„Je weiter man aufsteigt, desto einsamer wird man. Muss das so sein?“

„Zu einem gewissen Grad: ja. Mitarbeiter begegnen ihren Vorgesetzten nun mal nicht mit derselben Offenheit wie ihren Kollegen. Das ist zum einen Selbstschutz, schließlich gilt es das Image eines Leistungsträgers zu erhalten. Da kann man nicht einfach sagen, dass man seinen Job gerade unglaublich öde findet oder soeben Mist gebaut hat. Zum anderen lehrt die Erfahrung, dass Chefs sich zwar mehr Offenheit wünschen, damit aber nur selten umgehen können. Die Mehrheit hält es mit Mark Twain: Ich mag Kritik, aber ich muss damit einverstanden sein.“

„Also ist die sprichwörtliche Einsamkeit an der Spitze ein evolutionäres Ereignis?“

„Nein. Man kann durchaus etwas dagegen unternehmen.“

„Was denn?“

„Zuerst musst du an dir selbst und deinem Umfeld arbeiten. Wer sich nur mit Ja-Sagern und Groupies umgibt, darf sich nicht wundern, wenn er von Katastrophen erst Wind bekommt, wenn der Tanker schon halb voll Wasser gelaufen ist. Die Dynamik, dass nur noch Erfolge vermeldet und Pannen möglichst verschwiegen werden, lässt sich nur dadurch aufhalten, dass man einerseits die Überbringer schlechter Nachrichten nicht bestraft – es sei denn, sie überbringen ihre Kunde zu spät – und zusätzlich mehr selbstbewusste, smarte und eigensinnige Kollegen um sich schart. Je bunter, quirliger und kompetenter die Truppe, desto besser. Kritiker sind zwar lästig und brauchen mehr Fürsorge, entdecken aber auch Fehlentwicklungen meist früher und bewahren davor, Trendblasen aufzusitzen.“

„Und das reicht?“

„Es ist ein Anfang. Er hat etwas damit zu tun, den Kontakt zur Basis nicht zu verlieren. Den hält die Basis aber nicht von sich aus. Dafür ist jeder Chef selbst verantwortlich. Das ist keine Bring-, sondern eine Holschuld. In den Neunzigerjahren gab es dafür den schönen Begriff Managament by walkaround – sprich: Verlass dein Büro, sprich mit den Mitarbeitern und bitte nicht nur mit jenen auf der Teppichetage. Wobei sprechen eigentlich falsch ist. Zuhören ist viel wichtiger! Dasselbe gilt übrigens auch für die Kunden.“

„Und wenn ich mir all das anhöre, werde ich weniger einsam sein?“

„Sicher nicht sofort. Und eine gewisse Isolation an der Spitze bleibt immer. Schließlich müssen Manager manchmal auch unbequeme Entscheidungen treffen und werden dafür sicher nicht bejubelt. Die Grundhaltung etabliert aber eine Kultur der Offenheit, des Querdenkens und des ehrlichen Miteinanders. Dazu gehört etwa auch, die Mitarbeiter in die Verantwortung zu nehmen, selbst bessere Vorschläge zu machen. Der Job des Managers ist dann, diese Vorschläge zu hinterfragen und auszuwählen. So entsteht am Ende eine Vision, die von der Mehrheit getragen wird, für die sie sich engagiert und den Chef als integralen Bestandteil des gesamten Unternehmens sieht – und nicht nur als Deckel oben auf dem Topf.“