Als ich 2007 meine Ausbildereignungsprüfung absolvierte, erzählte mir einer meiner Ausbilder, wie das bei ihm mit dem Berufseinstieg gelaufen ist: Als frischgebackener Maschinenbau-Ingenieur schrieb er einfach ein kurzes Stellengesuch in der FAZ. Daraufhin meldeten sich etwa 30 Unternehmen bei ihm und boten neben einer Stelle noch einige verlockende Extras mehr. Er entschied sich schließlich für das beste Angebot entschieden und sagte den anderen Betrieben freundlich ab. Von acht der Verschmähten erhielt er sogar noch Nachfassbriefe, Motto: Was haben wir falsch gemacht, dass Sie sich nicht für uns entschieden haben?

Vorbei? Zugegeben, die Geschichte klingt wie ein Märchen von einem anderen Stern. Früher war alles besser und so. Aber stimmt das auch? Der Arbeitsmarkt verändert sich aktuell dramatisch. Was sind die wichtigsten Entwicklungen und was bedeuten sie für die Arbeitnehmer von morgen? Eine Analyse…

Weniger verfügbare Arbeitskräfte

Eine der Ursachen ist der stetige Rückkgang der verfügbaren Arbeitskräfte seit 2006. Bis 2050 werden bis zu zwölf Millionen Menschen weniger dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen als heute, prognostiziert das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung. Bereits im Jahr 2025 sollen nur noch 1,5 Millionen Menschen ohne Arbeit sein. Aktuell sind es, inklusive der sogenannten stillen Reserve – also jener Menschen, die zwar arbeitsfähig sind, aber aus bestimmten Gründen nicht suchen -, noch knapp fünf Millionen Menschen.

Hinzu kommt der Trend zu steigenden Anforderungen an die Qualifikation der Beschäftigten. Deutschland hat kaum Rohstoffe, um im globalen Wettbewerb bestehen zu können, sind Innovationen und Qualität unser einziges Plus. Entsprechend werden auf dem Arbeitsmarkt immer mehr Hochqualifiziere nachgefragt, gering Qualifierte dagegen haben immer weniger Aussichten auf eine (dauerhafte) Anstellung. Umgekehrt ist es schon heute so, dass der Bedarf an hochqualifiziertem Personal kaum noch aus der Reserve zu decken ist. Der Verein Deutscher Ingenieure (VDI) beklagt bereits jetzt, dass über 68.000 Ingenieur-Stellen nicht zu besetzen seien. Tendenz steigend.

Fachkräftemangel – Gefahr oder Mythos?

Für qualifizierte Stellensuchende ist ein Arbeitskräftemangel natürlich toll. Wenn es Jobs ohne Ende gibt, sind Gehalt und Extras frei verhandelbar.

Doch so extrem wird es nicht kommen. Kritiker bemerken zu Recht, dass sich hinter den Klagen der Verbände natürlich auch ein Hype verbirgt. Die Unternehmen sind gewohnt, aus einem großen Bewerberpool die Besten herauszupicken zu können und auch schon mal Technikerstellen mit Ingenieuren zu besetzen. Dass sie diese Position nicht aufgeben wollen, versteht sich von selbst.

Und ihr Trommeln wirkt: So haben sich die Absolventenzahlen in den Ingenieurwissenschaften fast vervierfacht, dabei gibt es in manchen Disziplinen – etwa dem Maschinenbau – immer noch mehr als doppelt so viele Absolventen wie Arbeitsstellen. Hinzu kommt, dass ein heutiger Mangel nicht zwingend auch noch bestehen muss, wenn die jetzigen Studienanfänger zu Absolventen gereift sind. Schließlich ist die Entwicklung am Arbeitsmarkt auch weiterhin stark von der Konjunktur abhängig.

Zugleich ist die Warnung vor dem Fachkräftemangel nicht ganz von der Hand zu weisen, auch wenn sie wahrscheinlich weniger dramatisch ablaufen wird. In manchen Gegenden ist es für Unternehmen heute schon schwierig, Menschen mit entsprechender Qualifikation anzuwerben. Die Gründe dafür: Arbeitsplatz und -umfeld sind wenig attraktiv. Oder der Lohn ist vergleichsweise niedrig. Gerade große Unternehmen sind mittlerweile erfinderisch geworden, um trotzdem das entsprechende Personal zu finden: Sie ködern den Nachwuchs mit flexiblen Arbeitszeiten oder besseren Möglichkeiten, Kinder und Karriere zu vereinbaren. Nicht wenige haben vor, ihre Anstrengungen noch weiter auszubauen, um potente Arbeitskräfte anzulocken, beispielsweise indem sie noch gezielter als bisher auf Absolventen zugehen oder gar ungewöhnliche Wege gehen.

