Ein Gastbeitrag von Heidi Assmann, Bewerbungsberaterin
„Verlassen Sie das Haus nie ohne Ihre berufliche Identität“ stand auf dem Plakat über der Couch, auf der die schluchzende junge Dame mit der leicht altmodisch anmutenden Zopffrisur saß. Maja Immendorf reichte ihrer Klientin ein weiteres Papiertaschentuch, mit dem sich die junge Frau wenig damenhaft die Nase schnaubte. „Danke“, schnüffelte sie, sichtlich um Fassung bemüht.
Maja Immendorf lächelte tapfer. In letzter Zeit hatte die Zahl der schwierigeren Fälle in der Jobvermittlung zugenommen. Maja hatte für diese Fälle ein besonderes Händchen und die Agency formerly known as Arbeitsamt wies ihr die PUR*-Klienten mit großer Erleichterung zu. Auch den anderen privaten Jobvermittlern waren „diese Figuren“ ein Ärgernis, wortwörtlich Kinderkram und peinlich obendrein. Natürlich waren diese Klienten durch ihre Geschichte in besonderem Maße in Ihrem Tun eingeschränkt, aber gerade das machte für Maja den Reiz an der Sache aus.
Sie fuhr sich mit der Hand durch ihre kurzen blonden Locken, was ihr einen leicht herablassenden Blick ihrer Klientin eintrug. Im Geiste ging sie den Lebenslauf der jungen Frau noch einmal durch: Kein Schulabschluss, keine Ausbildung, kein Führerschein.
Als Haushaltshilfe hatte sie eine Zeit lang gearbeitet, dann hatte ihre Arbeitgeberin sie entlassen. Alleinerziehend, Zwillinge im Alter von 9 Jahren. Diverse Praktika absolviert, jedoch ohne nennenswerten Erfolg. „Erzählen Sie mir bitte von Ihren Praktika“, bat sie die junge Frau – auch auf die Gefahr hin, dass noch mehr Tränen fließen sollten.
„Also, das erste Praktikum war so was von daneben. Als Erntehelferin sollte ich gehen. Na ja, ein paar Äpfel pflücken, dachte ich. Von wegen! Ausgerechnet Feldsalat! Feldsalat musste ich stechen! Können Sie sich das vorstellen?! Will sich denn keiner daran erinnern, dass bei mir das ganze Elend damit angefangen hat? Ich bin dann zu meinem Vermittler und habe gesagt, dass das nicht geht. Er hat mich von oben bis unten gemustert als wäre ich etwas, das die Katze reingeschleppt hat und hat dann gemeint, gerade ich müsste mich ja gut mit Kamm und Bürste auskennen, er hätte da was bei einem Friseur. Herrje, war das langweilig! Ich sollte mich ins Schaufenster setzen und meine Haare kämmen. Den ganzen Tag! Nach einer Woche bin ich dann gegangen. Ich bin doch nicht die Lorelei!“ Maja rückte die Schachtel mit den Papiertüchern unauffällig näher an die junge Frau.
„Aber das Schlimmste kam dann mit der Geschichte in der Lehrwerkstatt Metall. Angeblich haben wir PURs* ja alle eine besondere Affinität zu Gold, aber beim Goldschmied seien alle zehn Praktikumsplätze belegt. Nach dem Motto ‘Gold ist auch nur gelbes Metall’ musste ich in die Werkstatt. Aber nach dem schlimmen Unfall mit der Drehbank… Zum Glück liegt es in meiner Natur, dass alles schnell nachwächst.“ Unbewusst hob sie die Hand zu ihren Haaren. In Maja zog sich alles zusammen, als sie sich die Vorkommnisse zusammenreimte. Sie schüttelte den Kopf. Manchmal musste man sich schon wundern, mit welcher Wurstigkeit gerade PURs* behandelt wurden.
„Hat man Ihnen denn schon mal gesagt, dass Sie vor allem Informationen über sich selbst brauchen, um eine Stelle zu finden?“ fragte sie ihre Klientin vorsichtig. „Sie müssen im Brustton der Überzeugung einen Drei-Wort-Satz bilden können, der Sie beschreibt: ‘Ich bin Jobvermittlerin’, ist mein Satz. Kennen Sie auch Ihren Satz?
Ich möchte damit sagen, dass häufiger Umgang mit Kamm und Bürste noch lange keinen guten Frisör macht. Und nicht alle PURs* können automatisch so gut mit Gold…“
„…wie dieser hässliche Gnom. Ja, verstehe.“ unterbrach sie die junge Frau. Maja nickte und fuhr fort: „Bisher kennen Sie nur wenige Tatsachen über ihr berufliches Ich. Das sind für uns beide noch keine verwertbaren Informationen. Lassen Sie es mich mit den Worten von Dirk Montgomery erklären: „Die Tatsache, dass Natrium bei 98,5°C schmilzt, ergibt zusammen mit der Tatsache, dass Wasser bei 100°C kocht, die Information, dass man aus Natrium keine Wasserkessel herstellen sollte.
