Die Meldung dürfte heute einige Kollegen gefreut haben: ProSiebenSat.1 schüttet unter seinen Mitarbeitern einen Jahresbonus von insgesamt 13 Millionen Euro aus, jeder Angestellte erhält 1,3 zusätzliche Monatsgehälter. Bei RTL bekommen die Kollegen indes 1500 Euro Erfolgsbonus, die Monatsgehälter wiederum sollen um 100 Euro erhöht werden. Auch auf die Gefahr hin, als Spielverderber dazustehen: Motivieren wird Letzteres kaum einen, bei ProSiebenSat.1 aber alle.
Wie ich darauf komme?
Atul Mitra, ein Management-Professor an der Universität von Northern Iowa, hat vor einiger Zeit intensiv untersucht, ab welchem Anteil eine Gehaltserhöhung motivierend, beziehungsweise demotivierend wirkt. Das Resultat war ziemlich eindeutig: Erst ab einer Gehaltserhöhung von sieben bis acht Prozent fühlen sich Mitarbeiter ausreichend gewürdigt, sodass sie sich künftig noch mehr anstrengen. Darunter hatte das Gehaltsplus allenfalls den Effekt eines Amuse-Gueules.
Dann drehte Mitra den Spieß herum und untersuchte, wie groß ein Gehaltsminus ausfallen muss, um demotivierend zu wirken. Es dürfte kaum einen verwundern, dass dieser Wert deutlich geringer ausfiel. Genau gesagt lag er bei nur fünf Prozent. Haben Arbeitnehmer fünf Prozent weniger in der Tasche als bisher, reagierten sie bereits maximal verschnupft, gedehmütigt, verärgert darauf. Und natürlich arbeiten sie danach auch prompt weniger hart und engagiert.
Apropos…
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Oliver Rumpf
Ich glaube nicht, daß man jemanden künftig zu mehr Arbeit motiveren kann weil er jetzt eine Gehaltserhöhung bekommt.
Ich finde, eine Gehaltserhöhung muss sich durch gute Leistungen (die bereits erbracht wurden) rechtfertigen und stellt (wie oben erwähnt) eine Belohung dar, wenn das Unternehmen ein gutes Ergebnis erzielen konnte weil alle (beteiligten/betroffenen) etwas dazu beigetragen haben.
Der Denkansatz von Atul Mitra (“… sodass sie sich künftig noch mehr anstrengen”) klingt so als ob jemand der eine 40 Stunden Woche hat aber bisher (aufgrund seines Gehalts) nur 38 Stunden davon arbeitet und nun bereit ist mehr zu arbeiten, weil des Gehalt steigt.
Wie sehen das die anderen?
Jochen Mai
@Oliver: Ich glaube, du bringst da einiges durcheinander – vermutlich auch, weil du es so sehen willst. Jedenfalls klingt der Kommentar ideologisch geprägt.
Zunächst einmal: Eine Prämie ist eine Belohnung. Eine Gehaltserhöhung indes dokumentiert, dass der Betreffende bisher gute und mehr Leistung erbracht hat als bisher bezahlt wurde. Da aber anzunehmen ist, dass er das auch weiterhin tut, ist die Gehaltserhöhung gleichfalls Anerkennung wie Fairnessausgleich für die Zukunft.
Der Ansatz von Mitra war – wie beschrieben – herauszufinden, ab wann das Gehaltsplus motiviert bzw. demotiviert. Mit mehr Leistung hatte das zunächst nichts tun. Das ist Folge. Aber bitte nicht mit der Ursache verwechseln. Fakt ist aber auch: Wer sich fair behandelt und bezahlt fühlt, arbeitet und leistet gern. Zumal er dann auch künftig auf eine angemessene Bezahlung hoffen darf.
Oliver Rumpf
@Jochen: Ja, da stimme ich Dir zu. Der von Dir genannte Bonus von ProSiebenSat1 ist ja eine nachträgliche Belohnung (s. mein mittlerer Absatz), der sich mit der Aussage Deines zweiten Absatzes im Kommentar deckt.
