9 von Jochen Mai am 1. Februar 2008 → Studie in Bewerbung

Generation Google – Schnell, aber ahnungslos

LaptopRund 40 Millionen Deutsche sind inzwischen im Netz – 64 Prozent der Bevölkerung ab 14 Jahren, so die aktuelle Erhebung „Internet Facts 2007-III“ der Arbeitsgemeinschaft Online Forschung (AGOF). Bei den 14- bis 29-Jährigen verfügen bereits 92,9 Prozent über einen Internetzugang, von den 30- bis 49-Jährigen sind es immer noch 79,3 Prozent und die über 50-Jährigen sind mit 36,4 Prozent dabei. Hauptgründe für Online-Affinität sind laut Studie:

  1. Information über Produkte
  2. E-Mail-Kommunikation
  3. Informationsrecherche

Der letzte Punkt hat es allerdings in sich. So stellt eine andere aktuelle Studie des University College London (.pdf) fest, dass die sogenannte Generation Google zwar viel im Internet recherchiert und auch weiß, wo sie suchen muss, mit der Masse der Informationen jedoch kaum umgehen kann: Inhalte werden kaum kritisch hinterfragt, analysiert oder eingeordnet. Der Effekt: Die Leute lesen zwar vieles und klicken sich so durch – sie lernen aber kaum etwas dazu.

In this report, we define the `Google generation’ as those born after 1993 and explore the world of a cohort of young people with little or no recollection of life before the web. […] Internet research shows that the speed of young people’s web searching means that little time is spent in evaluating information, either for relevance, accuracy or authority. […] Young people have a poor understanding of their information needs and thus find it difficult to develop effective search strategies. […] As a result, they exhibit a strong preference for expressing themselves in natural language rather than analysing which key words might be more effective. […] Faced with a long list of search hits, young people find it difficult to assess the relevance of the materials presented and often print off pages with no more than a perfunctory glance at them.

Die Haupteigenschaften der Generation Google sind demnach:

  1. Cut-and-Paste. Sie vervielfältigen Informationen, verlinken sie, kopieren und kommentieren sie. Aber die wenigsten gehen tiefer, recherchieren weiter, ordnen ein oder hinterfragen.
  2. Bilder vor Text. Zwar hat das geschriebene Wort auch weiterhin eine große Bedeutung. Multimediale Inhalte, insbesondere Videoclips oder Animationen, üben jedoch die größere Anziehungskraft aus.
  3. Multitasking. Soziale Netzwerke, E-Mail, Twitter, Blogs, Foren, Chat-Rooms – die Generation Google ist auf allen Informationsplätzen gleichzeitig. Der Effekt: Die durchschnittliche Zeit, in der man sich mit einer Sache beschäftigt, nimmt ab. Damit fehlt zunehmend auch die Muße, sich mit neuen Informationen, Nachrichten oder kritischen Analysen zu beschäftigen.

Das Szenario ist beängstigend. Nicht nur, weil es eine völlig neue und bedenkliche Definition von Wahrheit und Wissen erzeugt (Wahr ist, was die Masse für wahr hält, weil es sich oft genug im Netz findet. Oder kurz: Wiederholungen sind mächtiger als die Wahrheit), sondern weil sie auch zeigt, wie sehr diejenigen versagt haben, die dem hätten entgegen wirken können: Bildungsinstitutionen, Journalisten, Blogger. Vor allem diese drei Gruppen müssen sich fragen, ob sie Informationen einfach nur vervielfältigen und zu Link- und Nachrichtenschleudern mutieren oder ob sie stärker auswählen, analysieren, überprüfen, kommentieren und so ein wertvolles Informations-Gegenangebot schaffen. Ich bin davon überzeugt: Je mehr der Informationsberg wächst, desto mehr suchen die Leser nach qualitativer Auslese. Ein solches Angebot wird sich langfristig durchsetzen – dazu muss es aber auch angeboten werden. Darüber hinaus sind Schulen, Hochschulen sowie Medien genauso gefragt, für mehr Medienkompetenz im Umgang mit Webinformationen zu sorgen. Google-Treffer sind eben nicht alles.


Tags

Ähnliche Artikel
1. Kommentar

Gerhard Zirkel
01.02.08 um 12:52 Uhr

Ein noch beängstigenderer Punkt sind die ganzen Wikipedia-Fanatiker. Mittlerweile wird nahezu alles, was bei Wikipedia geschrieben steht als Wahrheit angesehen.

Bei vielen Beiträgen mag das zutreffen, aber bei ebenso vielen auch wieder nicht. Aber letztendlich wird einem ja schon in der Schule beigebracht, Informationen ungefragt zu übernehmen. Woher soll man es dann später besser können?