Solche Informationen ermitteln wir beide von Ihnen. Damit finden wir für Sie eine geeignete Stelle, auf die Sie sich anschließend bewerben.“ Nun hatte sie die volle Aufmerksamkeit Ihrer Klientin gewonnen.
„Ich möchte zum Beispiel wissen“, fuhr sie fort, „mit welchen Dingen Sie gerne arbeiten und mit welchen Menschen. Ob Sie im Team arbeiten oder alleine. Dann möchte ich noch wissen, in welcher Umgebung Sie arbeiten möchten und welche Belohnung neben der Bezahlung für Sie wichtig ist. Und so weiter. Das herauszufinden nimmt einige Zeit in Anspruch. Natürlich kann ich nicht direkt einen Job für Sie aus dem Ärmel schütteln, aber zumindest können wir mit diesen Angaben gezielter suchen! Also, wie sieht es aus?“
Majas kurze Rede hatte die junge Dame ermutigt und sie legte direkt los: „Hm, ich kann ganz gut einen Haushalt führen, so mit allem drum und dran“ – (in Maja wallte kurz aber heftig Neid auf) – „aber mit alten Leuten möchte ich nicht arbeiten. Ich kümmere mich gut um meine Kinder und würde auch gerne mit Kindern arbeiten. Und wenn ich nicht so verheult bin, bin ich eigentlich sehr hübsch. Vielleicht…“, in ihrer Stimme schwang ein hoffnungsvoller Unterton mit, „vielleicht könnte ich auch als Model arbeiten?“ Maja ging im Geiste ihre zugegebener Maßen kurze Liste von Fotografen und Talentscouts durch, als ihre Klientin wie elektrisiert aufsprang und „Klettern! Ja, anderen beim Klettern helfen, das kann ich wirklich gut!“ rief. Maja musste ziemlich verdutzt aus der Wäsche geschaut haben, denn die junge Frau sagte leicht schnippisch, dass „auf einen Prinzen warten“ wohl nicht zu dem zähle, was sie besonders gut könne, denn das träfe schließlich auf alle jungen Frauen zu.
Zwei Tage später vereinbarte Maja für ihre Klientin einen Probearbeitstag in dem neuen Naturklettergarten am Ort. Der Inhaber, Reiner Prinz, zeigte sich bezaubert von seiner schönen Praktikantin. „Wie passend“, dachte Maja grinsend. Irgendwie beschlich sie eine Ahnung, dass nun alles ein gutes Ende finden könnte.
Diese Ahnung bestätigte sich am folgenden Tag, als Herr Prinz sie anrief. „Danke, Frau Immendorf, ohne Sie hätte ich bestimmt keine PUR* eingestellt. Aber ohne Rapunzel hätte ich gestern ganz schön alt ausgesehen.“
„Wie meinen Sie das? Es gab doch keine Probleme?“ fragte Maja alarmiert.
„Nein, nein. Ganz anders. Sehen Sie“, berichtete er mit einer gewissen Anspannung in der Stimme, „wir hatten zur Eröffnung eine VIP-Party und eines der Kinder ist abgehauen und im Klettergarten rumgeturnt, ließ sich aber nicht anseilen. Die Eltern von dem jungen Mann hat das nicht besonders gekümmert. Natürlich saß dann ausgerechnet dieses Kind heulend in knapp sieben Meter Tiefe zwischen zwei dicken Felsblöcken und nichts ging mehr. Da schrieen die Eltern dann Zeter und Mordio. Mir wurde ganz schön warm unter der Mütze, das kann ich Ihnen sagen!
Was denken Sie, hat meine hübsche Rapunzel dann gemacht? Sie blieb ganz cool, ist fix zu den Felsblöcken geklettert, hat sich ihren Zopf abgewickelt – gute neun Meter lang, der Wahnsinn, oder? – legt ihn um einen Ast, wirft den Rest runter zu dem Jungen und zieht in hoch! Super! Genau so jemanden brauche ich. Morgen komme ich mit dem Arbeitsvertrag zu Ihnen.“
Über die Autorin:
Heidi Assmann, Jahrgang 1970 ist gelernte Bankkauffrau und hat BWL studiert. Erste Erfahrungen als Bewerbungshelferin für Kommilitonen sammelte sie während des Studiums. Seit 2004 ist sie freiberufliche Bewerbungshelferin, seit 2005 Dozentin für Menschen zwischen den Jobs im Auftrag eines Bildungsträgers und seit 2009 Beraterin für Arbeitslehre ab dem 7. Schuljahr an der Freien Montessorischule Westerwald
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