Der Ansatz von Mitra erinnerte mich an Incentive-Programme, mit denen Festangestelle Mitarbeiter im Außendienst zu mehr Leistung/Umsatz motiviert werden sollen. Für mich klingt da immer ein wenig der Gedanke mit: “Ok, nun zeigt mal was ihr wirklich könnt, auch wenn ihr euch sonst nicht voll engagiert”. Ein Mitarbeiter der dann plötzlich deutlich mehr macht/schafft gibt doch indirekt zu, daß er sonst mit angezogener Handbremse unterwegs ist. Sicherlich gilt es zu schauen, warum das so ist, aber das würde das Thema hier sprengen.
Also: Mehr Leistung die anschließend mit einem Bonus oder einer Gehaltserhöhung gewürdigt wird ist voll in Ordnung und für beide Seiten ok. Ich zweifle nur an der Startegie mancher Vorgesetzter, mit einer Gehaltserhöung “jetzt” bei den Mitarbeitern “künftig” mehr Leistung abrufen zu können. So hatte ich Herrn Mitra verstanden …
Jochen Mai
@Oliver: Das meinte ich mit “ideologisch” – das ist viel persönliche Interpretation, die das Studienergebnis so gar nicht zulässt. Man eigentlich nur nüchtern feststellen: Ab +7% wirkt die Gehaltserhöhung positiv (auch im Sinne des Arbeitgebers).
Oliver Rumpf
Na gut …
Thorsten
Hallo Herr Mai,
ich glaube, dass der Arbeitsmarkt in Deutschland jedoch grundliegend anders funktioniert als in Amerika, wo ja nach wie vor das Prinzip von “Hire and Fire” üblich ist. In Deutschland sind die meisten Arbeitnehmer zufrieden, – davon bin ich überzeugt – wenn ihre Arbeit mit einem fairen Gehalt geschätzt und gewürdigt wird. Der Verlust eines Arbeitsplatzes ist für einen deutschen Arbeitnehmer mental wesentlich dramatischer, als bei einem Amerikaner, der quasi damit aufgewachsen ist, mehrmals den Job und Aufgabenbereich komplett zu wechseln.
Deswegen bin ich mir auch sicher, dass wiederum die meisten deutschen Arbeitnehmer mit einer üblichen Gehaltserhöhung zwischen 1 und 4 Prozent überaus glücklich sind, sofern die Sicherheit des Arbeitsplatzes darunter nicht leidet.
Das Problem der Vergleichbarkeit von Arbeitsplätzen ist ja schon dadurch schwer, dass das typisch deutsche Sozialsystem in diesem Umfang kaum einem Amerikaner zur Verfügung steht.
Ich will sagen, die übliche Gehaltssteigerung in Amerika liegt ziemlich genau in diesem vom Professor genannten Rahmen, regional natürlich ebenso schwankend wie bei uns auch.
Jochen Mai
@Thorsten: Dann ist Ihre Wahrnehmung eine ganz andere als meine. Ich stimme Ihnen zwar zu, dass der Verlust des Arbeitsplatzes hier anders bewertet wird als in den USA. Aber alles unter 4% Gehaltsplus wird auch hierzulande allenfalls als Inflationsausgleich gewertet. Hinzu kommt eine deutlich andere Besteuerung hierzulande, sodass auch bei 5% nicht allzu viel beim Arbeitnehmer ankommt. Und wenn Sie sich anschauen, wo in der Vergangenheit etwa Tarifverhandlungen endeten und gleichzeitig von den Arbeitnehmern (nicht von der Politik!) als gutes Ergebnis gewertet wurden, so lag dies nie unter 4%, eher bei 5-6%.
Thorsten
Hallo Herr Mai,
danke dass Sie antworten.
