Social Media – dieses Schlagwort steht in erster Linie für den gegenseitigen Austausch von Meinungen, Eindrücken und Erfahrungen im Netz. Dass der soziale Aspekt jedoch auch weitaus bedeutendere Dimensionen erreichen kann, zeigt ein aktuelles Beispiel aus der Bloggerszene.
Carola H. ist verheiratet und Mutter einer zweijährigen Tochter. Vor etwa einer Woche, am 8. Juli 2010, bricht in der Düsseldorfer Wohnung der kleinen Familie ohne Vorwarnung ein Brand aus. Alle drei Familienmitglieder überleben – doch außer einigen wenigen Habseligkeiten verschont das Feuer absolut nichts. Fotos dokumentieren das Ausmaß der Zerstörung; die freiberufliche Autorin und Webdesignerin verliert mit der technischen Ausrüstung über Nacht ihre Arbeitsgrundlage.
Im Texttreff-Netzwerk, für das Carola H. als Webdesignerin tätig ist, löst die Nachricht tiefes Mitgefühl aus – und erschafft den Willen, etwas zu unternehmen. Gründerin Susanne Ackstaller eröffnet in kürzester Zeit ein Spendenkonto; das Blog berichtet über den Vorfall. Und plötzlich finden sich immer mehr hilfsbereite Menschen im Web, die Carola H.s Geschichte hören, von ihr berührt werden und sie weiterverbreiten. Zahlreiche Blogs, Facebookseiten und Twittermeldungen machen die neu geschaffene Internetseite „Abgebrannt! Wir helfen“ bekannt. Seit letzter Woche sind so über 10.000 Euro an Spendengeldern zusammengekommen.
Die Geschichte ist ein Paradebeispiel für etwas, was in der Informationsflut des Internet häufig unbeachtet bleibt: Dass soziale Netzwerke tatsächlich positiven Einfluss auf das reale Leben nehmen können. Und dass bei den Millionen von sinnlosen Tweets, Threads und Blogeinträgen dieser Welt dennoch wirklich wichtige Anliegen Beachtung finden. Wenn solche Ereignisse häufiger vorkämen, hätten sich „soziale“ Netzwerke ihren Namen tatsächlich verdient.







Hans
Ja, das ist auf den ersten Blick sozial. Aber der Illusion, jedem könnte so geholfen werden, der sollten wir uns nicht hingeben.
Auf den zweiten Blick ist es dann schon nicht mehr so sozial: Demjenigen, der nicht so eine tolle Hilfs-Site designen kann wird schließlich nicht geholfen.
Ganz Old-School sind da Opferhilfevereine – und die sind wirklich sozial, helfen sie doch jedem, der die Hilfe wirklich benötigt.
Jochen Mai
Das ist auch auf den zweiten und dritten Blick noch sozial. Denn ich glaube, du hast da was durcheinander gebracht: Es geht nicht darum, dass man selber so eine tolle Hilfsseite basteln kann – es geht darum, mit so vielen Menschen vernetzt zu sein, die einem von sich aus eine solche Hilfsseite basteln (und noch viel mehr). Es ist die Dezentralisierung der Opferhilfsvereine. Und ein Plädoyer für echte, belastbare soziale Netzwerke – die eben doch im Internet entstehen können.
Leonie Walter
Hallo Herr Mai, ich sehe es auch so wie Sie: Da wurden Kontakte – viele davon nur online – geknüpft und sínd jetzt immerhin so belastbar, dass sich sehr viele Menschen für eine Familie einsetzen. Ich kenne Carola Heine nicht, aber ich habe trotzdem einen kleinen Betrag gespendet – jeder Euro zählt. Ich finde es sehr schön und ermutigend, dass bei aller Virtualität und auch teilweise Anonymität es doch hiner den Kulissten ganz schön menschelt. Und dass mit Hilfe der Technik hier doch in Windeseile eine sensationelle Hilfskampagne aufgezogen werden konnte. Dass soziale Netzwerke auch in Real Life belastbar sein können, das ist eine ganz tolle Botschaft!
Kerstin Hoffmann
Ausnahmsweise mal ein Link zu einem eigenen Beitrag, in dem ich noch ein bisschen Hintergrund dazu beschrieben habe: Bekanntheit kann ein Segen sein: Wenn virtuelle Netzwerke echte Menschen tragen. http://bit.ly/clWTnb
Felix Hinkeldey
Ich finde die Geschichte ist ohne Einschränkung sozial und ermutigend, und der Erfolg kann sich sehen lassen – mittlerweile sind ja schon über 15.000 Euro zusammengekommen.
Aber Hans hat insofern Recht, als dass es eine sehr individuelle Aktion ist. Für die Absicherung anderer Betroffener sind langfristige Lösungen wie Opferhilfevereine derzeit noch notwendig, solange nicht jeder in einer hilfsbereiten Gemeinschaft (online oder offline) integriert ist. Von diesem “Idealzustand” sind wir nämlich noch ein gutes Stück entfernt.
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