Politische Initiativen, Umweltorganisationen und Sozialverbände schlagen Alarm: Immer weniger Studenten sind bereit, sich zu engagieren. Und sie haben auch einen Schuldigen parat: Die kurze Regelstudienzeit, die vor keinen Raum für soziales Engagement mehr lasse. Doch st das wirklich so? Oder ist es nur einfach „uncool“, sich zu engagieren, etwas zu tun, was nicht dem eigenen Vorwärtskommen dient?
Egal wie: Ausbleibendes Engagement ist extrem schade. Denn gerade im sozialen Bereich können ohne ehrenamtlichen Einsatz viele Dinge einfach nicht geleistet werden. Und im Polit- und Umweltbereich wird ganz viel erst durch Mitwirkung möglich. Aber das ist die eine Seite der Medaille. Auf der anderen steht der Nutzen, den das Engagement bringen kann. Auch – und gerade – für die Karriere. Schon allein deswegen macht es Sinn, sich aus dem starren Korsett der Prüfungsordnung zu lösen – und nachhaltige Erfahrungen zu sammeln.
Kontrapunkt setzen
Schließlich ist Studieren auf Dauer ja ganz schön eintönig: Seminare besuchen, Bücher exzerpieren, Referate halten, auf Klausuren lernen – sind Sie damit zufrieden? Klar, es ist viel, aber fehlt da nich irgendwas? Etwas, für das Sie direktes Feedback erhalten? Sehen, dass Sie etwas geleistet haben und direkt ein Ergebnis in den Händen halten – und vielleicht sogar Dank dafür zu erhalten?
Wenn Sie sich engagieren, werden Sie genau das erfahren. Nicht immer, aber öfter. Sie treffen Leute, die Ihnen Wertschätzung entgegen bringen und dankbar dafür sind, dass Sie für sie da sind. Erleben, dass Sie etwas bewirken können. Jenseits aller Zwänge der Studienordnung können Sie frei entscheiden, was Ihnen wirklich wichtig ist – und sich genau da einbringen. Das stärkt das Selbstvertrauen, motiviert und gibt Power – selbstverständlich auch fürs Studium.
Profil schärfen
Haben Sie sich schon Mal in die Rolle eines Personalers versetzt? Nein? Dann stellen Sie sich bitte Mal diese Situation vor: Auf Ihrem Schreibtisch liegen 100 Bewerbungen von Hochschlulabsolventen. Alle haben zügig studiert, die passenden Kurse belegt, ein Auslandssemester hingelegt und ein, zwei Praktika gemacht. Gute Praktika. Bei namhaften Unternehmen. Die Themen der Abschlussarbeiten entsprechen den Erwartungen, die Examensnoten auch. Und als wäre es nicht so schon schwer genug, sich zu entscheiden, ähneln sich die Kandidaten auch noch bis hin zu ihren Modefrisuren und den trendigen Brillen. Für welchen würden Sie sich entscheiden?
Vermutlich für keinen. Wie auch? Schließlich fehlt alle ein wichtiges Detail, das Alleinstellungsmerkmal. Etwas, das sie von der Masse abhebt. Etwas, das Ihnen zeigt, den richtigen Kandidaten vor sich zu haben. Doch genau darauf kommt es an – zumal bei künftigen Führungskräften. Auf so eine Position kommen Sie nur, wenn Sie Profil zeigen, auch mal anecken und nicht nur an sich alleine denken. Indem Sie sich engagieren, machen Sie genau das – und zeigen außerdem, dass Sie zur Übernahme von Verantwortung bereit sind.
Skills trainieren
Durch Engagement in politischen Gruppierungen gewinnen Sie Erfahrungen darin, Ihre Position zu vertreten und zu argumentieren. Sie lernen außerdem, auf andere einzugehen, sich mit ihren Positionen auseinander zu setzen und Kompromisse zu finden. Dazu trainieren Sie Stressresistenz, Frustrationstoleranz und Sozialverhalten: Zum Beispiel, indem Sie erkennen, dass Integration aller Beteiligten manchmal wichtiger ist als zielstrebiges, effektives Entscheiden.
Im sozialen Bereich können Sie Zuverlässigkeit und Belastbarkeit unter Beweis stellen – und sich selbst gleichzeitig besser kennen lernen: Nirgends treten die eigenen Schwächen deutlicher zutage als gegenüber Menschen, die nicht (mehr) wie gewohnt funktionieren. Sicher: Es ist eine Belastungsprobe. Aber auch eine Gelegenheit, Ihre Werte (neu) zu bestimmen. Und ganz sicher werden Sie an dieser Aufgabe wachsen.