Nun, in dem Punkt “4%, eher bei 5-6%” kann ich Ihnen nicht zustimmen. Sicherlich ist es bei einigen wenigen Tarifverhandlungen zu besseren Lohnsteigerungsabschlüssen gekommen (mir kommt hier spontan der Gedanke an GDL und dem Ärzteverband), die meisten Arbeitnehmer in Deutschland geben sich aber mit weitaus weniger zufrieden, sofern eine Arbeitsplatzgarantie mit abgeschlossen wird. Insbesondere der Handel ist immer wieder von geringen Gehaltssteigerungen, die kaum bis gar nicht die Inflation ausgleichen, geplagt. Das Problem hier ist aber offensichtlich durch die geringere Arbeitseintrittsbarriere gegeben, wodurch exorbitante Gehaltsforderungen schon von Seiten der Gewerkschaften nicht gestellt werden, um Arbeitsplatzverluste zu vermeiden.
Es geht mir hier ja auch gar nicht darum, den Wunsch (7%) von der Realität (1-4%) zu lösen, doch die Wahrheit ist eben eine andere. Deutschland hat sich seit Jahren in der Lohnanpassung negativ entwickelt. Und in dieser Hinsicht ist ihr Beispiel mit ProsiebenSat1 ergo RTL ja auch ganz trefflich. Einmalzahlungen wirken für einen Moment positiv – evtl. sogar berauschend -, wenn der Lohn zusätzlich doppelt oder gar 1,3fach ausgezahlt wird, trotzdem bleibt es ein Einmaleffekt. Den Lohn “nur” um 100Eur dauerhaft zu erhöhen macht auch Probleme, da, wie Sie ja auch anmerken, real kaum etwas davon übrig bleibt. Dies hat bei steigenden Gewinnen in Unternehmen auch rein gar nichts mit der von mir angedeuteten Wertschätzung zu tun, die schon in gewissen Maßen deutlich darüber liegt. Insofern möchte ich Ihnen da schon recht geben, als Sie da schrieben, ab 7% Gehaltserhöhung “wirkst” erst motivierend. Dennoch bleiben solche Reallohnsprünge in Deutschland wohl eher Utopie und gehören ins Reich der Märchen und Geschichtenerzähler – nochmal – zumindest für die Masse der Arbeitnehmer.
Hierzu mal eine Studie:
- http://www.eca-international.com/news/press_releases/7265/
Und einen Verweis auf das “Statistische Jahrbuch 2010″ :
- http://www.destatis.de/jetspeed/portal/cms/Sites/destatis/Internet/DE/Content/Publikationen/Querschnittsveroeffentlichungen/StatistischesJahrbuch/JahrbuchDownload,templateId=renderPrint.psml
Hier sollten Sie sich einmal einen Blick im Gesamt-PDF auf den Unterpunkt 21 “Verdienste und Arbeitskosten”, speziell auf Seite 537, genehmigen.
Viele Grüße und eine gute Weihnachtszeit…
Jochen Mai
Ihre Zahlen belegen Lohnfortschreibungen aber keine Zufriedenheit. Woher nehmen Sie denn die Gewissheit, dass Ihre Version die “Wahrheit” ist und Lohnsteigerungen von mehr als 4% in Reich der “Märchen” gehören? Mir fallen auf Anhieb drei Freunde ein, die in der jüngeren Vergangenheit mehr bekommen haben. Sie erinnern sich, da draußen gibt es so etwas wie einen Fachkräftemangel…
Thorsten
Tue ich gar nicht, denn “Die Wahrheit” gibt es (meist) nicht.
Ich habe ehrlich gesagt gar nicht die Lust und die Muße noch weiter so ausschweifend darauf einzugehen. Und wenn Sie meinen Kommentar von eben aufmerksam gelesen haben, werden Sie feststellen, dass ich Ihnen ja Zustimme und meine eigene Meinung von gestern in Bezug auf die motivierenden 7 Prozent tatsächlich revidiert habe. Wenn Sie von 5 bis sogar 6 Prozent Lohnzuwachs im Durchschnitt sprechen, sollten Sie dies auch belegen können. Vielleicht reden wir aber auch einfach aneinander vorbei, da mir der Kenntnisstand der Untersuchung des Professors nicht vorliegt und ich daher nur Ihren Artikel als Ausgangspunkt nehmen musste. Vielleicht ist dies der Kern? Eventuell haben Sie zu pointiert geschrieben und dadurch zu viel Raum für Interpretationen gelassen.
