Wer stets den ganzen Kuchen für sich alleine haben will, bekommt davon nur Bauchschmerzen, lautet ein schönes Sprichwort. Ein anderes: Geben ist seliger als Nehmen. Und beide stimmen.

In den vergangenen Tagen war ich viel in Deutschland unterwegs: Hamburg, München, Rothenburg… Ich hielt einige Vorträge und Workshops, sprach viel über Social Media und wie das Internet dabei helfen kann, erfolgreicher zu werden: bei der Jobsuche, im Job, in der Selbstständigkeit, als Unternehmen. Die Frage ist berechtigt – und doch ist sie auch falsch. Denn sie legt den Fokus auf die Wirkung, nicht die Ursache.

Natürlich kann das Netz dabei helfen, erfolgreicher zu werden. Aber am besten gelingt dies über den Weg (und ich sage bewusst nicht Umweg), anderen dabei zu helfen, erfolgreicher zu werden.

Ich gebe allerdings zu, bei diesem Thema befangen zu sein. Es ist auch mein Weg, meine Erfahrung: Meine Erfolge der vergangenen Jahre basieren zum Großteil auf diesem Prinzip. Dennoch lässt sich an vielen weiteren Stellen beobachten, dass sich Großzügigkeit auszahlt.

Großzügigkeit ist mehr als ein Nebenprodukt

Großzügigkeit wird häufig als – wenn auch positives – Nebenprodukt angesehen: Einer ist ein guter Manager, ein Top-Talent, Leistungsträger, Spitzenkraft, ein exzellenter Teamplayer, sehr serviceorientiert, hilfsbereit, stressresistent, belastbar, … und, achja, … großzügig ist er auch noch! Es ist eine positive Charaktereigenenschaft, die mit Hilfsbereitschaft und Dankbarkeit auf Augenhöhe liegt. Dabei wird jedoch übersehen, wie mächtig Großzügigkeit sein kann. Geben macht eben nicht nur selig, sondern oft auch erfolgreich.

Und das auf einfache Weise: Größzügige teilen ihr Wissen und vermehren es; sie schenken Vertrauen und gewinnen Achtung; sie kooperieren bereitwillig und schaffen mehr als die Summe vieler Teile; sie geben Respekt und ernten Anerkennung; sie schenken ein offenes Ohr und erhalten Aufmerksamkeit; sie zeigen guten Willen und bekommen Unterstützung.

Bei meinen Streifzügen durchs Netz entdecke ich manchmal Blogs von Coachs und Trainern, die dort nur Binsenweisheiten posten und schnell runtergetipptes Zeugs, weil die Leser (und potenziellen Kunden) doch bitte erst einmal Mitglied im persönlichen Coachclub werden oder ein Seminar buchen mögen, damit sie den guten Stoff bekommen. Es sind billige Lockvogelangebote. Und es ist ein Riesenfehler. Schrott verschenken, um Kunden zu gewinnen – das hat noch nie funktioniert. Im Gegenteil: Die meisten Seitenbesucher denken eher: Also, wenn der nichts Smarteres zu bieten hat, als diesen Murks – warum soll ich dem dann noch meine Daten oder mein Geld hinterher werfen?!

Umgekehrt kann es enorm bereichernd sein, Besitz zu verschenken…

  • Ein Fotograf kann einen Teil seiner Bild bei Flickr und Creative-Commons-Lizenz stellen und auch zur kommerziellen Nutzung (etwa für Blogger) freigeben – und bekommt so viele Quellennachweise, Zitationen und Aufmerksamkeit.
  • Ein noch unbekannter Grafikdesigner kann im Netz Logos, Buttons oder andere Entwürfe zum Gratis-Download anbieten – und sich bei entsprechender Verbreitung so auch Agenturen empfehlen.
  • Ein Unternehmen kann Gratis-Proben eines neuen Testprodukts verteilen – um es zu verbessern, bevor es auf den Markt kommt. Nicht wenige Web-Unternehmen nutzen dieses Prinzip derart intensiv, dass der Produktest selbst zum Event wird. Denken Sie nur an Beta-Versionen und Einladungen zu solchen Tests, wie es Google erst kürzlich mit dem neuen Google+ Netzwerk gemacht hat.
  • Eine Fachkraft kann ihr Spezialwissen teilen – und über die entstehenden Diskussionen zu Fachartikeln oder -problemen neues Wissen generieren. Vielleicht sogar Lösungen, auf die sie allein nie gekommen wäre.
  • Ein Coach kann einmal in der Woche für, sagen wir, zwei Stunden individuelles Online-Coaching anbieten, anderen Menschen helfen, aber auch transparent machen, was er oder sie kann, wie sie arbeitet und nebenbei viele Empfehlungen bekommen.
  • Ein Autor kann einige seiner Bücher verschenken und so für Gesprächsstoff im doppelten Wortsinn sorgen: Die Leser reden über sein Buch – und über die noble Geste.
  • Ein Filmemacher kann auf Youtube Tutorials produzieren, wie man bessere und erfolgreichere Filme macht – samt Produktempfehlungen für Soft- und Hardware.

Denkbar ist Vieles. Und Vieles davon funktioniert erstaunlich gut und nachhaltig. Und nicht immer besteht das Ergebnis allein aus Empfehlungsmarketing. Selbst neue Geschäftsmodelle sind so schon entstanden.

Keine gute Tat bleibt unbezahlt

Denken Sie nur an die folgende Anekdote aus vergangenen Tagen: Als der Straßenhändler Ernest Hamwi auf der Weltausstellung 1904 „Fruchtcreme in Zalabias“ verkaufte, eine persische Waffelspezialität, sah er den Eisverkäufer am Nachbarstand – und dass der keine sauberen Schalen mehr für seine Eiscreme hatte.

