Angenommen wir beide begegnen uns, und Sie wissen, ich habe 100 Euro bekommen, die ich verschenken soll, jedoch allein so wie ich das für richtig halte. Ich kann Ihnen alles geben oder nichts oder nur einen Teil davon. Ihre einzige Option ist, das Angebot anzunehmen oder auch nicht. Allerdings hat das unterschiedliche Folgen: Nehmen Sie an, gilt unser Deal als abgemacht und Sie bekommen die Summe, die ich Ihnen zugedacht habe. Lehnen Sie ab, platzt das gesamte Geschäft – Sie bekommen nichts, ich aber auch nicht. In diesem Fall müsste ich die 100 Euro sogar wieder zurückgeben. Die spannende Frage lautet nun:

    Ab welcher Summe akzeptieren Sie mein Angebot?

Das Experiment gilt als Klassiker in der Ökonomie und Spieltheorie und wurde als Ultimatumspiel bekannt. Interessant ist es deshalb, weil es die Idee vom rational handelnden Homo oeconomicus ins Reich der Legenden verweist. Rational wäre nämlich, Sie nehmen jedes Angebot an, das ich Ihnen unterbreite. Denn egal, ob Sie einen Cent, einen Euro oder 50 Euro erhalten – Sie stellen sich danach immer besser, als wenn Sie das Angebot ablehnen würden. Nur machen die Menschen das nicht.

Tatsächlich ist den Menschen die empfundene Gerechtigkeit und Fairness wichtiger als der schnöde Profit. So haben Untersuchungen mit demn Ultimatumspiel immer wieder gezeigt, dass die Beteiligten erst bei einem Teilungsverhältnis von etwa 60:40 den Deal billigen. Andernfalls lassen sie das Geschäft platzen. Dabei nehmen sie gerne in Kauf leer auszugehen – Hauptsache, der olle Geizkragen bekommt auch nichts.

Zugegeben, das Ganze ist ein Laborexperiment unter wenig realistischen Bedingungen. Wer verschenkt schon so mir nichts, dir nichts 100 Euro? Ich auch nicht – sorry. Dennoch zeigt das Ultimatumspiel eindrucksvoll, dass wir Menschen uns zwar ganz oft egoistisch verhalten – gleichwohl aber fair behandelt werden wollen. Ansonsten machen wir das Spiel kaputt – den eigenen Schaden dabei durchaus im Blick.

Das Fazit lässt sich sogar auf den Berufsalltag übertragen. Etwa auf den Bereich der Gehälter, die ein Unternehmen seinen Managern, beziehungsweise einfachen Angestellten zahlt. Armin Falk, Leibniz-Preisträger und Professor an der Rechts- und Staatswissenschaftlichen Fakultät der Universität Bonn, hat das genauer untersucht. In seinen Experimenten (einer Variation des Ultimatumspiels) empfanden die Angestellten zwei Drittel der Summe als fairen Lohn für ihre Mühe – die Manager waren jedoch nur bereit, ihnen 40 Prozent zuzugestehen. Effekt: Der Stresspegel (und Ärger) stieg bei den Angestellten signiffikant an – und zwar umso stärker, je weiter sich das Managerangebot von ihrem Fairness-Ideal entfernte. Man könnte auch sagen: Ihr Gesundheitszustand verschlechterte sich deutlich, sobald sie sich unfair behandelt fühlten. Und wer weiß, vielleicht sabotieren sie den Laden deswegen sogar irgendwann.

Golnaz Tabibnia von der Universität von Kalifornien in Los Angeles wiederum konnte schon vor einiger Zeit nachweisen, dass faires Verhalten die Belohnungszentren im Gehirn aktiviert – und zwar unabhängig davon, welche Summen gehandelt werden. Die Wissenschaftler um Tabibnia untersuchten im Magnetresonanztomographen wie Probanden auf unterschiedliche Angebote reagieren. Die als fair erachteten Offerten aktivierten jene Hirnregionen, die mit positiven Gefühlen verbunden sind – und das sogar noch bei sehr geringen Summen. Die unfairen Angebote dagegen riefen merkbar negative Effekte hervor.

Fair gewinnt – ultimativ.