Eine Affäre ist wie ein Überbrückungskredit, der schnell eine schwere Hypothek werden kann.

Unbekannt

Hand aufs Herz: Wie oft haben Sie einer Kollegin oder einem Kollegen schon mal hinterher geschaut und sich anschließend an dessen körperlichen Vorzügen gedanklich erfreut? Willkommen im Club! Lust und Liebe am Arbeitsplatz sind eher die Regel als eine Ausnahme. Um diese Jahreszeit sogar noch mehr als sonst.

8,8 Millionen der insgesamt rund 40 Millionen deutschen Berufstätigen bekennen sich dazu, schon einmal eine Affäre im Job gehabt zu haben, also knapp jeder Vierte, so eine repräsentative Umfrage der Online-Stellenbörse Jobscout24. Fast jeder Zweite (45 Prozent) fand das Flirten in der Kantine oder neben dem Kopierer völlig okay. Nahezu jeder zweite Mann gesteht, bereits in eine Kollegin verliebt gewesen zu sein, so wiederum das Ergebnis einer Umfrage der Partnervermittlung Elitepartner. 31 Prozent davon allerdings nur heimlich.

Auch die Frauen sind der Liebelei am Arbeitsplatz keinesfalls abgeneigt. Zwar ist für 31 Prozent von ihnen flirten im Büro tabu, 43 Prozent aber bekennen, sich schon einmal auf eine Beziehung mit einem Kollegen eingelassen zu haben.

Partnerbörse Büro

So eine Büroromanze hat durchaus Vorteile. Zunächst für die Betroffenen selbst: So ist der Arbeitsplatz neben dem Freundeskreis und der Ausbildungsstelle die drittwichtigste Partnerbörse. Bis zu 35 Prozent aller Ehen bahnen sich hier an. Aus gutem Grund: Dabei kauft keiner die Katze im Sack. Meist stimmen schon Interessen und Bildung der Kollegen innerhalb einer Abteilung überein. Aber auch am Mittagstisch erfährt man allerlei Privates und kann den potenziellen Partner dort abklopfen und besser einschätzen. Die gründliche Auswahl bewährt sich offenbar: Im Büro angebahnte Beziehungen halten statistisch länger.

Hinzu kommt, dass diverse Arbeits- und Organisationsforscher fortwährend darauf verweisen, dass flirten akuten Stress mindert und die Arbeitslaune schlagartig verbessert. Bei sexueller Erregung schüttet der Körper vermehrt sogenannte Endorphine aus, deren euphorische Wirkung bis zu 24 Stunden anhalten kann. Und als wäre das nicht genug, engagieren sich verliebte Mitarbeiter bewiesenermaßen stärker und übernehmen gerne Zusatzaufgaben – wohl auch, um noch länger in der Nähe des oder der Angebeteten zu sein. Kein Wunder also, dass in den Umfragen unter deutschen Chefs diese keinerlei Bedenken gegen Beziehungen innerhalb der Belegschaft hegen.

Flirten ist nicht ungefährlich

Wen Amors Pfeil im Büro trifft, der sollte allerdings aufpassen. Büroflirts sind ein heikles Terrain. Im globalen Wirtschaftsverkehr gilt längst die doppeldeutige Warnung: Never fuck the company! Allen selbst ernannten Schreibtisch-Casanovas und Herzensbrechern auf der Pirsch sollte klar sein, dass ihre Avancen arbeitsrechtlich nicht ungefährlich sind. Schlimmstenfalls riskieren sie damit eine Anzeige wegen sexueller Belästigung oder (bei Wiederholungstätern) gar eine Kündigung.

So legte zum Beispiel ein zuvor unbescholtener Ausbilder ungefragt seinen Arm um eine Kollegin, die das nicht wollte – Abmahnung (Landesarbeitsgericht Hamm, 17 SA 1544/96). Ein Verkäufer wiederum betatschte eine Kollegin regelmäßig trotz deren Gegenwehr an Hüfte und Rücken – fristlose Kündigung (Arbeitsgericht Frankfurt am Main, 15 CA 7402/01).

