„Gähnforschung – Tipps gegen die Ansteckungsgefahr“ auf karrierebibel.de – Jeden Tag mehr Erfolg!
Anzeige

Hier könnte schon bald Ihre Werbung stehen… Melden Sie sich!

5 von Jochen Mai am 15. April 2008 → Essay in Psychologie
Diesen Artikel drucken

Gähnforschung – Tipps gegen die Ansteckungsgefahr

MüdeIch will Sie ja wirklich nicht langweilen, aber haben Sie sich schon mal gefragt, warum Sie gähnen? Ich habe gerade gegähnt. Zweimal sogar. Und jetzt wundere ich mich, wozu es gut war, die Klappe so weit aufzureißen.

So ein Gähnvorgang dauert in der Regel fünf bis zehn Sekunden. Also eine halbe Ewigkeit. Oder etwas weniger. Zuerst spannen sich Zwerchfell und etliche Muskeln von Kiefer und Nacken an. Dann kommt das Einatmen: Der Mund öffnet sich weit, die Lippen ziehen sich zurück, die Goldjackets machen blingbling, der Herzschlag beschleunigt sich und die oberen Atemwege weiten sich, so dass der Schlund auf dem Höhepunkt des Gähnens viermal so dick ist wie normal. Es entsteht ein sprichwörtlicher Deep Throat könnte man sagen. Danach folgt seliges Ausatmen. Die Muskeln erschlaffen wieder. Klappe zu. Fertig.

Interessant daran finde ich, dass das alle so tun: Menschen, Affen, Pferde, Hunde, Katzen, Ratten, Vögel, Krokodile, Schlangen, Fische. Ja, tatsächlich, auch Fische gähnen! Den Juwelen-Riffbarsch zum Beispiel (er hört auch auf den Namen Microspathodon chrysurus) kann man damit ärgern, dass man ihm die Attrappe eines Artgenossen vor die Flossen stellt. Dann verharrt der aggressive Barsch zunächst regungslos, bis er so richtig sauer wird, dann öffnet er sein Maul und gähnt den Eindringling mehrfach an. Es ist nicht bekannt, ob Barsche Mundgeruch haben. Aber häßlich sieht das in jedem Fall aus.

Apropos: Menschen gähnen besonders häufig morgens. Aber auch bei Schlafmangel, monotonem Arbeiten oder aus Langeweile (Gähnen Sie etwa gerade?!). Manche gähnen aber auch um Anspannung abzubauen: Olympioniken etwa kann man oft beim Gähnen erwischen, kurz bevor die Pistole knallt. Aber auch Kampffische tun das, kurz bevor sie angreifen.

Mit dem Alter verändert sich sogar die Gähnfrequenz. Während Kinder im ersten Lebensjahr bis zu 30 Mal täglich gähnen, tun es Ältere höchstens noch zehn Mal. Forscher aus South Carolina haben herausgefunden, dass selbst Föten im Mutterleib ab der 11. Woche gähnen können. Allerdings nicht aus Langeweile oder um Stress abzubauen, sondern weil sie so den Druck in der Lunge ausgleichen und darin angesammelte Gewebefetzen hinaus befördern.

Lange glaubten Mediziner, Gähnen diene der besseren Sauerstoffzufuhr des Gehirns. Stimmt aber nicht: Im Blut steigt so weder die Sauerstoffkonzentration noch sinkt der Kohlendioxidlevel. Es ist vielmehr ein angeborener Reflex. Wir gähnen immer dann, wenn sich die Aktivität unseres Körpers verändert. Es könnte aber auch mit dem Zuckergehalt im Blut zusammenhängen: Wenig Zucker gleich mehr Gähnen. Aber genau wissen Wissenschaftler das bis heute nicht. Auf jeden Fall wird es nicht vom Gehirn ausgelöst. Das haben die Schweizer herausgefunden: Ein Patient, der durch einen Hirntumor vollständig gelähmt war, gähnte plötzlich. Die Neurologen schlossen daraus, dass der Reflex vom Hirnstamm gesteuert wird, also dem Übergangsbereich zwischen Hirn und Rückenmark.

Wenn Tiere gähnen, hat das allerdings vor allem eine soziale Funktion: Gähnt einer, meist das Alpha-Tier, dann heißt das für den Rest der Horde: Schlafen gehen! So beobachtete der Verhaltensforscher Bertrand Deputte von der Universität Rennes, bei Makaken, dass das dominante Männchen von allen am meisten gähnte. Und das, obwohl er von allen am wenigsten zu tun hatte, der Affe!

