Ein Gastbeitrag von Karriere-Coach Jürn Konitzer

Mit 40 Jahren – da hört für viele das Karriereleben auf. Jedenfalls gefühlt. Gerade Führungskräfte gehen oft davon aus, dass vor dem vierzigsten Geburtstag noch ein entscheidender Karriereschritt gemacht werden muss. Denn was mit 40 Jahren nicht erreicht wurde, lässt sich später nicht mehr umsetzen, so das Klischee. Mit der zweiten Lebenshälfte kreisen die Gedanken: Bin ich für einen Headhunter noch von Interesse? Wie geht es weiter? Wäre jetzt nicht Zeit für eine Zwischenbilanz?

In der Tat stellen viele Unternehmen bevorzugt jüngere Mitarbeiter ein. Allerdings zwingt die zunehmend kopflastige Alterspyramide die Unternehmen ebenso dazu, sich Gedanken zu machen, wie sie mit älteren Mitarbeitern in Zukunft umgehen. Laut einer BMW-Studie wird bis 2018 jeder dritte Mitarbeiter älter sein als 50 Jahre. Auch haben einige Arbeitgeber erkannt, dass erfahrene Mitarbeiter in schwierigen Situationen häufig belastbarer sind, als die jüngeren Kollegen.

Dennoch lassen sich aus diesen eher sozio-demographischen Fakten kaum Rückschlüsse für den Einzelnen ziehen. Ausschlaggebend für den beruflichen Erfolg ist dann doch allein eine realistische Bilanz der individuellen Kompetenzen und Ziele sowie des privaten und beruflichen Umfeldes. Und die Zeit um den vierzigsten Geburtstag bietet sich dazu hervorragend an, da noch zwei Drittel des Berufslebens sinnstiftend zu absolvieren sind. Mit anderen Worten: Es ist Zeit für einen Karriere-Check.

Finden Sie Ihre Alleinstellungsmerkmale!

Bevor Sie jedoch damit beginnen, ausgetretene Bahnen zu verlassen, sich neu zu beweisen oder von vorne anzufangen – starten Sie bitte erst einmal damit, ihre persönlichen Alleinstellungsmerkmale zu bestimmen. Wie bei einem Produkt sollten Sie später in der Lage sein, damit eine eigene Marke zu kreieren und zu kommunizieren. Denn nur so registriert auch das Umfeld, wofür Sie stehen und auch künftig einsetzbar sind. Solche Alleinstellungsmerkmale schaffen Orientierung – für sich und andere.

Um überzeugend zu sein, müssen diese Merkmale auf eine Person und ihre Funktion, oft aber auch auf die Branche zugeschnitten werden. Sie ergeben sich gewissermaßen aus den Zielen und dem Charakter einer Person sowie der beruflichen Erfahrung und Fähigkeiten.

Wie finden Sie Ihre Alleinstellungsmerkmale?

Um sich der eigenen Stärken bewusst zu werden, sollten Sie zunächst Ihren Werdegang distanziert-kritische betrachten. Das fällt vielen Managern schwerer, als es sich anhört. Es ist immer einfacher, eine andere Person zu analysieren, als sich selbst. Um später jedoch realistische Ziele zu entwickeln, ist aber ein hohes Maß an Objektivität wichtig. Folgende Fragen helfen Ihnen dabei sich Ihrer Situation, Ihren Stärken und Zielen bewusster zu werden:

Die berufliche Situation

  • In welchen Unternehmen habe ich bisher gearbeitet?
  • Wie ist es dazu gekommen?
  • Warum wurde ich befördert beziehungsweise eingestellt?
  • Wo stehe ich heute in der Hierarchie?
  • Wie nehmen mich meine Mitarbeiter, Kollegen und Vorgesetzten wahr?
  • Wie komme ich in Gruppendiskussionen zu Wort?
  • Hört man mir zu?
  • Werden meine Vorschläge ernst genommen und umgesetzt?

