Fitness
Wir können täglich Gewichte stemmen, um Muskeln aufzubauen. Freistöße auf dem Bolzplatz üben, um unsere Treffgenauigkeit zu steigern. Zum Tennis-Schläger greifen, um die Vorhand zu verbessern. Oder wir lassen all diese Dinge sein, stellen sie uns aber dafür umso intensiver vor. Mentales Training ist leistungssteigernd, kann uns fitter und besser machen, darauf weisen mehr und mehr Experten hin. Das betrifft nicht nur den Sport ...

Fitness: Dran denken!

Wenn heute Abend der FC Bayern München das erste Tor gegen Werder Bremen erzielt, wird sich der eine oder andere Zuschauer ins Land der Träume verabschieden. Was, wenn ICH auf dem Rasen stehen würde? Wenn ICH und nicht Ribéry die Pille per Dropkick ins rechte ober Eck gedroschen hätte? Oder wenn ich mir direkt den Ball schnappen und die Gegenspieler wie Maradona umkurven würde ...

Nach dem Gedankentrip landen Sie sehr schnell wieder auf dem Sofa der Realität, aber könnten dennoch Ihre sportlichen Perspektiven verbessert haben - wenigstens für den nächsten Hobby-Kick. Mentales Training kann körperliches Training ergänzen, darauf deutet eine Studie hin, die in der Juni-Ausgabe von Frontiers in Human Neuroscience veröffentlicht wurde. Das gelte nicht nur im Sport, auch in anderen Lebensbereichen.

Körperempfindung: Erfolgsgeheimnis

Teil des Geheimnisses ist die Propriozeption. Das Fremdwort lässt sich grob als Körperempfindung übersetzen; als Wissen um die Bewegungen und Lage der eigenen Körperteile. Einfacher ausgedrückt: Die Propiozeption ist dafür verantwortlich, dass wir im dunklen Kino Popcorn essen können. Dass wir im Auto vom Gaspedal auf die Bremse gehen können, ohne auf die Füße zu schauen. Dass wir mit verschlossenen Augen unsere Hände zusammenführen oder mit den Knien schlackern können. Dass wir also ein Gefühl dafür haben, wo sich unsere Körperteile befinden und wie sie sich bewegen lassen.

Jetzt wird es konkret, kurios sogar: Stellen Sie sich bitte vor, wie Sie einen Golfball ins Loch putten oder einen Basketball im Korb versenken. Wenn Sie das intensiv genug tun, steigen Ihre Chancen, dass sie in der nächsten Trainingseinheit tatsächlich mehr Treffer landen. Rutgers-Psychologe Robert Woolfolk fand heraus, dass die Golfer, die sich vor dem Putten ganz fest vorgestellt hatten, den Ball einzulochen, eine um 30 Prozent höhere Trefferquote hatten als die Mitspieler, die dieses Gedankenspiel nicht mitgegangen waren. Sogar Chirurgen operieren nachweislich besser - wenn auch nur in einer Virtual Reality-Simulation - wenn sie vorher mental trainiert haben.

Ein wichtiger Punkt ist: Wenn Sie mental trainieren, aktivieren Sie die gleichen Hirnareale wie beim "echten", physischen Training. "Tatsächliche und eingebildete Bewegungen beinhalten dieselbe Gehirntätigkeit, nur dass im Falle der der Einbildung ein noch anderer Teil des Gehirns die Botschaft stoppt, bevor sie die Muskeln erreicht", erklärt Kognitionswissenschaftler Jim Davies im US-Wissenschaftsmagazin Nautilus. Grundsätzlich würden aber genauso viele Körperteile aktiviert, sogar Atmung und Herzfrequenz steigen an.

Mentaltraining: Hirnareale aktivieren

"Mentales Training ist eine von wenigen effektiven leistungssteigernden Aktivitäten", schreibt Davies. Allerdings, so räumt er ein, handele es sich dabei durchaus um eine Form von Selbstbetrug. Dem Körper werden Bewegungen vorgegaukelt, auf die er reagiert, die aber gar nicht durchgeführt werden.

Am wirkungsvollsten ist der Selbstbetrug offenkundig bei Sportarten und Tätigkeiten mit starker mentaler Komponente. Golfer profitieren eher als Gewichtheber, Chirurgen mehr als Bauarbeiter. Aber: Sogar die Muskelkraft kann mit mentalem Training anscheinend gesteigert werden. Schon vor über 20 Jahren zeigten Wissenschaftler, dass man die Kraft im kleinen Finger alleine durch Vorstellungskraft erhöhen kann, um beachtliche 22 Prozent sogar. Und 2014 fanden Forscher der Ohio University heraus, dass Patienten, deren Arme in Gipsverbänden steckten, nach deren Befreiung kräftiger waren, wenn sie zuvor mental trainiert hatten. Hatten sie sich vorher vorgestellt, die Handgelenke zu biegen und zu bewegen, waren ihre Muskeln hinterher doppelt so stark ausgeprägt.

Die optimale Trainingseinheit soll im Übrigen 20 Minuten dauern. Oberhalb dieser Schwelle bringt das Mentaltraining offenbar keinen zusätzlichen Bonus. Aber dass es überhaupt anschlägt, dürfte bei so manchem Skeptiker Unglauben auslösen. "Durch reine Vorstellungskraft", entgegnet Davies, "können wir uns wirklich verbessern."

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