Dennoch – und das möchte ich deutlich vertreten – bleiben amerikanische Wissenschaftler, die den nordamerikanischen Markt untersuchen, in einer nicht allgemeingültig referierbaren Aussage hängen. Die Arbeitsmärkte sind dafür einfach zu unterschiedlich.
Als kleine nicht repräsentative Statistik und Aufheiterung, sowie Antwort auf Ihre ursprüngliche Frage im Artikel. Ich werde demnächst einen exorbitanten Gehaltssprung machen von meinem Studentengehalt zu einer Festanstellung, und das ist wirklich motivierend!
Danke & Grüße … und Ende hierdrauf…
Jochen Mai
@Thorsten: Ihren Kommentar habe ich sehr aufmerksam gelesen. Das tue ich schon aus Höflichkeit. Natürlich ist mir dabei auch aufgefallen, dass Sie mir in Teilen zugestimmt haben. Auf den Punkt mit der “Wahrheit” war ich nur deshalb gekommen, weil Sie geschrieben hatten:
So pauschel kann ich das kaum glauben. Immer wenn jemand meint, die “Wahrheit” zu kennen, werde ich sehr skeptisch. Ich bitte da um Verständnis.
Allerdings verstehe ich nicht so recht, warum Sie glauben, ich hätte “zu pointiert” geschrieben. Zunächst einmal habe ich das Ergebnis der Studie wiedergegeben. Was andere dazu interpretieren, entzieht sich meiner Verantwortung. Wenn ich etwas interpretiert hätte – ok. Aber dass Sie mir Ihre Interpretation nun unterschwellig zum Vorwurf machen, verstehe ich nicht. Aber gut, wir müssen in dem Punkt nicht einig werden.
Und zu Ihrem letzten Kommentar: Sie wollen mit mir schon wieder über Lohnveränderungen diskutieren. Den Vorwurf der Differenzierung könnte ich auch zurückgeben, denn darum geht es hier nicht. Es geht darum, ab wann eine Gehaltserhöhung motivierend wirkt. Und wie Sie mir sicher zustimmen, kann ein Gehaltsplus, das von der (tatsächlichen) Inflation aufgefressen wird, kaum motivierend sein.
Da Sie aber so darauf drängen, Zahlen zu bekommen: Hier nur zwei Pressemitteilung…
Öffentlicher Dienst bis zu 4,9%
Chemische Industrie: Zunächst Einmalzahlung von 715 Euro
Und: Nominal stiegen hierzulande die Löhne zwischen 2000 und 2009 um 10,2 Prozent – allerdings stiegen im gleichen Zeitraum die Verbraucherpreise um 15,4% (dpa vom Wochenende).
Thorsten
Jetzt muss ich doch noch einmal hierdrauf nachfragen:
“Und wenn Sie sich anschauen, wo in der Vergangenheit etwa Tarifverhandlungen endeten und gleichzeitig von den Arbeitnehmern (nicht von der Politik!) als gutes Ergebnis gewertet wurden, so lag dies nie unter 4%, eher bei 5-6%”
Wie kommen Sie auf diese Zahlen?
Vgl. hierzu:
- http://karrierebibel.de/gehaltserhoung-gehalter-steigen-um-28-prozent/
Von einem erfahrenen Journalisten wie Sie es sind und ich Sie auch schätze, hätte ich jedoch nicht erwartet mit dem Argument der “drei Freunde” zu kommen, sondern eine etwas differenzierte Wahrnehmung gehofft.
Den Fachkräftemangel indes muss mir jedoch auch erst mal jemand beweisen, denn als gut ausgebildeter Mensch hatte ich mir meinen Einstieg ins Arbeitsleben nicht so schwer vorgestellt.