Nun hätte sich Hamwi schadenfroh freuen und darauf spekulieren können, dass die Passanten sich nun umso mehr für seine Waffeln interessieren würden. Stattdessen aber rollte der Mann eine seiner Waffeln zu einer Tüte zusammen, gab eine Eiskugel hinein und bot das Konstrukt seinem Nachbarn als Lösung an. Voilà, durch die noble Geste hatte Hamwi nicht nur das Waffeleis erfunden, sondern wurde auch noch zu einem reichen Mann.

Ein anderes weltweit erfolgreiches Nahrungsmittel wurde auf ähnliche Weise geschaffen: Ende des 19. Jahrhunderts suchte der Schweizer Schokolatier Daniel Peter händeringend nach einem Weg, eine neue Schokolade auf der Basis von Milch zu kreieren. Er wollte so Geschmack und Textur seiner Schokolade verbessern. Doch normale Milch mischt sich nicht ohne Weiteres unter die Kakaomasse.

Glücklicherweise traf er den Apotheker Henri Nestlé, der gerade ein Milchpulver für Säuglingsnahrung entwickelt hatte – aus gesüßter Kondensmilch. Genau das war es, was Peter brauchte – und auch bekam. Seitdem erfreut sich die Menschheit an leckerer Vollmilchschokolade. Und wie reich die Hersteller damit geworden sind, muss ich Ihnen sicher nicht erzählen.

Darum geben Arme mehr

Warum sind Arme großzügiger als Reiche? Es wäre simpel zu glauben, dass die Reichen einfach nur egoistischer wären oder sich vorrangig auf ihr eigenes Wohl konzentrieren. Und es stimmt auch nicht, wie Paul Piff herausgefunden hat. Der wahre Grund sind Empathie und das Gefühl der sozialen Gruppenzugehörigkeit. Mitglieder einer sozialen Schicht identifizieren sich eher mit der Gruppe, der sie selbst angehören. Entsprechend leichter tun sich Reiche damit, kulturellen Institutionen, Hochschulen und Universitäten Geld zu spenden. Die Armen wiederum sehen in den Bettlern Menschen, die letztlich mit denselben Problemen kämpfen wie sie selbst.

Dass sich die gute Tat auszahlt, ist sogar wissenschaftlich verbürgt. Der Fachbegriff dafür lautet reziproker Altruismus, zu Deutsch: Wie du mir, so ich dir.

Der US-Ökonom Vernon Smith untersuchte dieses Verhalten bereits in den Sechzigerjahren und erhielt 2002 dafür den Wirtschaftsnobelpreis. Das Experiment, das inzwischen zu den Klassikern der Spieltheorie gehört, ging so: Seine Probanden sollten zunächst Geld in eine Gemeinschaftskasse einzahlen und den Fonds durch Geschäfte vermehren. Der Gewinn wurde anschließend an alle zu gleichen Teilen ausgezahlt. Der Clou war allerdings, dass die Teilnehmer einzahlen konnten oder auch nicht – von der Ausschüttung profitierten trotzdem alle. Klar, was jetzt passierte: Obwohl der Fonds die höchsten Gewinne erzielte, wenn alle einzahlten, gab es den höchsten Einzelprofit für egoistisches Schmarotzen. Und so spielten zu Beginn zwar noch vier Fünftel der Teilnehmer fair, zahlten ein, während der Rest frech mitkassierte. Doch die Ehrlichen waren die Dummen und verhielten sich schon bald ebenfalls eigennützig. So schmolz der Profit Runde um Runde und erreichte zum Schluss einen Tiefststand. Wie die Stimmung im Raum.

Daraufhin führte Smith Sanktionen ein. Die Mitspieler konnten Trittbrettfahrer jetzt bestrafen und vom Gewinn ausschließen. Prompt verbesserte sich das Ergebnis. Die Sanktionen sorgten für wachsendes Gemeinwohl. Der Effekt ist nichts anderes, als was wir einen guten Leumund nennen oder auch ver-gleichbar mit dem Händler-Feedback auf eBay: Nur wer fair ist und eine entsprechende Reputation besitzt, macht auch künftig gute Geschäfte. Es ist ein gerne übersehener Fakt, dass sich im Alltag Ethik und Selbstlosigkeit in Maßen auszahlen – vorausgesetzt freilich, unmoralisches Handeln wird sanktioniert.

Natürlich gibt es auch Menschen mit einem ausgeprägten Helfersyndrom. Die beraten und retten alle und überall – und manchmal meinen sie auch bloß, dass sie eine Hilfe wären. Am anderen Ende der Skala stehen jene, die nur helfen, wenn es sich für sie lohnt. Entweder leisten sie Vorschub, um sich damit über den Empfänger zu erheben oder weil sie sich für den Gefallen ein lohnendes Gegengeschäft erhoffen. Mit beiden Helfern ist einem wenig geholfen.

Allzu offensichtlicher Egoismus führt letztlich immer in die Isolation und damit ins berufliche Aus. Kaum ein Kollege wird mit einem rücksichtslosen Ellbogentyp gerne zusammenarbeiten, geschweige denn ihm vertrauen. Beides sind aber wichtige Voraussetzungen, damit Teams funktionieren.

Selbst der Florentiner Machtstratege Niccolò Machiavelli, sonst eher bekannt als Vertreter kaltschnäuziger Machtstrategien, forderte einst ungewohnt lieblich: „Ein Fürst muss milde, rechtschaffen, aufrichtig und gottesfürchtig erscheinen – und es auch sein.“

Darum: Seien Sie künftig großzügiger!