Frau-Tattoo-Selbstbewusst
Keine Frage, Tattoos sind so populär wie nie. Ob im Straßenbild, am Strand oder im Büro - überall sieht man sie: große Tattoos, kleine Tattoos; schwarze, weiße und bunte. Sie sind der ultimative Ausdruck der Selbstexpression, denn sie bleiben einem ziemlich lange auf der Haut erhalten. Bei einer Untersuchung kam beispielsweise kürzlich heraus, dass bereits rund jede zweite amerikanische Frau (47 Prozent) unter 35 tätowiert ist. Zum Vergleich: Bei den über 65-Jährigen sind es nur vier Prozent. Mehr noch: Wie eine Studie jetzt festgestellt hat, sind junge Frauen mit mehreren Tätowierungen deutlich selbstbewusster als ihre Geschlechtsgenossinnen...

Tätowierungen: Aufmerksamkeit erregen, Botschaften senden

Menschen tätowieren sich schon seit mehr als 5000 Jahren. Der Mann aus dem Eis der Alpen - Ötzi - trägt noch immer sichtbare Tattoos an seinem mumifizierten Körper.

Tätowierungen dienen unterschiedlichen Zwecken:

  • Sie markieren, sind persönlicher Ausdruck.
  • Sie transportieren Botschaften (von provokant bis inspirierend).
  • Sie dienen der Erinnerung.
  • Sie sollen (übersinnliche) Kraft verleihen.
  • Sie signalisieren (Stammes-)Zugehörigkeit.
  • Sie senden erotische Signale.
  • Sie sollen attraktiv machen.

Vor allem sichtbare und kaum zu verbergende Tätowierungen erfüllen meist mehrere dieser Zwecke in Kombination. Sie sollen bewusst Aufmerksamkeit erregen und zu dem Betrachter sprechen - wie der Sticker an einem Auto oder Motto T-Shirts. Mitunter sind sie sogar eine Form der passiven Aggression.

Multiple Tattoos sind Ausdruck von hohem Selbstbewusstsein

Weil die Tattoos aber Aufmerksamkeit erregen sollen, haben sie zugleich Auswirkungen auf das Selbstbewusstsein ihres Trägers. Vor allem der Trägerinnen.

Keine Frage, um sich ein besonders auffälliges (womöglich provozierendes) Tattoo überhaupt stechen zu lassen, braucht es schon eine ordentliche Portion Selbstvertrauen. Gleichzeitig wirkt es auf das selbige, indem es der Umwelt unmissverständlich sagt: "Sieh her, ich bin außergewöhnlich, einzigartig. Ich habe keine Angst davor, dass du mich und meinen Körper ansiehst."

Zu dem Ergebnis kommt jetzt auch eine Studie um den Soziologen Jerome Koch von der Texas Tech Universität. Er fand heraus, dass vor allem College-Studentinnen mit multiplen Tattoos ein deutlich höheres Selbstvertrauen und Selbstwertgefühl aufwiesen als jede andere Frau in der Studie.

Oder wie Koch selbst schreibt:

Ich denke, dass gerade Frauen ihren Körper viel bewusster betrachten und erleben als Männer. Diäten, Kosmetik, die plastische Chirurgie sowie die Idealtypus-Bilder in den Medien tragen ihr Übriges dazu bei. Gleichzeitig symbolisieren Tattoos einen Akt der Stärke, indem sie vorübergehenden Schmerz in Kunst und Ausdruck der Persönlichkeit verwandeln. Tatsächlich erkannten wir bei den beobachteten Frauen, wie sie sich damit selbst ihrer Stärke bewusst wurden und sich durch das Tattoo immer wieder emotional daran erinnerten.

Ist Körperschmuck im Bewerbungsgespräch ok?

Frau-Rücken-Tattoo-SelbstbewusstseinJuristisch ist die Sache ziemlich klar: Grundsätzlich sind Tattoos und Piercings Privatsache. Sie unterliegen zunächst einmal dem Persönlichkeitsrecht und können daher individuell und selbstbestimmt gewählt werden - wie der Kleidungsstil auch.

Allerdings endet dieses Recht des Arbeitnehmers auf einen eigenen Stil immer dort, wo der Arbeitgeber ein begründetes Interesse daran hat, auf diesen Einfluss zu nehmen. Also etwa dort, wo er ein ordentlichen Erscheinungsbild des Arbeitnehmers berechtigterweise wünscht – zum Beispiel beim Kundenkontakt. In diesem Fall greift der Chef, laut diversen Urteilen, nicht übermäßig in das Persönlichkeitsrecht der Arbeitnehmer ein.

Aber was heißt das für das Bewerbungsgespräch?

Da zu diesem Zeitpunkt noch gar kein Arbeitsverhältnis besteht, kann das Tragen von Piercings oder Tattoos nicht verboten sein. Das Persönlichkeitsrecht bleibt hier also unberührt.

Wer sich aber beispielsweise für eine Ausbildungsstelle oder einen Job bewirbt und seinen Körperschmuck gut sichtbar zur Schau stellt, muss davon ausgehen, dass dieser mindestens bemerkt, vielleicht sogar angesprochen wird.

Authentisch sein oder anpassen? Darauf gibt es leider keine allgemein gültige Antwort, es bleibt eine Frage der eigenen Balance. Bewerber müssen sich daher individuell fragen:

  • Sind meine Tattoos für mich lediglich Schmuck oder wesentlicher Ausdruck meiner Persönlichkeit?
  • Kann ich im Jobinterview immer noch authentisch sein - ohne sichtbaren Schmuck?
  • Was ist mir wichtiger: Der Körperschmuck oder meine Karriere?
  • Kann ich während der Arbeitszeit auf meine Piercings verzichten?
  • Lassen sich die Tätowierungen im Job ohne größere Einschränkungen verbergen?

Nicht zuletzt muss sich jeder Bewerber fragen, ob es nicht cleverer ist, die Diskussion über den eigenen Körperschmuck auf einen späteren Zeitpunkt zu verschieben, wenn man dem neuen Arbeitgeber sein Können und Leistungswillen längst bewiesen hat und eine gemeinsame Vertrauensbasis geschaffen ist. Strategisch kann es daher sinnvoller sein, seine Tattoos zum Bewerbungsgespräch zu verstecken und etwaige sichtbare Piercings vorübergehend rauszunehmen. Aber die Entscheidung liegt letztlich immer bei einem selbst.

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