Man muss das deshalb ganz deutlich und am Anfang erwähnen, weil es sonst falsch verstanden werden kann: In einem Rechtsstaat gilt – zum Glück – jeder solange als unschuldig bis seine Schuld bewiesen ist und er von einem Gericht ordentlich verurteilt wurde. Noch ist Klaus Zumwinkel also unschuldig – auch wenn die Staatsanwaltschaft gestern seine Villa und sein Büro wegen des Verdachts auf Steuerhinterziehung durchsucht hat.

Aber allein, dass es überhaupt Anlass zu diesem Verdacht gibt, wirft (wieder einmal) ein ganz fahles Licht auf die Wirtschaftselite dieses Landes. Es nährt erneut das Misstrauen gegen die Manager und schürt den Argwohn gegen die Raffgier und Verantwortungslosigkeit derer da oben.

Bei allem, womöglich sogar berechtigten, Fingerzeigen auf andere, stellt sich aber doch auch die Frage: Wie kann es immer wieder dazu kommen? Warum lassen sich Menschen – und eben nicht nur Top-Manager – dazu verleiten, sich über die Regeln des Anstandes hinweg zu setzen? Und zwar ganz unabhängig vom System.

„Wer gierig ist, wird Sklave eines Triebs, der den Verstand ausschaltet“, erkannte einst Sigmund Freud. Und die Gier herrscht heute überall. An der Börse. In den Banken. Beim Glücksspiel. Im Büro: Wer dabei erwischt wird, nicht zwischen Mein und Dein unterscheiden zu können, bei der Spesenabrechnung zu schummeln oder bestechlich zu sein, fliegt meist fristlos. Oft geht es dabei um Summen, für die es nicht lohnt, Kopf und Kragen zu riskieren. Es geht um Kopierpapier, Filzschreiber oder Rumpsteaks. Warum dieser Leichtsinn? Warum diese Wahrnehmungsverschiebung?

Dieter Frey ist Professor für Sozialpsychologie an der Uni München und vermutet dahinter das Prinzip der gelernten Sorglosigkeit. Das geht so: Erst klaut einer ein paar Kugelschreiber, dann nimmt er Druckerpatronen mit, schließlich lässt er den ganzen Drucker mitgehen. Und weil das niemand merkt und kontrolliert, wird der Umgang mit Firmeneigentum immer großzügiger, bis die Grenze zur Untreue überschritten ist. Diebstahl war es freilich schon bei der ersten Druckerpatrone.

Ganz oft steckt dahinter aber auch Neid: Die Leute sehen den Reichtum ihrer Kollegen oder den ihrer Kunden oder Chefs und wollen auch ein Stück vom Kuchen abhaben. Erst nur eins, dann immer mehr. „Wir denken selten an das, was wir haben, sondern immer nur an das, was uns fehlt“, monierte schon Arthur Schopenhauer. Alle paar Jahre ein neues Auto, das neuste Handy oder anderen Elektroschnickschnack, um mit dem Nachbarn mitzuhalten – das setzt uns nur unter zerstörerischen Druck. Je zahlreicher solche Vergleichsoptionen, desto unerreichbarer werden sie – und desto unglücklicher wird der Mensch. Neid essen Seele auf.

Nach Freys Erkenntnissen steigert sich dieses Verlangen (und Versagen) in vier kleinen Schritten, die für Sie vielleicht auch so eine Art Selbsttest sein können: Kommt Ihnen ein Punkt bekannt vor? Dann sind Sie auf dem besten Weg, sich selbst zu belügen oder gar Ihren Job zu gefährden:

  1. Das tut doch jeder! Klingt gut, ist aber nur eine dumme Ausrede. Erstens, weil es wahrscheinlich eben nicht jeder tut; zweitens, weil das die Sache keineswegs legaler macht. „Haltet die anderen Diebe!“, ist keine kluge Ausflucht. Ebenso wenig der Hinweis: Wer ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein und so. Weshalb zum Beispiel auch der Vergleich mit exorbitant hohen Managergehältern im Ausland hinkt. Entscheidend ist nicht, wie unanständig andere sind, sondern wie anständig man selbst bleibt.
  2. Es steht mir zu! Auch dieser Punkt wird übrigens ganz oft im Zusammenhand mit der Gehälterdebatte angeführt. Er findet sich aber auch im Kleinen: Sie haben sich zwei Monate intensiv um ein Projekt gekümmert, bis in die Puppen geschuftet, unbezahlte Überstunden geleistet und dem Unternehmen am Ende sogar ein deutliches Umsatzplus beschert. Also was ist dagegen schon eine läppische Packung Kopierpapier, die Sie Ihren Kindern zum Malen mitnehmen? Gute Frage. Denn wenn das stimmt, dann fragen Sie doch einfach Ihren Chef, ob Sie das dürfen. Vielleicht schenkt er Ihnen noch eine zweite Packung dazu. Vielleicht aber auch nicht.
  3. Die wissen nicht, was sie an mir haben! Wer so denkt, leidet höchstwahrscheinlich an Hybris – im Fachjargon auch kognitive Dissonanz genannt. Wer hart arbeitet, viel leistet, darf sich etwas gönnen. Kurze Erholungspausen, ein Plausch mit Kollegen – all das ist okay. Bedenklich wird es, wenn solche Konversationen zur Arbeitsflucht ausarten und Sie beginnen, während der Arbeitszeit privaten Geschäften nachzugehen. Ein Indiz kann aber auch sein, wenn Sie sich Sonderrechte herausnehmen, die Sie womöglich gar nicht haben. Den Dienstwagen für Urlaubsreisen zu nutzen etwa. Oder Pausen unmäßig zu verlängern.
  4. Der Ehrliche ist der Dumme! Das stimmt zwar ganz oft, rechtfertigt aber weder Betrug noch Vorteilsnahme. Egal, wie ungerecht es in einem Unternehmen zugeht, egal wie sehr Sie sich ausgebeutet und wenig wertgeschätzt fühlen – selbstständig für Ausgleich zu sorgen, ist noch viel dümmer. Es ist womöglich lediglich eine virtuose Umschreibung für Diebstahl. Oder Steuerhinterziehung. Und Selbstjustiz bleibt in einem Rechtsstaat nun mal illegal.

Wie Sie sich vor diesem Selbstbetrug schützen können? Durch kritische Selbstreflexion. Indem Sie sich selbst an die Kandare nehmen und sich guten Freunden anvertrauen, die Ihnen einen Spiegel vorhalten. Sie schärfen das Bewusstsein darüber, was geht und was nicht.