Gerhard Zirkel

2. Kommentar

harald_k.
01.02.08 um 13:40 Uhr

wirklich ein erschreckendes studienergebnis. ich erwische mich leider auch ab und zu dabei, schnell gegoogelte informationen als wahr bzw. richtig anzusehen. in letzter zeit allerdings, achte ich mehr darauf mehrere quellen zu sichten und auszuwerten um entscheiden zu können, wie hoch der wahrheitsgehalt ist bzw. ob die quelle seriös erscheint oder nicht…

3. Kommentar

Richard Capilano
01.02.08 um 15:49 Uhr

Sehn’Se mal, da geht es schon los mit der Ahnunglosigkeit, denn “Inhalte werden kaum kritisch hinterfragt”. Im englischsprachigen Zitat: “Die Generation Google wird definiert als die Generation, die nach 1993 geboren wurde” kann etwas nicht ganz richtig sein. Denn: Google wurde erst im September 1998 gegründet, lt. Information von Google Inc. (http://www.google.de/intl/de/corporate/), Wikipedia.org (http://en.wikipedia.org/wiki/Google) oder Reuters.com.

Vielleicht sollte der Autor des englischsprachigen Schlagworts “google generation” seinen Zeitplan noch einmal überarbeiten. Streng genommen gehören nur Menschen, die nach dem September 1998 geboren wurden, zur eigentlichen Google Generation. Die zwischen September 1993 und September 1998 geborenen könnte man ja dann als “Google Frühchen” umschreiben.

4. Kommentar

Jochen Mai
01.02.08 um 16:19 Uhr

@Richard: Unsinn. Babys von, sagen wir, sechs Monaten surfen wohl kaum im Web. Der Begriff beschreibt ja auch nicht eine Generation, die zeitgleich mit der Suchmaschine das Licht der Welt erblickte, sondern vielmehr junge Menschen, die mit dem Internet aufgewachsen sind, sozialisiert wurden und Google ist hier nur ein Synonym für eine der Hauptanwendungen des Webs. Ebenso gut hätte es auch Generation Wikipedia heißen können (das Portal ist sogar noch jünger) – aber das ist keine Alliteration und klingt auch nicht so griffig.

5. Kommentar

rainer
02.02.08 um 15:41 Uhr

Hallo, seit meiner Jugend, bin jetzt 47, habe ich immer wieder gehört, dass die heranwachsende Generation alles falsch macht, es nicht so kann wie die Vorangegangenen.
Und dann o Wunder klappt es von Generation zu Generation immer wieder dass die Bescholtenen zu Höchstleistungen auflaufen.

Zu wissen wo man suchen muss, um etwas zu finden ist eine großartige Fähigkeit und die Informationen kritisch zu hinterfragen oder richtig einzuordnen, lernen junge im Leben Leute ganz schnell, wenn sie z.B. Geld verlieren.

Was Richard anspricht ist, dass auch Anderen solche Fehler unterlaufen, deretwegen ganze Altersgruppen bedenkenlos mit einem Etikett versehen werden. Ich bin neugierig darauf, wie die Google Generation die Welt gestalten wird, wenn ihre Mitglieder an den Schalthebeln sitzen.

6. Kommentar

Jochen Mai
02.02.08 um 16:51 Uhr

@Rainer: Stimmt schon. Die Früher-war-alles-besser-Haltung ist Käse. Und auch der journalistische Reflex aus empirischen Daten gleich eine ganze Generation zu etikettieren, ist teilweise zweifelhaft: Generation X, Generation Praktikum, Generation Google… das ist eben vor allem eines: plakativ.

Und es stimmt auch, dass zu wissen, wo und wie man im Internet suchen muss, ein Teil der Medienkompetenz ist. Allerdings ist es schon bedenklich, wenn junge Leute, das, was sie im Web findet, mehrheitlich für bare Münze nehmen und über die Informationen nur noch hinwegsegeln, ohne sie wirklich zu verarbeiten. Das trifft freilich nicht nur auf die jungen Leute zu – Ältere machen das genauso. Und dagegen sollte man schon etwas unternehmen.

Ich denke da zum Beispiel an das Thema Web-Reputation, das ich hier schon öfters behandelt habe. Man stelle sich vor, irgendjemand stellt Unwahrheiten ins Netz und alle glauben das sofort…

7. Kommentar

Jürgen
13.01.09 um 14:13 Uhr

Und genau deswegen lernt man (oder sollte es zumindest) in der Schule den kritischen Umgang mit Medien. Ich selbst habe dies nicht in der Schule gelernt (besuche die 12. Klasse). Lehrer sagen hauptsächlich: “In Wikipedia steht nur schlechtes, das wollen wir bei Referaten nicht als Quellenangabe sehen”. Damit kommt man leider nicht wirklich weiter…da sich die Jugendlichen dann einfach eine andere Seite raussuchen und einfach nur das “copy-paste” verfahren anwenden.

Meine Freundin hat einen Geschichtslehrer, der seinen Unterricht auf kompetenten Umgang mit Medien spezialisiert hat. Sein Motto lautet: Informationen kann man sich beschaffen, man muss nur wissen wie. Die Folge: Alle können sehr gut aus einer großen Masse an Informationen die guten und richtigen Quellen filtern, jedoch besitzen sie nur schwache geschichtliche Kenntnisse. Der eigentliche Fakten-Unterricht fällt dabei weg.

Meiner Meinung nach sollte es schon relativ früh ein kleines Schulfach geben, dass Medienkompetenz vermitteln soll. Ob das mal so eben umzusetzen ist….

Trackbacks
Sagen Sie ihre Meinung!

Folgendes HTML ist in den Kommentaren verwendbar: <a> <em> <strong>

karrierebibel.de © 2006 - 2010 Jochen Mai

Design von kunstreich & partner