„Um das Bewerbungsfoto wird viel Bohai gemacht.“ So schrieb die Karrierebibel an anderer Stelle bereits vor mehr als zweieinhalb Jahren; dabei ging es allerdings ganz klassisch um die Auswahl des richtigen Bildes. In der aktuellen Debatte um anonymisierte Bewerbungen hingegen wird der Komplettverzicht auf Bewerbungsfotos diskutiert – dazu sollen Name, Anschrift, Religion, Geburtsdatum, Geburtsort und Familienstand aus der Bewerbungsmappe verschwinden.

Der Vorschlag stammt von der Antidiskriminierungsstelle des Bundes (ADS) unter der Leitung von Christine Lüders; die aktuellste Gegenreaktion von Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt.

Auf beiden Seiten wird stichhaltig argumentiert, wobei sich ein logischer Trend abzeichnet: Auf Unternehmerseite zeigt sich Skepsis gegenüber der Initiative, auf Bewerberseite hingegen wird der Vorstoß der ADS durchaus begrüßt. Wir fassen die wichtigsten Argumente beider Seiten noch einmal zusammen.

Die Bewerber: Vorurteilen vorbeugen!

Christine Lüders ist erst seit dem 08. Februar dieses Jahres Leiterin der Antidiskriminierungsstelle, und doch schlägt die aktuelle Initiative unter ihrer Leitung die bisher höchsten Wellen: Zusammen mit fünf internationalen Konzernen, darunter Procter & Gamble und LOréal, erprobt ihre Behörde ab diesem Herbst die anonymisierte Bewerbung. Als Hauptgrund für diesen Versuch wird die Benachteiligung von Frauen, Älteren und Menschen mit ausländischen Namen im Bewerbungsverfahren genannt.

Besonders für den letzten Punkt existieren verlässliche Untersuchungen. So fand die Universität Konstanz erst in diesem Februar heraus, dass Menschen mit türkisch klingendem Namen bei gleicher Qualifikation 14 Prozent weniger Einladungen zu Bewerbungsgesprächen erhalten – in kleineren Unternehmen gar 24 Prozent. Für Frauen existieren ähnliche Untersuchungen; teilweise ist hier von bis zu 30 Prozent benötigten Bewerbungen mehr die Rede.

Als weiteres Argument für die anonyme Bewerbung werden erfolgreiche Versuche im Ausland angebracht: In Frankreich, der Schweiz und Schweden wurde die gesichtslose Bewerbung erfolgreich erprobt; in den Vereinigten Staaten gehört sie bereits seit den 1960er Jahren zum Joballtag. Bei einer Untersuchung im schwedischen Göteborg wurden nach Einführung anonymisierter Bewerbungen deutlich mehr Frauen und Migranten zum Vorstellungsgespräch eingeladen als zuvor. Aus einem Focus-Artikel von 2006 geht zudem hervor, dass anonymisierte Lebensläufe in Großbritannien vielerorts bevorzugt werden, wobei 47 Prozent der Befragten sie für angemessen halten. In der Tschechischen Republik lag der Anteil der Befürworter bei 60 Prozent; in Belgien, Frankreich, Italien und den Niederlanden bei 30 Prozent.

Auch der bürokratische und finanzielle Aufwand für die Unternehmen sei geringer als von diesen angenommen, so Lüders: „Wenn das Vorzimmer oder eine neutrale Stelle im Unternehmen Angaben unkenntlich macht, ist das kein großer Kosten- oder Zeitfaktor“, gab sie bekannt. Bei Internetbewerbungen müssten lediglich die Onlineformulare angepasst werden.

Als letztes und möglicherweise stärkstes Pro-Argument sind die Chancen für höhere gesellschaftliche Gerechtigkeit zu nennen, die sich durch anonyme Bewerbungen ergeben. Denn selbst ein intoleranter Personaler wird seine Vorurteile hinterfragen müssen, wenn plötzlich viel mehr Ausländer zum Gespräch erscheinen – schließlich hat er sie nur nach Qualifikation ausgesucht.

Die Unternehmen: Persönlichkeit punktet!

