Während Sie diese Zeilen lesen, werden Sie mir irgendwann gedanklich untreu. Jetzt noch nicht. Hoffentlich. Aber später ganz bestimmt. Daran führt kein Weg vorbei. Unser Gehirn ist eben nun mal nur begrenzt aufnahmefähig und sucht immer wieder nach neuen Reizen. Solange der Text das bietet – fein. Aber wehe ich starte Ihr Kopfkino (was ja eigentlich eine gute Sache ist: Storytelling und so) – zack – schon schweifen Sie ab und Ihr Geist geht auf Wanderschaft. Bei einer Lesezeit von 45 Minuten passiert das im Schnitt bis zu 5,4 Mal haben Wissenschaftler herausgefunden.
Wer wie ich gerne und viele Bücher liest, kennt das: Erst schmökert man ganz vergnügt im Buch, die Augen flimmern nur so über die Zeilen, Seite um Seite – und auf einmal stellt man fest, dass man zwar die letzte Seite irgendwie gelesen oder überflogen hat, aber was auf der Seite stand, kann man gar nicht mehr sagen. Ja, wir haben irgendwelche Buchstabenketten gelesen, aber eigentlich waren wir mit dem Kopf und den Gedanken längst ganz woanders.
Laut Studien von Jonathan Schooler kommt das bei jedem von uns vor. Etwa 13 Prozent unserer Lesezeit schweifen wir danach ab.
Aber woran denken wir dann dabei?
Das ist – naturgemäß – recht unterschiedlich und sicher auch davon abhängig, wo wir gerade lesen. Wer beispielsweise am Strand liegt und hübschen Mädchen in knappen Bikinis beim Planschen zusieht, kommt auf andere Gedanken, als wer gerade im Büro oder Meeting hockt und zum Fenster rausschaut. Mir geht das jedenfalls so.
Aber zum Glück gibt es dazu ein paar Statistiken – auch von Jonathan Schooler -, die das Ganze etwas verallgemeinerbar machen. Demnach berichten
- 18 Prozent, dass sie beim Abschweifen eigentlich an gar nichts denken. Jedenfalls können sie sich hernach an nichts Konkretes erinnern.
- 27 Prozent denken an Umfeld spezifische Dinge: Schüler grübeln über die Schule, Arbeitnehmer imaginieren vielleicht schon den Feierabend und Strandbesucher… Sie wissen schon.
- 19 Prozent wiederum fantasieren wirres Zeug. Fragen Sie mich jetzt aber nicht, was damit gemeint ist. Wenn ich es sagen könnte, wäre es ja nicht mehr wirr.
- 11 Prozent denken über sich selbst nach.
- Und gerade mal 3 Prozent grübeln über den Stoff aus ihrem Buch und spinnen den Faden weiter.
Das alles ist übrigens völlig unabhängig davon, ob Sie gerade ein langweiliges Lehrbuch oder einen spannenden Thriller oder diesen noch viel spannenderen Blog-Artikel lesen (Hallo? Sind Sie noch da?): Unser rastloser Geist geht so oder so auf Wanderschaft. Und manchmal merken wir das erst, wenn der schon von seiner kleinen Weltreise zurück ist.
Gute Gedanken, schlechte Gedanken
Matthew Alan Killingsworth und der Sozialpsychologe Daniel Gilbert von der Harvard Universität haben vor rund zwei Jahren einmal anhand von 2250 Erwachsenen erforscht, was die so den ganzen Tag über tun und denken, insbesondere wann sie abschweiften. Die Probanden sollten das kurz per Handy mitteilen.
Dabei zeigte sich: 43 Prozent der Versuchsteilnehmer dachten dabei immerhin an positive Dinge, 27 Prozent aber auch an Negatives. Der Rest sinnierte über irgendetwas Undefinierbares. Interessant aber auch: Der einzige Zeitpunkt, beziehungsweise die einzige Gelegenheit, bei der die Probanden gedanklich nicht abdrifteten, war, wenn sie Sex hatten. Ich vermute aber, es könnte auch daran liegen, dass Sie dabei keine Lust hatten, zum Telefon zu greifen. Davon abgesehen, könnte es freilich zu atmosphärischen Störungen führen, wenn man seinem Partner und dem Prof am Smartphone mitten im Akt signalisiert, dass man gerade gedanklich ganz woanders ist.
Aber jetzt schweife ich ab…
Was ich eigentlich sagen wollte: Wenn wir beim Lesen bis zu 13 Prozent unserer Zeit auf Gedankenreise gehen, dann ist das nichts im Vergleich zu den rund 50 Prozent, die wir laut Gilbert und Killingsworth tagtäglich abschweifen.
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carstenweekly
Ich empfinde das (zumindest subjektiv) unterschiedlich. Spannende Lektüre lässt mich weit weniger abschweifen, als belanglose. Beruflicher Stress mehr, als entspannte Tage.
Solange das Gehirn ausreichend neuen Input erhält, ist die Konzentration stärker. Wir kennen das alle: ein gutes Buch hat man in zwei Tagen durch, an einem schlechten liest man Monate…
Jochen Mai
Glaub ich sofort. Diese Studien ermitteln ja auch nur Durchschnittswerte. Dass das in Einzelfällen schwankt, wird dabei immer rechnerisch nivelliert. Wobei, ich kann da aber nur für mich sprechen, mich eine gute spannende Geschichte genauso leicht ins Reich der Phantasie schicken kann wie, sagen wir, ein Kochbuch. Die Phantasien sind freilich jeweils andere. Jamjam…