Netzwerken
Viele Menschen lernen Sie bei Ihrem Engagement natürlich auch kennen: Zuerst Kommilitonen, mit denen Sie auch andere Dinge gemeinsam unternehmen können. Die vielleicht sogar Ihren Freundeskreis erweitern – und auf jeden Fall Ihr Netzwerk vergrößern. Die ihre Augen für Sie offen halten, wo sich berufliche Perspektiven ergeben, Ihnen Tipps fürs Bewerben geben oder sogar Kontakte zu Arbeitgebern vermitteln und so auch übers Zwischenmenschliche hinaus nützlich sind..
Außerdem kommen Sie mit Menschen zusammen, die bereits im Berufsleben stehen – und vielleicht sogar selbst Unternehmer sind. Gerade im sozialen Bereich engagieren sich viele Geschäftsleute, weil Sie so (auch) ihre soziale Verantwortung demonstrieren wollen. Ist der Kontakt über das gemeinsame Ziel hergestellt, fällt die Vertiefung nicht schwer: So entsteht aus dem gemeinsamen Engagement viellecht sogar Ihe Einstiegsjob: effektiver lässt sich’s kaum netzwerken.
Berufsfelder erschließen
Nicht zuletzt ist der gemeinnützige Sektor auch ein Arbeitsfeld – allerdings ein sehr enges. Verbände und Initiativen rekrutieren ihr bezahltes Personal fast ausschließlich aus den eigenen Reihen. Ohne Engagement läuft also nichts, wenn Sie dort eine berufliche Perspektive entwickeln wollen. Die ist dann jedoch oft langfristig: Weil der Markt eng ist, ist er wenig umkämpft. Außerdem zählen dort Engagement und Überzeugung mehr als Strebsamkeit und Aufstiegswillen.
Gerade bei kleineren Organisationen ist es möglich, sich seinen Job quasi selber zu stricken: indem Sie zeigen, dass durch Ihre kontinuierliche Arbeit die Aufmerksamkeit wächst und das Spendenvolumen steigt, Sie sich also unentbehrlich machen. Idealerweise sammeln Sie natürlich so viel Geld, dass es auch die Finanzierung Ihrer Stelle gesichert ist. Oder Sie sorgen dafür, dass die öffentliche Hand Fördermittel locker macht, weil die Arbeit Ihres Vereins oder Ihrer Initiative als wichtig angesehen wird – wozu es vielleicht durch Ihren Einsatz erst gekommen ist.
Weil das eine Weile dauert, sollten Sie sich frühzeitig engagieren – solange Sie als Student noch finanziell abgesichert sind. Dafür rentiert es sich auch, die Regelstudienzeit locker zu ignorieren – was übrigens selten weiter schlimm ist: Mehr als die Hälfte der Studenten schafft darin den Abschluss sowieso nicht.
Worauf warten Sie also noch?
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Michael
Schöner Artikel mit richtigem und wichtigem Inhalt. Klar, soziales Engagement ist eine feine Sache, insbesondere wenn Studenten dieses in Ehrenämtern ausüben. Ich spreche aus eigener Erfahrung und kann sagen, dass neben meinem Studium für solche Dinge leider keine Zeit geblieben ist. Vor Beginn meines DiplomStudiums habe ich in einer größeren Freiwilligen Feuerwehr meinen Dienst abgeleistet und viel Zeit investiert. Ein halbes Jahr nach Studiumsbeginn musste ich diesen Dienst leider ruhen lassen, weil einfach nicht genug Zeit geblieben ist. Auch wenn ich gern gewollt hätte! Noch schlechter sieht es aber bei BachelorStudenten aus. Da ist es meiner Einschätzung nach noch weniger möglich, seine Freizeit selbst zu organisieren. Die straffen Vorlesungspläne und hart getakteten Klausuren verhindern, dass Zeit für Ehrenämter bleibt.
Ich kann aber, auch wenn mir das selbst nicht gelungen ist, nur jedem empfehlen sich zu engagieren, denn von den geknpüften Kontakten habe ich noch heute etwas und in naher Zukunft wird hoffentlich ein Personaler mein Profil als sehr geschärft betrachten ;-)
Christoph
Soziales Engagement ist toll – nicht nur für den Lebenslauf.
Wie der Artikel richtig anspricht, lernt man soviel über sich selbst, baut Netzwerke zu anderen engagierten Persönlichkeiten aus und eignet sich wichtige “Soft Skills” an.
Das Studierende zu wenig Zeit besitzen empfinde ich immer mehr als glatte Lüge. Man muss ja nicht übermäßig viel Zeit aufbringen – mit 2 Stunden in der Woche ist schon viel geholfen. Es mag in anderen Studiengängen anders sein mit dem Zeitaufwand – das Problem der meisten Studierenden liegt in meinen Augen aber völlig an ihrem Zeitmanagement und dem als absolut legitim empfundenen 8 Stunden Freizeit pro Tag, “obwohl man doch so viel zu tun hat”.