Die private Situation

  • Wie nimmt mich meine Familie wahr?
  • Stimmt meine Balance zwischen Arbeit und Privatleben?
  • Bin ich ausgeglichen?

Die künftigen Ziele

  • Wo will ich in 2, 5 und 10 Jahren stehen?
  • Ist das erreichbar?

Die eigenen Alleinstellungsmerkmale

  • Wo liegen meine Stärken und Schwächen?
  • Wo habe ich momentan Defizite?
  • Was will ich weiter ausbauen?
  • Traut man mir einen nächsten Karriereschritt zu?
  • Wenn ja, warum und wenn nein, warum nicht?
  • Was fehlt?
  • Kann ich mich selbst gut präsentieren?
  • Bin ich für andere Unternehmen oder Branchen interessant?
  • Welche Firmen und in welchen Branchen könnte man sich für mein Know-how und meine Fähigkeiten interessieren?

Das persönliche Netzwerk

  • Kennen mich die relevanten Headhunter?
  • Habe ich Kontakte, die mir sowohl innerhalb als auch außerhalb des Unternehmens hilfreich sein könnten?
  • In welchen Seilschaften hänge ich?
  • Würde mein Chef sich für mich einsetzen?

So kommunizieren Sie Ihre Alleinstellungsmerkmale

Um überhaupt wahrgenommen zu werden, müssen Sie Ihre Alleinstellungsmerkmale natürlich kommunizieren. Auf das Entdeckt-werden zu warten, ist jedenfalls keine kluge Strategie. Dabei ist aber wichtig, sich vorher zu überlegen, wer die Zielgruppe ist, für die Sie einen Mehrwert schaffen können und wie diese zu erreichen ist. Ist es der aktuelle Vorgesetzte? Ein Kunde? Und wie ist die Eigenpräsentation am wirkungsvollsten, sodass alle persönlichen Pluspunkte zur Geltung kommen?

Neben einer überzeugenden Präsentation oder Veröffentlichung bietet das persönliche Gespräch nach wie vor beste Optionen zum Eigenmarketing. Unaufdringlich und sympathisch sollten Sie in diesen Gesprächen rüberkommen. Fähig, eine konstruktive Atmosphäre herzustellen und sich gleichzeitig bei Druck angemessen äußern zu können.

Dabei hängt der Erfolg Ihrer Kommunikation auch von taktischen Maßnahmen ab: Sind beispielsweise Ort und Zeitpunkt gut gewählt? Sind gewisse Themen politisch gerade opportun? Und vor allem, bringen sie dem Gesprächspartner einen entscheidenden Nutzen? Wenn ja, erregt das die größte Aufmerksamkeit.

Gleichzeitig ist es auch wichtig, manche Dinge schlicht zu unterlassen. So sollte man unbedingt vermeiden, schlecht über Dritte zu reden, sich auf Kosten anderer zu verkaufen oder sich mit fremden Federn zu schmücken. Gerade hier entscheidet sich, ob die Alleinstellungsmerkmale auch sauber transportiert werden, ob Sie ebenso gut zuhören, auf den anderen eingehen, Orientierung geben und Gemeinsamkeiten betonen können.

Sie sehen: Für einen Neuanfang sind auch 40-Jährige nie zu alt, im Gegenteil: Wer eine Veränderung erfolgreich wagt, zeigt Durchsetzungskraft. Mitarbeiter, die sich ihrer Motivation, Fähigkeiten und Wirkung auf andere, der Risiken und Potenziale bewusst sind, verbessern ihre Chancen auf ein erfolgreiches und erfülltes Berufsleben enorm. Und natürlich können (und sollten) Sie einen solchen Karriere-Check nicht erst mit 40 absolvieren. Hier gilt: Je eher und je öfter, desto besser. Denn aktiv gesteuerte Veränderungen dauern, gerade in Führungspositionen, schnell mal ein Jahr, bis sie umgesetzt werden.