Großzügigkeit: Besser geben als nehmen
Wer stets den ganzen Kuchen für sich alleine haben will, bekommt davon nur Bauchschmerzen oder aber auch Geben ist seliger als Nehmen - beide Sprichwörter zum Thema Großzügigkeit stimmen. Denn auch wenn verschiedene Faktoren, wie beispielsweise Social Media oder ein starkes Netzwerk, den eigenen Erfolg beeinflussen können, wird ein Weg häufig übersehen: Anderen bei deren Erfolg behilflich sein! Großzügigkeit zahlt sich aus und somit ist nicht nur sprichwörtlich Geben besser als Nehmen...

Großzügigkeit: Mehr als nur ein Nebenprodukt

Großzügigkeit wird häufig als - wenn auch positives - Nebenprodukt angesehen: Jemand ist ein guter Manager, ein Top-Talent, Leistungsträger, Spitzenkraft, ein exzellenter Teamplayer, sehr serviceorientiert, hilfsbereit, stressresistent, belastbar, ... und, achja, ... großzügig ist er auch noch! Es ist eine positive Charaktereigenenschaft, die mit Hilfsbereitschaft und Dankbarkeit auf Augenhöhe liegt. Dabei wird jedoch übersehen, wie mächtig Großzügigkeit sein kann. Geben macht eben nicht nur selig, sondern oft auch erfolgreich.

Und das auf einfache Weise: Größzügige teilen ihr Wissen und vermehren es; sie schenken Vertrauen und gewinnen Achtung; sie kooperieren bereitwillig und schaffen mehr als die Summe vieler Teile; sie geben Respekt und ernten Anerkennung; sie schenken ein offenes Ohr und erhalten Aufmerksamkeit; sie zeigen guten Willen und bekommen Unterstützung.

Dabei sind die Beispiele, bei denen Großzügigkeit belohnt wird, wirklich zahlreich:

  • Ein Fotograf kann einen Teil seiner Bild bei Flickr und Creative-Commons-Lizenz stellen und auch zur kommerziellen Nutzung (etwa für Blogger) freigeben - und bekommt so viele Quellennachweise, Zitationen und Aufmerksamkeit.
  • Ein noch unbekannter Grafikdesigner kann im Netz Logos, Buttons oder andere Entwürfe zum Gratis-Download anbieten - und sich bei entsprechender Verbreitung so auch Agenturen empfehlen.
  • Ein Unternehmen kann Gratis-Proben eines neuen Testprodukts verteilen - um es zu verbessern, bevor es auf den Markt kommt. Nicht wenige Web-Unternehmen nutzen dieses Prinzip derart intensiv, dass der Produktest selbst zum Event wird. Denken Sie beispielsweise an Beta-Versionen und Einladungen zu solchen Tests.
  • Eine Fachkraft kann ihr Spezialwissen teilen - und über die entstehenden Diskussionen zu Fachartikeln oder -problemen neues Wissen generieren. Vielleicht sogar Lösungen, auf die sie allein nie gekommen wäre.
  • Ein Coach kann einmal in der Woche für, sagen wir, zwei Stunden individuelles Online-Coaching anbieten, anderen Menschen helfen, aber auch transparent machen, was er oder sie kann, wie sie arbeitet und nebenbei viele Empfehlungen bekommen.
  • Ein Autor kann einige seiner Bücher verschenken und so für Gesprächsstoff im doppelten Wortsinn sorgen: Die Leser reden über sein Buch - und über die noble Geste.
  • Ein Filmemacher kann auf Youtube Tutorials produzieren, wie man bessere und erfolgreichere Filme macht - samt Produktempfehlungen für Soft- und Hardware.

Wer war Ihnen gegenüber großzügig?

Es ist selbstverständlich gut, wenn Sie in Sachen Großzügigkeit mit gutem Beispiel voran gehen. Doch sicherlich haben auch Sie anderen Menschen manches zu verdanken. Wenn Ihnen auf Anhieb niemand einfällt, können die folgenden Fragen Ihrem Gedächtnis auf die Sprünge helfen.

  • "Ich hätte es nie dahin geschafft, wo ich heute bin, ohne _______________________."
  • "Ich bin _______________________ sehr dankbar für seine Förderung."
  • "Dass ich der bin, der ich bin, verdanke ich vor allem _______________________."
  • "Mein bester Lehrer war _______________________."

Diese leicht modifizierten Fragen stammen aus dem Buch The Power of Nice von Linda Kaplan Thaler und Robin Koval. Füllen Sie die Lücken mit den Namen, die Ihnen einfallen und Sie werden feststellen, dass die Autoren mit Ihrer These richtig liegen: Keiner kommt vollkommen allein voran.

Großzügigkeit: Beispielhafte Erfolgsgeschichten

Ollyy/shutterstock.comSollten Ihnen die bisherigen Ideen zu theoretisch gewesen sein, gibt es auch sehr schöne Beispiele, wie großzügige Gesten tatsächlich zu großem Erfolg geführt haben. Eine davon ist die folgende Anekdote:

Als der Straßenhändler Ernest Hamwi auf der Weltausstellung 1904 "Fruchtcreme in Zalabias" verkaufte, eine persische Waffelspezialität, sah er den Eisverkäufer am Nachbarstand – und dass der keine sauberen Schalen mehr für seine Eiscreme hatte.