Christian Schroff
Hallo Christoph, danke fürs Lob! Und Sie haben recht: Wie viel Zeit sich jemand fürs Engagement (oder nicht) nimmt, liegt tatsächlich im eigenen Interesse. Im Sinne einer nachhaltigen Entwicklung plädiere ich gern dafür, sich nicht der Studienordnung (und auch nicht einem Freizeit-Diktat…) zu unterwerfen, sondern herauszufinden versuchen, was wirklich “das eigene Ding” ist. Das kostet Zeit nd ist nicht immer angenehm – Ausreden und Einwände sind deutlich bequemer.
Gero
Hallo zusammen,
kann nur bestätigen wie relevant dieser Artikel ist. Mein erstes Business im Studium erreichte unerwarteter Weise plötzlich mehrere hundert-tausend Euro Umsatz pro Jahr und Beamte uns vor Freude in den Himmel. Wir waren völlig unvoreingenommen und aktiv… Im Studium lernte ich Fokus, da man so wenig Zeit fürs Business hatte. Genau dieser Fokus brachte uns zum Erfolg.
Michael
Lieber Christoph,
ich kann Ihre Meinung vollkommen nachvollziehen, sicherlich haben Sie in vielen Fällen auch recht mit Ihrer Ansicht. Ich habe nun allerdings drei Jahre lang BachelorStudierende in deren Studium betreut, wobei es sich um ein naturwissenschaftliches Fach handelt und weiß deshalb durchaus, wovon ich schreibe. Durch die Umstellung vom Diplom auf den Bachelorstudiengang hat sich der Arbeitsaufwand imens erhöht. Soviel kann ich Ihnen sagen, zumal es in den neu gestalteten Studiengängen auch nicht mehr “nur” um das Bestehen von Klausuren geht, sondern auch darum, in jeder Klausur auch eine gute Note zu erreichen. Zusammengerechnet ergibt dies dann eine Berechtigung ein Masterstudium zu beginnen….(Achtung, hier der springende Punkt) oder eben auch nicht! Was das neben der Anwesenheitspflicht im Labor (Versuche kann man schlecht zu Hause machen) aber für die abendlichen/nächtlichen Lernschichten am Schreibtisch bedeutet, brauche ich wohl nicht zu erläutern. Dies führt allerdings auch dazu, dass man (immer noch bezogen auf naturwissenschaftliche Studiengänge) wenig frei verfügbare Zeit zum managen besitzt, es sich also in den meisten Fällen um kein schlechtes, sondern um ein nicht mögliches Zeitmanagement handelt. (Mal davon abgesehen, dass eine große Zahl von Studenten leider nicht mal weiß, was Zeitmanagement überhaupt bedeutet) Was allerdings andere Studiengänge anbelangt, kann ich das natürlich nicht beurteilen. Vielleicht ist es deswegen Ihrerseits auch nicht angebracht, alle über einen Kamm zu scheren. Das ist wirklich in jedem Studiengang eine andere Diskussionsbasis, die in meinen Augen angebracht wäre, da der Arbeits- und Zeitaufwand sich doch stark unterscheiden kann.
Ich persönlich habe lange überlegt, ob ich mein soziales Engagement ruhen lassen soll, aber der Dienst in einer Freiwilligen Feuerwehr ist mit zwei Stunden in der Woche nicht abgedeckt. Zumal sich die zu absolvierenden Einsätze meistens auch nicht planen lassen, wie Du Dir denken kannst. Also bringt mich ein gutes Zeitmanagement hier auch nicht wirklich nach Vorne.
Lieber Christian,
auch Ihnen gebe ich recht, mit dem was Sie schreiben. Allerdings sind die aktualisierten (naturwissenschaftlichen) Studienordnungen korsetteng geschnürt, die Schule geht leider weiter. Ich bin kein wirklich großer Freund dieses neuen Systems, denn das Wichtigste bleibt auf der Strecke. Die Möglichkeit und den Raum, sich selbst kennenzulernen, sich und andere zu entdecken und zu erfahren, was man gut kann und was nicht. In meinen Augen nimmt das neue System einem aber die Chance zu solchen Dingen und man hat keine Möglichkeit mehr, sich seine Zukunft aus den angebotenen Bausteinen selbständig und selbstbestimmt zusammen zu bauen.
Nach wie vor bin ich aber absolut fest davon überzeugt, dass soziales Engagement, insbesondere das freiwillige, der Kit unserer Gesellschaft ist. Dies fängt im Übrigen nicht erst mit der Mitgliedschaft in einem Verein/einer Organisation an, soziales Engagement beginnt damit, einer alten Frau ihre heruntergefallene Geldbörse wieder aufzuheben oder einer hilfsbedürftigen Person, auch Hilfe anzubieten.
Beste Grüße,
Michael