Die meisten Unternehmen sind hingegen von den Vorteilen einer anonymen Bewerbung wenig überzeugt. Vielmehr betonen sie den wirtschaftlichen Mehraufwand: Schließlich müssen die Bewerbungen erst durch neutrale Stellen anonymisiert werden und verursachen damit im Gegensatz zu ihren persönlichen Pendants Kosten. Dieter Hundt, Präsident der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA), erklärte zudem, dass die Initiative der ADS die Vielfaltsbemühungen von Unternehmen konterkariert. Schließlich werde bereits jetzt Wert auf ausgeglichene Anstellungen gelegt.

Armin Trost, Professor für Personalmanagement in Furtwangen, verdeutlicht zudem die schwierige Umsetzbarkeit einer wirklich anonymen Bewerbung. Denn Unternehmen könnten über Umwege die persönlichen Daten erfassen: Das ungefähre Alter kann über Berufserfahrung und Zeugnisse ermittelt werden, private Aktivitäten sowie Zivil- und Wehrdienste können Aufschluss über das Geschlecht geben. Im „ungünstigsten“ Fall sei die Anonymität spätestens nach einem Kurzinterview hinfällig und das Verfahren wertlos.

Aus rechtlicher Sicht werden Unternehmen bereits an gezielter Diskriminierung gehindert: Durch das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG) von 2006 sind Benachteiligungen wegen Herkunft, Geschlecht, Religion, Behinderung, Alter oder der sexuellen Identität ohne rechtliche Konsequenzen weitgehend unmöglich. Uneinsichtige Arbeitgeber werden ihre ewiggestrige Einstellungspolitik auch durch anonyme Bewerbungen nicht ändern. Auch für Bewerber ist die verschärfte Rechtslage schon heute ein Nachteil: Wirklich ehrliches Feedback nach einer Absage ist heute eine Ausnahme, die viele Unternehmen eher als unnötiges Risiko ansehen. Dies würde durch die anonyme Bewerbung noch verstärkt.

Fundamentale Kritik wird auch an der Antidiskriminierungsstelle selbst geübt: Der Düsseldorfer Wirtschaftsprofessor Justus Haucap gibt an, dass der deutschen Wirtschaft nach einer Studie mehr als 1,7 Milliarden Euro Mehrkosten für Bürokratie durch das AGG entstehen. Auch die ADS ist mit 2,8 Millionen Euro im Jahr nicht gerade kostengünstig. Kritiker sehen in der Initiative nur einen geschickten Marketing-Schachzug, um der Behörde einen Sinn zu geben und bei den Wählern positiv aufzufallen.

Die große Stärke der aktuellen Bewerbungsform ist aus Unternehmersicht der vollständige Überblick, den ein Bewerber damit vermitteln kann. Auch älteren Menschen und Ausländern wird in der Bewerbung die Chance gegeben, die persönliche Eignung für eine Stelle herauszustellen und auch soziale Kompetenzen zu betonen. Vorurteile können so schon in der Bewerbungsmappe ausgeräumt werden. Eine großflächige Initiative wäre damit wertlos.

Persönliches Fazit: Untersuchung unterstützen.

Systemkritiker könnten es glatt als ironisch ansehen, dass die häufig als „gesichtsloses Management“ abgestempelten Unternehmensführer die anonyme Bewerbung größtenteils ablehnen. Andererseits ist es auch interessant, dass der Vorstoß zur anonymen Bewerbung ausgerechnet von der Politik kommt. Deren Vertreter „bewerben“ sich schließlich äußerst häufig mit Images und Schlagwörtern bei der Öffentlichkeit – hier wird keineswegs ausschließlich Wert auf Qualifikationen gelegt.

Aus meiner Sicht sind die Perspektiven beider Seiten nachvollziehbar, die Begründungen sinnvoll. Gegen die eigentliche Initiative an sich ist jedoch bei genauer Betrachtung überhaupt nichts einzuwenden: Schließlich sind es nur fünf Konzerne, die auf freiwilliger Basis (!) ein neues Bewerbungssystem ausprobieren möchten. Die dadurch gewonnene Praxiserfahrung wird jede vorher ausgesprochene Mutmaßung nichtig machen – was zählt, sind die messbaren Vor- und Nachteile des anonymen Bewerbungsverfahrens. Die Ergebnisse des Testlaufs werden sicherlich ihren Weg an die Öffentlichkeit finden – warten wir’s ab.