Natürlich sind das Extreme, und solche Mittel werden auch erst angewandt, wenn feststeht, dass der oder die Betroffene klar erkennbar derlei Avancen abgelehnt hat. Bei einem Reiseleiter, der eine Diensttour überraschend zum Techtelmechtel mit einer Kollegin nutzen wollte, reichte es daher nicht zum Rauswurf (Bundesarbeitsgericht, 2 AZR 341/03), wohl aber zur Ermahnung.

Umso gefährlicher sind Liebesbriefe. Wer seine sexuellen Anspielungen mit obszönen Witzchen garniert, zu Papier bringt und das Ganze an Kollegen verschickt, stört nach Meinung der Gerichte den Betriebsfrieden und kann deshalb rausfliegen (Bundesverwaltungsgericht, 1 DB 5.96). Das gilt ebenso für Sexmails per SMS (Landesarbeitsgericht Rheinland-Pfalz, 9 SA 853/01). Vorsicht also mit allzu aggressiven Schmachtbeweisen.

Wenn schon bezirzen, dann richtig

Egal, wie verschieden Männer und Frauen auch sein mögen – tief im Inneren lieben wir es alle, ein wenig verführt zu werden, weil es unserem Ego schmeichelt, attraktiv gefunden zu werden. Komplimente hört jeder gern – vorausgesetzt, sie werden charmant vorgetragen und sind nicht plump, sondern glaubwürdig. Dann machen sie sogar sympathisch.

Außerdem bereitet es den meisten von uns großes Vergnügen, mit dem Feuer zu spielen und durch ein kleines Abenteuer etwas Abwechslung in den vielleicht sonst öden Arbeitsalltag zu bringen.

Suggestion ist bei dieser Art der Verführung jedoch essenziell. Sprücheklopfende Draufgänger mag keiner. Spielerisches Flirten bedeutet, seine wahren Absichten nie zu offenbaren. Stattdessen geht es darum, das Objekt seiner Begierde immer wieder auf falsche Fährten zu locken, es zu faszinieren und zu unterhalten. Denn erst solche Kapriolen erregen nachhaltig.

Die Buchhandlungen sind freilich voll mit Liebesliteratur, Beischlafbeschleunigern und Promiskuitätsprosa. Wenn Sie mich fragen, eignen sich die meisten Ratgeber jedoch ausschließlich für abendliche Aufreißerausflüge und nur selten fürs Büro. Das liegt nicht nur daran, dass sie bei Tageslicht betrachtet allenfalls Abschlepphilfe leisten, sondern überdies ein gewieftes Phantasiespiel in eine törichte Treibjagd verwandeln. Waidmannsheil!

Falls also ein süßer Kollege oder eine feurige Kollegin gerade Ihren Hormonspiegel in Wallung bringt, dann versuchen Sie es doch erst einmal mit den folgenden Empfehlungen. Die sind unverfänglicher und machen aus dem Büroflirt zudem ein kleines Beziehungs- und Betriebsklimaverbesserungsprogramm:

  • Freundschaft. Bevor Sie überhaupt jemanden anflirten, sollten Sie versuchen, ihn wirklich kennenzulernen. Nichts wirkt so anziehend wie aufrichtiges Interesse an der eigenen Person. Gerade Männer machen den Fehler, beim Flirten viel zu ungeduldig zu sein. Den umgarnten Frauen wird dann schnell klar, dass es den Männern nur darum geht, etwas zu bekommen – Anerkennung oder die Frau ins Bett. Derart hofiert fühlen sich Frauen völlig zu Recht nur wie eine Trophäe in spe. Nicht gerade erstrebenswert. Lernen Sie sich lieber ausgiebig kennen und lassen Sie sich dabei Zeit. Das hat den zusätzlichen Vorteil, dass Sie so womöglich herausfinden, dass Sie den oder die Angebetete(n) zwar unglaublich attraktiv finden, mehr aber auch nicht.
  • Amüsieren. Lachen verbindet. Menschen, die uns unterhalten, finden wir sofort sympathisch. Sie reißen uns aus dem Alltagsgrau heraus, heben die Laune und erspüren subtil Gemeinsamkeiten. Über welche Witze wir lachen, zeigt schließlich indirekt, was wir gut finden und was nicht. Dennoch sollten Sie Ihren Humor zügeln: Sexwitze sind immer tabu, schwarzen Humor finden nicht alle lustig und über Kalauer, wie Treffen sich zwei Gedichte. Sagt das eine zum anderen: Vorsicht, du hast da was zwischen den Zeilen … können manche allenfalls schmunzeln.
  • E-Mails. Studien zeigen: Die gängigsten Flirtformen sind freche E-Mails und Notizen mit zweideutigem Inhalt. Gefährlich! Was immer Sie verschicken, ist automatisch dokumentiert und kann gegen Sie verwendet werden. Wählen Sie also im Schriftverkehr ausnahmslos harmlose Formulierungen und machen Sie nur neutrale Komplimente. Allein richtig: „Ihre Präsentation vorhin war einfach großartig! Sie waren durchweg kompetent. Ihre Stimme fand ich übrigens bezaubernd.“ Falsch: „Sie haben bei Ihrer Präsentation heute eine tolle Figur gemacht. Auch in Ihrem Kostüm.“
  • Komplimente. Jeder liebt Komplimente. „Der Schmeichelei gehen auch die Klügsten auf den Leim“, wusste schon der Dramatiker Molière. Nur: Auch hier macht die Dosis das Gift. Als Kollege dürfen Sie der Kollegin, die Sie gut kennen, gerne sagen: „Du siehst heute umwerfend aus.“ Als Chef ist das schon zuviel des Guten. Je mehr Sie ins Detail gehen („Dieses Dekolleté, diese Beine, deine Figur … Wahnsinn!“), desto belästigender kann das auf den anderen wirken. Und jede Anzüglichkeit ist eine zu viel. Loben Sie lieber die Qualität der Arbeit oder spenden Sie Trost bei Stress. Es ist ein Irrglaube, dass sexuelle Anspielungen schneller zum Ziel führen würden. Das Gegenteil ist der Fall: Wer den anderen intelligent umgarnt, ohne dabei seine Absichten durchblicken zu lassen, spielt mit dessen Phantasie und erobert sein Herz.
  • Helfen. Bieten Sie Ihre Mithilfe bei einem Projekt an. Erstens, weil das eine kollegiale und unverfängliche Geste ist; zweitens, weil Sie so viele Gelegenheiten schaffen, sich zu begegnen, zu unterhalten und sich näherzukommen.
  • Essengehen. Fragen Sie den oder die Verehrte(n) doch einfach, ob er/sie einmal mit Ihnen zusammen Mittagessen geht. Das ist eine relativ harmlose und im Jobumfeld übliche Offerte – erst recht, wenn Sie einen beruflichen Anlass finden. Etwa, um ein gemeinsames Projekt zu besprechen. Und falls Sie anfangs zu schüchtern sind oder keinen Verdacht wecken wollen, nehmen Sie einfach einen eingeweihten (und vertrauenswürdigen!) Kollegen mit. Der wird sich dann vor dem gemeinsamen Kaffee aus einem wichtigen Grund vorzeitig verabschieden. Vorsicht aber mit opulenten Einladungen ins Restaurant. Es heißt zwar immer, der Kavalier lädt die Dame ein, doch manche Frauen spüren wegen des sogenannten Reziprozitätsprinzips hinterher eine Art Verpflichtung und fühlen sich deshalb unwohl. Fragen Sie lieber vorher, ob sie damit einverstanden ist, wenn Sie zahlen.