Ökonomische Beschleunigung

Auch haben sich die ökonomischen Zyklen enorm beschleunigt. Produkte veralten immer schneller, konjunkturelle Krisen und Hochphasen wechseln sich rasanter ab. Die Berg und Talfahrten an der Börse werden heftiger, die Wellen kürzer. Für die Unternehmen heißt das: Sie müssen flexibler werden, um darauf schneller reagieren zu können. Anpassungsfähigkeit wird zum entscheidenden Wettbewerbsfaktor. Das hat natürlich auch Folgen für den Stellenmarkt: Wenn Arbeitsplätze unbefristet vergeben werden, dann immer seltener. Und Sicherheiten bietet selbst das nicht. Patchwork-Karrieren nehmen zu – mal sind die Menschen angestellt, dann verdienen sie ihren Lebensunterhalt als Freiberufler oder Selbstständige. Diese Entwicklung trifft auch Fach- und Führungskräfte.

Angesichts der schnellen Konjunkturwechsel, ist es aber auch absehbar, dass sich immer mehr Menschen gleichzeitig auf Stellensuche begeben werden. Zum Einen, weil die Beschleunigung die Arbeitsplatzsicherheit killt und damit die Notwendigkeit schafft, sich beizeiten neu zu orientieren. Zum Anderen, weil der stetige Anpassungsdruck ebenso zu fortwährender Jobrotation zwingt. Das birgt für den Einzelnen aber auch Chancen: Etwa, sich durch gezielte Suche nach einer passendenden (neuen) Stelle zu entwickeln, zusätzliche Qualifikationen zu erwerben und so für den Arbeitsmarkt attraktiver zu werden. Und nicht zuletzt enthält es auch die Option, die Lebensbalance zu verbessern oder zumindest das Arbeitspensum seiner aktuellen Lebensphase anzupassen.

Perspektiven für Hochqualifizierte

Bei allen Unwägbarkeiten gibt es dennoch zwei klare Tendenzen: Vor allem die MINT-Berufe, also Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik, werden weiterhin gefragt bleiben, sodass für Absolventen dieser Disziplinen auch künftig zahlreiche Jobchancen bestehen. Gleichzeitig wird es weniger darauf ankommen, das “Richtige” studiert zu haben, sondern vielmehr sich auf wechselnde Gegebenheiten einstellen zu können. Kürzere Zyklen bedeuten eben, sich auch persönlich weiterentwickeln und anpassen zu müssen.

Das sind zugleich gute Aussichten für die vom Arbeitsmarkt sonst eher verschmähten Geistes- und Sozialwissenschaftler. Auch ihre Berufsaussichten verbessern sich, denn sie bringen genau jene Fähigkeit mit, die dann gebraucht werden: sich schnell auf Neues einstellen, in unbekannte Themen einfinden, ein optimales Ergebnis präsentieren.

Schon heute schreiben manche Menschen hunderte Bewerbungen und erhalten allenfalls Absagen, während andere sich aus fünf Stellenangeboten das Passende aussuchen können. Das liegt nicht (allein) an der jeweiligen Qualifikation und auch nicht an der Qualität der Bewerbungsunterlagen. Sondern häufig an der Vita des Bewerbers:

  • Ist der Bewerber zielorientiert – also ist seine Anpassung Folge eines Plans oder purer Zufall und daher eher ein Indiz für Orientierungslosigkeit?
  • Wurden immer wieder die richtigen beruflichen Stationen oder Praktika absolviert?
  • Weiß der Kandidat über die Anforderungen der jeweiligen Branche und des Unternehmens Bescheid? Ist er oder sie aufgeschlossen und zu Fortbildung und Weiterentwicklung bereit?
  • Und weiß er, was er will?

Für Studierende bedeutet das aktuell: Schon heute sollten sie das eigene Profil schärfen, um sich von anderen abzugrenzen. Sie sollten sich rechtzeitig informieren, was in der Zielbranche gefagt ist, dafür Kontakte in den jeweiligen Unternehmen knüpfen – auch und gerade über Social Media. Sie sollten immer wieder Praxisluft schnuppern, offen sein, verschiedene Dinge ausprobieren, um damit Entwicklungsbereitschaft zeigen und (soziale) Flexibilität zu trainieren. Und natürlich auch, um Entwicklungen am Markt rechtzeitig zu erkennen und darauf reagieren zu können.

An der Klärung der eigenen Wünsche und Ziele werden sie trotzdem weiterhin nicht vorbeikommen. Erst recht nicht, wenn die Chancen zu deren Verwirklichung besser werden. Mehr noch: Nur, wer wirklich überzeugt ist, mit dem angestrebten Job das Richtige zu tun, wird auch Andere davon überzeugen können. Und genau darauf kommt es an.


Über den Autor

Christian Schroff, Jahrgang 1968, hat in Konstanz und Leipzig Soziologie und Politologie studiert. Seit 2006 begleitet er Menschen als Jobcoach und Bewerbungstrainer bei Ihrer beruflichen Entwicklung. Sein aktueller Schwerpunkt liegt in der Beratung von Existenzgründern.