Forscher vermuten, dass Gähnen aus diesem Grund auch so ansteckend ist (übrigens auch bei Tieren): Der Mensch sei schließlich ebenfalls ein Herdentier. In Amerika haben sie das schon Ende Achtziger Jahre untersucht, allen voran der Psychologe Robert Provine von der Universität in Baltimore. Er zeigte Probanden einen gähntechnisch veränderten Film mit 30 schnarchigen Sequenzen. Mehr als die Hälfte gähnte schon nach wenigen Sekunden (ich vermute, es war „Titanic“), die anderen Probanden fünf Minuten später (was wiederum für „Dirty Dancing“ spricht). Nur von gähnenden Zeichentrickgesichtern ließ sich niemand mitreißen (damit scheidet „Garfield“ aus).

Die Ansteckungsgefahr beim Gähnen ist jedoch enorm. Schon allein der Gedanke daran, während Sie diesen Artikel lesen, kann einen Gähnimpuls auslösen (was freilich auch an meiner Schreibe liegen könnte). Der Psychologe Andrew C. Gallup von der Universität Albany hat dafür nun herausgefunden (pdf), wie man sich vor der Ansteckungsgefahr effektiv schützen kann: Seinen 50 Probanden wurden Videos von gähnenden Menschen gezeigt, wovon sich rund die Hälfte (48 Prozent) prompt anstecken ließ. Wenn die allerdings ausschließlich durch die Nase atmeten oder sich einen kühlen Wickel von 4 Grad Celsius an die Stirn klatschten, waren sie (bis auf 9 Prozent Ausnahmen) nahezu immun gegen den solidarischen Gähnreiz. Die Schlussfolgerung daraus: Gähnen kühlt das Hirn. Da die grauen Zellen bis zu einem Drittel aller Kalorien sowie den Großteil des Sauerstoffs im Blut verbrauchen, entsteht dort viel Wärme. Beim Gähnen werde also vor allem kühle Luft angesaugt – als eine Art biologische Klimaanlage.

So gesehen gähnen Sie also nur, weil Sie dieser Artikel gerade sehr anregt und das Oberstübchen heißlaufen lässt.



Tags

Ähnliche Artikel

1. Kommentar

Andreas Reisenbauer
15.04.08 um 07:45 Uhr

Spannender Artikel, der mich an meine Schulzeit zurückerinnert. Habe mir mit meinem Sitznachbarn den Spass gemacht, alle paar Minuten ein Gähnen abzusetzen. Der Effekt: nach 15 Minuten gähnte ein Großteil der Klasse und zu guter Letzt auch noch der Professor. War ein lustiger Zeitvertreib… ;-)

2. Kommentar

Elisabeth Schöning
15.04.08 um 13:35 Uhr

:) keine schlechte Idee fürs nächste Studienseminar. Mein Dozent beschwert sich schon immer über “schwarze Löcher”, die sich plötzlich vor ihm auftun. Aber wow…ich war bisher immernoch Anhänger der Sauerstoff-Theorie. Wieder was dazugelernt. Aber vielleicht ist ja alles auch nur gähnetisch bedingt…*gähn*

3. Kommentar

Petra A. Bauer (writingwoman)
15.04.08 um 14:34 Uhr

Na toll. Ich mus wohl künftig mit Eis auf der Stirn die Nasenatmung einsetzen. Allein die Überschrift und das Foto des gähnenden Babys brachte mich dazu, mich komplett durch den Artikel zu gähnen (8 – 10 Mal).
Mich zum Gähnen zu bringen, war schon immer ein Quell der Erheiterung in meiner Familie, da ich offenbar besonders ansteckungsgefährdet bin.
Trotzdem danke für diesen Artikel *gähn*

4. Kommentar

Jochen Mai
15.04.08 um 14:39 Uhr

@Andreas: Unterricht zum Gähnen… hatte ich auch so…

@Elisabeth: Gähnen ist und bleibt eines der ungelüfteten Geheimnisse der Menschheit.

@Petra: Ich werte das mit dem Lesen+Gähnen mal als Lob – und stelle dich mir mit einem Eiswickel auf dem Kopf vor… ätsch!

5. Kommentar

Patrick
19.04.08 um 10:18 Uhr

Wirklich erstaunlich, der Artikel war sehr interessant, trotzdem musste ich 5, nein jetzt waren es 6 mal gaehnen…

Sagen Sie ihre Meinung!

Folgendes HTML ist in den Kommentaren verwendbar: <a> <em> <strong>

karrierebibel.de © 2006 - 2010 Jochen Mai

Design von kunstreich & partner