noch 18,7 Prozent weniger als ihre männlichen Kollegen. Nicht viel besser und immer noch ungerecht, sicher, aber besser als nix. Und ein Indiz für einen möglichen Vorteil bei der nächsten Gehaltsverhandlung: Hat der Boss eine Tochter, können Frauen mehr rausholen.

Gehaltsunterschied: Was Frauen tun können?

Gehaltsunterschied-Gehaltsverhandlung-FrauNeben solchen Aktionstagen, die auf die Ungleichbehandlung der Frauen zurecht aufmerksam machen, gibt es natürlich noch eine Reihe weiterer Optionen. Die können und wollen wir hier nicht alle aufzählen, würden uns aber über Ihr persönlichen und konstruktiven Anregungen in den Kommentaren freuen.

In einem Punkt aber sind sich Beobachter fast immer einig: Frauen verhandeln schlechter als Männern - jedenfalls wenn es um ihr eigenes Gehalt geht. Sei es...

  • weil sie ihren eigenen Marktwert nicht genau kennen.
  • weil es ihnen unangenehm ist, mehr zu verlangen.
  • weil sie durch Verhandlungstricks zu schnell einschüchtern lassen.
  • weil sie keine Lust auf einen Gehaltspoker und -kampf haben.

Dazu gibt es ein schönes Experiment von Emily Amanatullah, Management-Professorin an der Universität von Texas.

Im ersten Teil bat sie ihre Probanden - Männer und Frauen - in der Simulation jeweils ein Einstiegsgehalt für sich zu verhandeln. Der Trick: Im zweiten Teil sollten dieselben Teilnehmer eine Gehaltserhöhung für jemand anderen heraushandeln.

Sie ahnen, was passierte: Im ersten Teil schnitten die Frauen deutlich schlechter ab als die Männer. Für sich selbst holten Sie im Schnitt rund 7000 Dollar weniger Jahresgehalt heraus als ihre männlichen Kollegen.

Ganz anders jedoch, wenn es um Dritte ging: In dem Fall gab es keinerlei statistischen Unterschied zwischen Männern und Frauen, beide holten gleich viel für den fiktiven Kollegen heraus.

Die Schlussfolgerungen daraus:

  • Frauen können genauso gut verhandeln wie Männer. Am reinen Verhandlungsgeschick liegt es nicht.
  • Es ist Frauen unangenehm, sich selbst monetär zu bewerten und diesen Wert auch für sich selbst durchzusetzen.

Frauen, sagt die Wissenschaftlerin, "verhandeln immer auch zugleich ihre Reputation". Sie würden sich Sorgen machen, ob die hartnäckige Forderung für faire Bezahlung ihr Image beschädigen könnte.

Und so abwegig das klingt, ganz unrecht haben sie damit nicht. So zeigten etwa andere Untersuchungen, dass männliche wie weibliche Chefs Bewerberinnen prompt seltener einstellen, wenn die schon im Jobinterview um ein gleichberechtigtes Gehalt feilschen.

Das wiederum erfüllt dann doch den Tatbestand der Diskriminierung. Nur nachweisen lässt sich das in der Regel nicht.

Also dumm gelaufen? Eine Sackgasse?

Nein, findet Maggie Neale von der Stanford Business School. Sie ist davon überzeugt, Frauen könnten durchaus ihre offenbar starke Ader für andere zu kämpfen auch für sich selbst nutzen - allerdings mit einem kleinen psychologischen Trick:

Bei der nächsten Gehaltsverhandlung, so ihre Empfehlung, sollten sich die Frauen vorstellen, sie kämpften nicht nur für sich, sondern letztlich auch für jene, die von dem Gehaltsplus profitieren - die Familie, die Kinder, der Partner...

Zugegeben, für Singlefrauen ohne Kind ist die Lösung nicht wirklich befriedigend. Aber auch hierbei weiß Maggie Neale Rat: "Hören Sie auf, die Gehaltsverhandlung als Kampf gegen die Ungerechtigkeit zu betrachten. Sehen Sie es als Lösung eines Problems." Wer sich unter Wert verkauft, mag zwar einem möglichen Konflikt aus dem Weg gegangen sein, zahlt dafür aber ein Leben lang (drauf)...

Wer nicht fragt, verdient weniger

Frau-FragenFrauen verdienen weniger, weil sie nur selten den direktesten Weg zu mehr Gehalt wählen: Sie fragen einfach nicht danach. Zu diesem Ergebnis kommen Studien (PDF) von Hannah Riley Bowles und Linda Babcock.

Die ließen ihre 402 Probanden zunächst Videos von Frauen ansehen, die kürzlich befördert worden waren und nun mit dem Chef um ein höheres Gehalt verhandelten. Immer wieder fiel den Beobachtern die nahezu unterwürfige Rhetorik der Frauen auf: Die einen sorgten sich um die Beziehung zum Chef ("Ich hoffe, es ist okay, wenn ich Sie nach mehr Gehalt frage..."), andere betonten die Verhältnismäßigkeit ("Meine Beziehungen zu den Kollegen hier und die Fairness sind mit sehr wichtig..."), wieder andere, aber nur wenige, ließen einfließen, dass sie auch schon ein Angebot von einem anderen Arbeitgeber erhalten hatten. Am Ende fragten die Wissenschaftlerinnen ihre Teilnehmer zwei Dinge:

  • Würden Sie mit dieser Frau gerne zusammenarbeiten?
  • Würden Sie dieser Frau mehr Gehalt zahlen?

Es dürfte Sie nicht überraschen, wie das Ergebnis ausfiel: Alle Frauen in den Videos punkteten bei den Sympathiewerten, als Mitarbeiterin konnten sich die Probanden die Damen bestens vorstellen. Aber mehr Geld bezahlen? Allenfalls wenn diese auf ein alternatives Jobangebot verwiesen oder eben knallhart mehr Gehalt verlangten. Fazit: Wenn frau etwas will, musst sie es direkt verlangen.

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[Bildnachweis: Stokkete, Robert Kneschke, Diego Cervo by Shutterstock.com]