Nun hätte sich Hamwi schadenfroh freuen und darauf spekulieren können, dass die Passanten sich nun umso mehr für seine Waffeln interessieren würden. Stattdessen aber rollte der Mann eine seiner Waffeln zu einer Tüte zusammen, gab eine Eiskugel hinein und bot das Konstrukt seinem Nachbarn als Lösung an. Voilà, durch die noble Geste hatte Hamwi nicht nur das Waffeleis erfunden, sondern wurde auch noch zu einem reichen Mann.

Auch ein anderes weltweit erfolgreiches Nahrungsmittel wurde auf ähnliche Weise geschaffen: Ende des 19. Jahrhunderts suchte der Schweizer Schokolatier Daniel Peter händeringend nach einem Weg, eine neue Schokolade auf der Basis von Milch zu kreieren. Er wollte so Geschmack und Textur seiner Schokolade verbessern. Doch normale Milch mischt sich nicht ohne Weiteres unter die Kakaomasse.

Glücklicherweise traf er den Apotheker Henri Nestlé, der gerade ein Milchpulver für Säuglingsnahrung entwickelt hatte – aus gesüßter Kondensmilch. Genau das war es, was Peter brauchte – und auch bekam. Seitdem erfreut sich die Menschheit an leckerer Vollmilchschokolade. Und wie reich die Hersteller damit geworden sind, müssen wir Ihnen sicher nicht erzählen.

Warum sind Arme großzügiger als Reiche?

Es wäre simpel zu glauben, dass die Reichen einfach nur egoistischer wären oder sich vorrangig auf ihr eigenes Wohl konzentrieren. Und es stimmt auch nicht, wie Paul Piff herausgefunden hat.

Der wahre Grund sind Empathie und das Gefühl der sozialen Gruppenzugehörigkeit. Mitglieder einer sozialen Schicht identifizieren sich eher mit der Gruppe, der sie selbst angehören. Entsprechend leichter tun sich Reiche damit, kulturellen Institutionen, Hochschulen und Universitäten Geld zu spenden. Die Armen wiederum sehen in den Bettlern Menschen, die letztlich mit denselben Problemen kämpfen wie sie selbst.

Gute Taten zahlen sich aus: Wie du mir, so ich dir

Ollyy/shutterstock.comTatsächlich ist es wissenschaftlich bewiesen, dass gute Taten sich positiv auswirken. Der Fachbegriff dazu lautet reziproker Altruismus oder zu Deutsch: Wie du mir, so ich dir!

Der US-Ökonom Vernon Smith untersuchte dieses Verhalten bereits in den Sechzigerjahren und erhielt 2002 dafür den Wirtschaftsnobelpreis. Das Experiment, das inzwischen zu den Klassikern der Spieltheorie gehört, ging so:

Die Probanden sollten zunächst Geld in eine Gemeinschaftskasse einzahlen und den Fonds durch Geschäfte vermehren. Der Gewinn wurde anschließend an alle zu gleichen Teilen ausgezahlt. Der Clou war allerdings, dass die Teilnehmer einzahlen konnten oder auch nicht – von der Ausschüttung profitierten trotzdem alle.

Klar, was jetzt passierte: Obwohl der Fonds die höchsten Gewinne erzielte, wenn alle einzahlten, gab es den höchsten Einzelprofit für egoistisches Schmarotzen. Und so spielten zu Beginn zwar noch vier Fünftel der Teilnehmer fair, zahlten ein, während der Rest frech mitkassierte.

Doch die Ehrlichen waren die Dummen und verhielten sich schon bald ebenfalls eigennützig. So schmolz der Profit Runde um Runde und erreichte zum Schluss einen Tiefststand. Wie die Stimmung im Raum.

Die Wirkung von Sanktionen

Daraufhin führte Smith Sanktionen ein. Die Mitspieler konnten Trittbrettfahrer jetzt bestrafen und vom Gewinn ausschließen. Prompt verbesserte sich das Ergebnis. Die Sanktionen sorgten für wachsendes Gemeinwohl.

Der Effekt ist nichts anderes, als was wir einen guten Leumund nennen oder auch vergleichbar mit dem Händler-Feedback auf eBay: Nur wer fair ist und eine entsprechende Reputation besitzt, macht auch künftig gute Geschäfte.

Es ist ein gerne übersehener Fakt, dass sich im Alltag Ethik und Selbstlosigkeit in Maßen auszahlen – vorausgesetzt freilich, unmoralisches Handeln wird sanktioniert.

Allzu offensichtlicher Egoismus führt letztlich immer in die Isolation und damit ins berufliche Aus. Kaum ein Kollege wird mit einem rücksichtslosen Ellbogentyp gerne zusammenarbeiten, geschweige denn ihm vertrauen. Beides sind aber wichtige Voraussetzungen, damit Teams funktionieren.

Darum das eindeutige Fazit: Seien Sie großzügiger, um erfolgreicher zu werden!

Selbst der Florentiner Machtstratege Niccolò Machiavelli, sonst eher bekannt als Vertreter kaltschnäuziger Machtstrategien, forderte einst ungewohnt lieblich: "Ein Fürst muss milde, rechtschaffen, aufrichtig und gottesfürchtig erscheinen - und es auch sein." Wie wahr, doch zuweilen sollte auch Großzügigkeit zu den Eigenschaften zählen.

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