Erlernte Hilflosigkeit überwinden Entstehung erlernter Hilflosigkeit und ihre Folgen
Erlernte Hilflosigkeit klingt zunächst nach einem Widerspruch - wer sollte schon freiwillig hilflos sein wollen? Tatsächlich verbirgt sich hinter dieser Bezeichnung ein bahnbrechendes Erklärungsmodell, das 1974 vom amerikanischen Psychologen Martin E. P. Seligman geprägt wurde. In seinen Konditionierungsversuchen mit Hunden konnte er nachweisen, dass es Parallelen zwischen der Depression beim Menschen und den Folgen der im Labor hervorgerufenen Hilflosigkeit bei Tieren gibt: Menschen verhalten sich als ob sie nichts ändern könnten, fühlen sich hilflos. Dennoch kann man erlernte Hilflosigkeit "verlernen"...

Entstehung erlernter Hilflosigkeit und ihre Folgen

Erlernte Hilflosigkeit ist bei manchen Menschen eine Art auf Gewalterfahrungen, Verlust oder Behinderung zu reagieren. Solche Erfahrungen führen bei diesen Personen häufig zu einer Opferhaltung. Gedanken wie die folgenden bestimmen die Selbstwahrnehmung:

  • Ich kann sowieso nichts ändern.
  • Das konnte ja nur mir passieren.
  • Meine Wünsche zählen nicht.
  • Ich bin zu schwach.

Die Betroffenen gleiten in die Resignation ab und unternehmen nichts, um etwas zu ändern. Stattdessen werden sie häufig depressiv und apathisch. Menschen mit erlernter Hilflosigkeit erleben sich als Opfer der Umstände, in ihrer eigenen Wahrnehmung können sie nichts ändern - auch wenn das Umfeld das häufig anders wahrnimmt.

Man geht davon aus, dass widrige Ereignisse vor allem dann zu Resignation und depressivem Verhalten führen, wenn sie von den Betroffenen nicht kontrolliert werden können. Gestützt wird diese These durch entsprechende tierexperimentelle Untersuchungen und Beobachtungen an Menschen.

Scheinbar entwickeln viele Betroffene eine gewisse Erwartung: Dadurch, dass sie sich in einer Situation hilflos ausgeliefert gefühlt haben, gehen sie davon aus, in vergleichbaren Situationen erneut keine Kontrolle zu haben und wieder ausgeliefert zu sein.

Entscheidend ist bei erlernter Hilflosigkeit also weniger der tatsächliche Kontrollverlust, sondern die Selbstwahrnehmung.

In Laborexperimenten zur Hilflosigkeit erkannte die Forschung drei Formen von Störungen:

  • Die Motivation zu reagieren wird erschüttert.
  • Der Lernprozess wird verlangsamt, der Betroffene denkt, dass eigene Reaktionen Konsequenzen hervorrufen.
  • Es entwickeln sich emotionale Störungen, besonders Depressionen und Ängste.

Erlernte Hilflosigkeit: Seligman und das Experiment an Hunden

Erlernte Hilflosigkeit Erlernte Hilflosigkeit TherapieEs gab drei Gruppen mit Hunden, in der ersten Phase des Experiments wurde folgendermaßen vorgegangen:

  • 1. Gruppe: Den Tieren wurden Elektroschocks zugefügt, die sie durch das Betätigen eines Hebels abwenden konnten.
  • 2. Gruppe: Diese Tiere bekamen ebenfalls Elektroschocks, konnten im Vergleich zu den Hunden in der ersten Gruppe diesen jedoch nicht entgehen.
  • 3. Gruppe: Diesen Hunden wurden keine Schocks verabreicht.

In der zweiten Phase des Experiments wurden allen Hundegruppen Elektroschocks zugefügt, und alle Hunde hatten die Möglichkeit, sich durch den Sprung durch ein Fenster zu retten. Hier zeigte sich, dass die Hunde aus der ersten Gruppe sehr schnell fliehen konnten.

Die Tiere der dritten Gruppe brauchten zwar etwas länger, um zu verstehen, wie sie den Elektroschocks entgehen konnten, jedoch konnten sie sehr bald den Elektroschocks entkommen. Allein die Hunde der zweiten Gruppe blieben lethargisch am selben Platz und unternahmen keinerlei Versuche, den Schocks zu entgehen. Wenn sie es dennoch versuchten, brauchten sie hierfür deutlich mehr Zeit.

Die Experimente waren stark umstritten, führten aber zu Hypothesen, mit denen man Depressionen zu erklären versucht. So konnte man beispielsweise bei Menschen, die eindeutig Situationen ausgeliefert waren, in denen sie hilflos waren - beispielsweise Naturkatastrophen, Kriege oder Todesfälle - klar beobachten, dass sie anschließend apathisch und lethargisch waren.

Gleichzeitig kommt dieses Erklärungsmodell an seine Grenzen, denn es gibt Menschen, die trotz erlittener Erfahrungen von Kontrollverlust nicht mit erlernter Hilflosigkeit reagieren, es ist also auch eine Frage der Persönlichkeit. So ist erlernte Hilflosigkeit vor allem bei Menschen anzutreffen, die...

  • Probleme immer persönlich nehmen (persönlicher Charakter),
  • ständig ums Problem kreisen, welches somit zum Lebensinhalt gerät (genereller Charakter),
  • das Problem als unlösbar empfinden (permanenter Charakter).

Erlernte Hilflosigkeit überwinden

Wie der Begriff bereits andeutet, ist erlernte Hilflosigkeit nicht gleichbedeutend mit tatsächlicher Hilflosigkeit: Um das jedoch zu erkennen, bedarf es der Selbstreflexion und eines gewissen Leidensdrucks: Wer seine Umwelt und sein Leben so in Ordnung findet, sieht vermutlich keinen Sinn darin zu handeln.