  • Diskretion. Belästigung beginnt da, wo Sie ein „Nein“ nicht mehr akzeptieren. Antwortet er oder sie auf die Frage, ob Sie beide einmal essen oder einen Kaffee trinken wollen, abweisend, dürfen Sie gerade noch fragen, ob Sie die Einladung vielleicht nächste Woche wiederholen dürfen. Wird auch das abgelehnt, sollten Sie die Versuche einstellen und die Entscheidung akzeptieren. Druck ändert an der Abfuhr nichts, macht aber vieles schlimmer. Umgekehrt: Falls Sie jemandem mal einen Korb geben möchten, dann versuchen Sie das bitte so, dass der- oder diejenige dabei das Gesicht wahren kann.
  • Kaffeetrinken. Jemandem eine Tasse heißen Kaffee zu servieren (Motto: „Als kleine Aufmunterung für den Tag“), ist nicht nur aufmerksam, sondern auch eine fürsorgliche Geste, mit der vor allem Männer punkten können. Frauen aber auch. Die volle Punktzahl erreicht, wer vorher recherchiert, wie der- oder diejenige den Kaffee mag: mit Milch, ohne Zucker? Oder ob er/sie gar Tee (Grünen? Schwarzen?) bevorzugt. Geduldige Könner machen daraus mit der Zeit ein wöchentliches Ritual: den Mittwoch-4-Uhr-Kaffee zum Beispiel.
  • Abstand. Achten Sie auf körperliche Signale und halten Sie die üblichen Distanzzonen ein. Ein physischer Abstand von 60 Zentimetern ist wirklich nur engsten Freunden, Familienangehörigen oder eben dem Partner vorbehalten. Wer näher kommt, muss mit Ablehnung oder gar Aggression rechnen. In einigen Bürokulturen ist heute zwar die Akkolade, der angedeutete Wangenkuss zur Begrüßung, üblich. Entscheidend dabei ist jedoch, dass dieser Kuss wirklich nur angedeutet wird. Also bitte kein lautes Schmatzen, kein Berühren der Wange mit den Lippen. Denken Sie an den Kollegen-Tratsch! Interpretieren Sie lieber zunächst die nonverbalen Botschaften Ihres Gegenübers: Üblicherweise stehen Menschen, die sich nicht gut kennen, in Form eines V zueinander, also leicht in den Raum geöffnet. Finden sie sich anziehender, geht die Form allmählich in ein U über – sie stehen sich jetzt parallel gegenüber, für Außenstehende ein klares Signal: Wir wollen unter uns bleiben. Kommt es dann noch zu flüchtigen Berührungen – etwa Hände, die sich zufällig treffen –, ist das ein starkes Sympathiesignal. Aufschlussreich ist übrigens auch die sogenannte Spiegeltechnik: Ahmen Sie unauffällig die Körpersprache Ihres Gegenübers nach und achten Sie darauf, ob er/sie auch Ihren Gesten folgt. Menschen, die sich mögen, synchronisieren unbewusst ihre Mikrogesten, wie Haarezupfen, Nasereiben, Kaffeetasse zum Trinken heben, lächeln. Lächelt er/sie zurück, ist er/sie dem Flirt nicht abgeneigt.
  • Fragen. Flirten heißt, den anderen zu respektieren. Und was wirkt stärker, als jemanden um Rat oder nach seiner Meinung zu fragen? Vorteil zwei: Wenn Sie Fragen stellen oder sich nach der Meinung des anderen erkundigen, haben Sie hinterher ein gutes Anschlussthema. Sobald Männer sich für Frauen interessieren, beginnen sie in der Regel damit, sich aufzuplustern und zu prahlen. Zuhörer haben mehr Erfolg. Allerdings sollten Sie auch keine dämlichen Fragen stellen, wie „Wo legt man hier das Kopierpapier ein?“ Aus demselben Grund sollten Frauen auch nicht in die Mäuschen-Falle tappen: Wenn Sie sich klein machen, wecken Sie vielleicht seinen Beschützerinstinkt; geht der Flirtversuch jedoch fehl, nimmt er Sie danach nicht mehr ernst.