
Hallo Herr Mai,
ich wollte mich auf diesem Wege etwas länger als in nur 140 Zeichen bedanken. Dank Karrierebibel.de war ich bei meinem letzten Vorstellungsgespräch so gut vorbereitet, dass es wohl das nachhaltigste meines Lebens wurde. Obendrein war es verdammt amüsant. Dass ich den Job nicht bekommen habe, lag weniger an meiner Vorstellung, sondern eher am Unternehmen: Man bot mir den Job zwei Wochen später als Freelancer-Tätigkeit an, was ich dankend ablehnte.
Auf das Gespräch selbst hatte ich mich exzessiv vorbereitet (5 Tage). Die Top100 Interview-Fragen sind wirklich Gold wert (natürlich habe ich mich mit den anderen Tipps auch beschäftigt). Ich hatte dann zu jeder Frage die passende oder offene Antwort. Es war ein Festival. Hinzu kam, dass sich die Gesprächspartnerin scheinbar nicht richtig vorbereitet hatte und sichtlich irritiert war, dass ich problemlos und frei sämtliche ihrer Fragen beantworten konnte. Ich habe mich selten so selbstsicher gefühlt.
Dafür war die Personalerin umso mehr damit beschäftigt, ihre Standardprozedur abzuspulen und sich etwas umständlich nach meinen Stärken zu erkunden. Da ergriff ich die Initiative und sagte ihr, dass sie mich ruhig direkt danach fragen könne, ich könnte Ihr auch gerne anschließend meine Perspektiven erläutern, wo ich mich in fünf Jahren sehe… Herr Mai, ich sage Ihnen – Fragen vorweg nehmen: unbezahlbar!
Wie bereits erwähnt, hatte ich mich extrem gut vorbereitet – darunter fiel aber auch, einen Blick in den Finanzbericht des Vorjahres zu werfen (öffentlich sichtbar, da AG). Ich hätte nie gedacht, dass ein Wissensvorteil so weitgehend wirkt. Als es zu dem Teil kam, ob ich noch Fragen hätte, erwähnte ich den Finanzbericht und erkundigte mich nach der Verteilung der geplanten Investitionssumme. Das sorgte bei den drei Anwesenden Interviewern für eine echte Überraschung. Sie wussten es selbst nicht. Am Ende des Gesprächs konnte man nicht einmal mehr erkennen, wer jetzt eigentlich wen befragt. Dass ich den Job nicht bekommen habe, ist echt nicht schlimm. Ich hatte mit fast 30 das zweite Vorstellungsgespräch meines Lebens. Und es war ein Gefühlskarneval. Der Nachmittag hat inzwischen seinen Platz in meinen festen Anekdoten.
Nochmal: Ich möchte bei Ihnen für Ihre Arbeit, Ihre Mühen, die Zeit und das Know-How, das Sie auf Karrierebibel.de vermitteln, herzlich bedanken. Die Werbung im Freundes- und Bekanntenkreis ist Ihnen sicher.
Beste Grüße
Kai Thrun, der WebWorker
1. Kommentar
Malte
27.05.09 um 23:19 Uhr
Ich kann dem Autor nur beipflichten: die Beiträge hier sind wirklich großartig und lassen die karriere-/berufsbezogenen Tipps und Weisheiten in den allermeisten Zeitungen verblassen.
ein Kommentar zum oben beschriebenen Bewerbungsgespräch:
Wenn sich der Interviewer als schlecht vorbereitet und/oder informiert herausstellt, sollte der Bewerber es unbedingt vermeiden ihm diese Tatsache durch sehr spezielle Fragen aufzubinden.
Sich mit dem Unternehmen detailliert auszukennen ist natürlich von Vorteil und darf und soll auch gezeigt werden.
Aber eher in der Form:
“Ich war beeindruckt zu lesen, dass…”
“Wenn Sie mich in diesem Bereich einsetzen, würde ich mich gerne für … einsetzen/engagieren”
“Bereits in meiner Vergangenheit habe ich in darin (…) Erfahrung gesammelt”
Der Bewerber soll natürlich auch Fragen stellen, aber dann solche, die der Interviewer bei Unwissenheit mit wenigen Worten abgehandeln kann und seine völlige Unkenntnis nicht eingestehen muss.
