Gegendarstellung-Mann-Zeigen
HR schlägt zurück - kämpferische Personaler publizieren eine Gegendarstellung zu der polemischen Geschichte von der inkompetenten Human Resources Szene, die auf Bewerbungen wochenlang nicht reagiert und Kandidaten mit sinnlosen Fragen malträtiert und von Social Media sowieso keine Ahnung hat. Im Blog meines geschätzten Kollegen Henrik Zaborowski ist gerade dieser Brief einer anonymen Recruiterin erschienen. Tenor: Bewerber sind genauso. Sie sagen Termine kurzfristig und mit fadenscheinigen Ausreden ab; Bewerber melden sich gar nicht mehr; sie verschieben Termine unendlich oft und dokumentieren so nur Desinteresse - oder sie unterschreiben den Vertrag, um ihn bald darauf wieder zu kündigen...

Die Geister, die ich rief...

Gerade zu dem letzten Punkt muss man sagen: Dafür ist die Probezeit nun mal da. Sie gilt schließlich für beide Seiten - und nicht nur für die Unternehmen.

Der entscheidende Punkt ist aber: Ich kann derart genervte Personaler zwar einerseits gut verstehen, professioneller Stil geht anders. Doch auch das gilt für beide Seiten. Wer den Bewerber 2.0 kritisiert, sollte beim Human Resource Manager 1.0 anfangen.

Oder anders formuliert: Die Geister, die ich rief...

In den vergangenen Krisenjahren zwischen 1999 und 2009 haben diverse Arbeitgeber hinlänglich und überzeugend dokumentiert, dass es Loyalität allenfalls noch in Vorstandsreden und Kamingesprächen gibt. Im Krisenfall aber gab es Sparmaßnahmen - nicht unbedingt bei den CEO-Gehältern, wohl aber beim Personal. Es wurde entlassen - mal netter, mal weniger nett und im Bedarfsfall auch ohne Rücksicht.

Im Aufschwung folgten die Spaßmaßnahmen: Prekariat, Praktika, die sich selbst verlängern wie anderswo die Abos, und statt unbefristeter Verträge gab es für den achso umkämpften Talentnachwuchs nur noch befristete Arbeitsverträge – und teils miese Einstiegsgehälter als Dreingabe.

Home-Office? Schwieriges Thema, erst mal nicht.

Auszeiten? Familienfreundlichkeit? Ja, vielleicht, aber erst nach langer Bewährungsfrist und der zweiten Verlängerung des befristeten Vertrags.

Wer so agiert, konditioniert.

Kann man alles so machen. Es bleibt aber nicht folgenlos - insbesondere nicht für die eigene Glaubwürdigkeit. Der Nachwuchs hat gelernt: Die Mär vom "Human Kapital" ist tatsächlich eine. Kapital ist man nicht mal als junges Talent, sondern höchstens eine Kostenstelle.

Loyalität, soziale Verantwortung, echte nachhaltige Personalentwicklung kennen Unternehmen allenfalls aus der Managementliteratur – oder der imagebildenden Employer-Branding-Rhetorik auf ihrer eigenen Website.

Und jetzt folgt dafür die Quittung:

Bewerber verhalten sich genau so, wie sie es vorgelebt bekommen – unverbindlich, wählerisch und opportun bis in die Haarspitzen.

Wer sich darüber beschwert, möge sich bitte zuerst an die eigene Zunft wenden – und den Anspruch vorleben, den er oder sie von anderen verlangt.

Es ist leicht, dies als respektlosen Akt einer Generation abzutun. Tatsächlich ist es schlicht eine Reaktion.

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