Wer andererseits unter der Situation leidet, muss anfangen seine Einstellung zu ändern und Alternativen zu suchen. Dazu gehört auch zu versuchen, mögliche Lösungen in die Tat umzusetzen. An diesem Punkt ist positives Denken unerlässlich. Hoffnung und Zuversicht können sich nicht aus negativem Denken entwickeln.

Positives Denken wird zwar mitunter als realitätsfremd eingeschätzt, jedoch kommt es immer auf die Situation und die Ausprägung an: Es geht nicht darum, völlig naiv und unrealistisch vor sich hinzuträumen; das andere Extrem jedoch: Alles ist verloren, nie wird sich etwas ändern, ich bin völlig nutzlos und so weiter ist genauso falsch und realitätsfremd.

Es geht also darum, sein Denken wieder in gemäßigte Bahnen zu lenken und bis dahin daran zu glauben, dass man etwas ändern kann, dass man Kontrolle über die Dinge hat. Denn selbsterfüllende Prophezeiung ist auch im positiven Sinne möglich, funktioniert also in beide Richtungen.

Aber es geht um mehr. Die Betroffenen müssen als erwachsene Person Selbstverantwortung übernehmen. Dahinter verbirgt sich auch einer der Glaubenssätze der Persönlichkeitsentwicklung: Sie selbst können Ihr Leben in die Hand nehmen, Sie selbst sind Ihres Glückes Schmied.

Selbstverantwortung zu übernehmen heißt, dass Sie selbst dafür sorgen müssen, dass es Ihnen gut geht. Das heißt aber auch, dass Sie die Schuld dafür, dass es Ihnen vielleicht gerade nicht so gut geht, nicht bei anderen suchen können, dass Sie nicht immer andere Umstände, Probleme in der Vergangenheit für etwas heranziehen, das in der Gegenwart liegt.

Natürlich gibt es Gründe dafür, warum Menschen so sind, wie sie sind - der Unterschied liegt in der Erkenntnis und in dem Wunsch, etwas zu ändern. Häufig sind es Ängste und Hemmungen, die Menschen mit erlernter Hilflosigkeit daran hindern, etwas zu ändern. Sie trauen sich nicht, anderen ihre Wünsche mitzuteilen.

Gleichzeitig haben sie völlig übersteigerte Vorstellungen von ihren Mitmenschen, erwarten quasi, dass andere Menschen hellsehen und ihre Bedürfnisse erahnen könnten. Das passiert natürlich nicht und somit werden diese Personen - egal, ob Partner, Arbeitskollegen oder Freunde - als egoistisch oder wenig feinfühlig disqualifiziert.

Erlernte Hilflosigkeit überwinden bedeutet, dass Sie Entscheidungen treffen müssen und die Konsequenzen daraus tragen. Hier liegt mitunter das größte Problem: Aus der Angst heraus, die falschen Entscheidungen zu treffen, zögern Menschen mit erlernter Hilflosigkeit Entscheidungen lange heraus - so lange, bis sich etwas erledigt oder andere Personen ihnen die Entscheidung abnehmen. Das Problematische daran ist, dass die so "getroffenen" Entscheidungen selten so ausfallen, wie sie sich der Betroffene eigentlich erhofft hat - er erlebt sich somit wieder als Opfer der Umstände.

Hier zeigt sich auch eine völlig übersteigerte Anforderung an sich selbst: Die Betroffenen gestehen sich selbst nicht zu, Fehler machen zu dürfen, das heißt, jede Entscheidung, die getroffen werden muss, hat den Anspruch die richtige sein zu müssen. Dieser Perfektionismus lähmt natürlich.

Andererseits bedeutet Verantwortung zu übernehmen natürlich auch, für eigene Fehler gerade zu stehen und nicht immer die Ursache woanders zu suchen: Wer unpünktlich bei der Arbeit erscheint, sollte sich nicht in Ausreden flüchten, sondern dazu stehen, dass er vermutlich zu spät das Haus verlassen hat.

Erlernte Hilflosigkeit Therapie

Erlernte Hilflosigkeit steht für eine Verarmung des Denkens und eine Fixierung auf reduzierte Denkmuster, die es zu überwinden gilt. Erlernte Hilflosigkeit lässt sich "verlernen". Neben den genannten Maßnahmen, die jeder aktiv selbst ergreifen kann, gibt es vielversprechende Therapiemöglichkeiten.

Professionelle Hilfe können Betroffene hier von psychologischen Verhaltenstherapeuten oder Fachärzten für Psychotherapie mit dem Schwerpunkt Verhaltenstherapie erhalten.

Voraussetzung dafür ist allerdings, dass der Betroffene dazu bereit ist, einen Schritt ins Unbekannte zu wagen. Er muss den dringenden Wunsch haben, sein eigenes Leben zu leben und nicht eines, das den Vorstellungen der Familie, irgendwelcher Kollegen oder der Gesellschaft entspricht, oder das von Kultur und Tradition geprägt ist.

Dazu muss sich der Betroffene seinen Ängsten und unangenehmen Tatsachen stellen, die er sonst zu vermeiden sucht. Als Therapieziel ergibt sich aus Erklärungsmodell nach Seligman, dass die Betroffene wieder lernen, dass sie selbst ihr Leben in der Hand haben: Sie können die Kontrolle über ihre Umwelt erlangen und Probleme selbstständig überwinden. Sie müssen den Selbstwert und die Wertschätzung der eigenen Person wieder erlernen.

[Bildnachweis: FabrikaSimf by Shutterstock.com]