2. Kommentar
Mario
28.05.09 um 07:22 Uhr
Hallo guten morgen Deutschland :)
3. Kommentar
Jochen Mai
28.05.09 um 08:05 Uhr
Vielen Dank, ich freue mich natürlich sehr über die Komplimente. Aber mein erster Eindruck war auch der, dass es unter Umständen gefährlich ist, den Interview allzu sehr zu düpieren. Gewiss, ich finde es ist eine Frechheit einerseits von Bewerbern eine ordentliche Vorbereitung zu erwarten, selbst aber das Gespräch recht locker zu nehmen oder Standardfragen abzuspulen. Andererseits ist es eben auch nicht wirklich zielführend Personaler in Verlegenheit zu bringen – es sei denn, der Job ist einem nicht allzu wichtig.
Sieht man so ein Gespräch aber als Training – und ich finde, das kann man auch mal machen: sie auf eine Stelle bewerben, die man nicht wirklich anstrebt, um Jobinterviews unter Realbedingungen zu üben -, dann kann das sehr erfrischend sein Selbstbewusstsein auf diese Weise zu stärken.
4. Kommentar
Michael
29.05.09 um 09:57 Uhr
Diese kurzfristige Gefuehl der Ueberlegenheit mag fuer den einen befriedigend sein.
In einem Vorstellungsgespraech sollte der Fokus meiner Meinung nach darauf liegen, sich gegenseitig kenn zu lernen und sich eine Meinung zu bilden ob der Job zum Bewerber und der Bewerber zum Job passt.
Ich erwarte hier von beiden Seiten respektvollen Umgang und Wertschaetzung, daher finde ich den Erfahrungsbericht enttaeuschend. Dies gilt natuerlich auch im umgekehrten Fall. Sich oeffentlich ueber ahnungslose Berwerber lustig zu machen ist ueberfluessig.
5. Kommentar
Jochen Mai
29.05.09 um 10:18 Uhr
@Michael: Was du sagst, stimmt natürlich. Gegenseitiger Respekt ist eine Grundregel. Das setzt aber freilich eine Begegnung von gleichen voraus. Oft handelt es sich bei solchen Jobinterviews aber um ein asymmetrisches Machtverhältnis. Dann geht die erste Respektlosigkeit von demjenigen aus, der dazu unvorbereitet erscheint. In diesem Fall waren es offenbar die Personaler – und diese Erkenntnis finde ich gar nicht enttäuschend, sondern mahnend.
6. Kommentar
Kai Thrun
02.06.09 um 10:08 Uhr
Guten Morgen,
zuerst Dank für die Kommentare.
@Micheal:
Das Vorstellungsgespräch war durchaus harmonisch und die geschilderten Punkte sind nur Momentaufnahmen. Es ging mir keinesfalls darum irgendwelche Machtspielchen zu spielen, dafür war die Anreise auch viel zu weit. Allerdings, und das fand ich sehr schade, wurde ich mit der Frage konfrontiert, wie ich auf das Unternehmen aufmerksam geworden bin. Ich fand es schon sehr befremdlich, nachdem man mich aufforderte meine Unterlagen für eine nicht ausgeschriebene Stelle zu übersenden. Es geht sicherlich nicht darum sich “lustig” zu machen. Zugegeben bin ich jemand, der gern mal aneckt, wenn’s sein muss und darf. Und jeder muss für sich selbst entscheiden, ob und wie er dies tut.
@Malte:
Die spezifische Frage beruhte schon auf Interesse. Es ging weniger darum, irgendjemand bloß zu stellen oder ähnliches. Dies erachte als Zeitverschwendung und absolut unhöflich. Allerdings wenn ich eine Investitionssumme erlese, die das 3-6 fache eines “branchenüblichen” Etats beträgt, weckt dies mein Interesse. Ich habe auch keine konkrete Antwort erwartet, aber ich habe gefragt, weil es mich interessiert hat.
Wenn ein “Wettbewerber” bei einem Umsatz der um 1800% höher liegt, aber nur die Hälfte an Etat bereit stellt – dann möchte ich schon wissen, wohin der Weg gehen soll. (Ich habe die Frage im Nachhinein dann vom Vorstandsvorsitzenden beantwortet bekommen.)
Wie gesagt, das Gespräch mit dem eigentlichen Gesprächsführer war angenehm und wir freuen uns auch beide das ein oder andere Mal nochmals wieder zu sehen.
@Jochen:
Ja, dieses Unvorbereitete kann doch sehr verwirrend sein. Ich wollte es eigentlich zurerst nicht glauben. Zumal man die Bewerbung inkl. Anschreiben vor sich liegen hatte. Das Lesen des ersten Satzes hätte schon ausgereicht: “…sehr gern komme ich Ihrer Aufforderung… “
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