Wer schreibt, der bleibt. Eine sicherlich wahre Redensart. Aber auch eine, die klug übersieht, dass Schreiben nicht immer nur Vergnügen ist. Geschrieben zu haben, ja, das ist Genuss, Erleichterung, Erbauung. Aber noch Schreiben zu müssen, kann zur elend langen Qual werden. Das leere Papier, der leere Bildschirm sind dann wie höhnende Fratzen, die jedes gedachte Wort, jeden Satzansatz verleumden und sie anmaßenden Türstehern gleich aus Prinzip zurückweisen: „Du kommst hier nicht rein!“

Schreibblockade nennen Profis das. Trotzdem kennt sie jeder: Schüler vor dem nächsten Aufsatz, Studenten vor der Hausarbeit, Projektverantwortliche vor dem Bericht, Redner vor der Präsentation, Journalisten vor dem Artikel, Blogger, Autoren, Dichter, selbst die Verfasser von Liebesbriefen. Und um es gleich zu sagen: Schreibblockaden sind wie Herpes – ganz heilen lässt sich der Infekt nie. Aber die Symptome lassen sich gelegentlich lindern.

Deswegen schreibe ich heute aus dem Nähkästchen, wie manche Profis ihre Schreibhemmungen überwinden. Es sind die Ratschläge, die mir wohlmeinende Kollegen vor Jahren schon anvertraut haben, die ich hier und da aufgeschnappt habe – und natürlich jene, die mir selbst manchmal helfen, leere Seiten sinnvoll zu füllen.

  1. Mittendrin anfangen. In Journalistenschulen lernt man: Jeder Text beginnt mit einem guten ersten Satz. Den schreibe zuerst, dann den zweiten, und so weiter. Dumm, wenn einem der gute erste Satz partout nicht einfallen will. Moderne Textverarbeitung hat hier eine großartige Lösung geschaffen: Beginne einfach mittendrin! Viele Kollegen schreiben erst einmal auf, was ihnen wichtig für die Story ist und sortieren das dann später. Sie bauen ihre Text und schreiben sie nicht in einem durch. Natürlich löschen sie manches davon auch wieder, weil im ersten Wurf nur Sprachkrebs herausgekommen ist. Aber die Technik hilft: Auf dem Bildschirm steht etwas. Und wenn der erste Gedanke erst einmal fixiert ist, folgt bald darauf oft der nächste.
  2. Abschalten. Vor allem Störfaktoren, wie Telefon, Posteingangston, laute Geräusche, Flurgespräche. Die stören immer beim Schreiben. Ziehen Sie sich dazu lieber zurück, schließen Sie die Büro- oder Zimmertür, nehmen Sie sich ein paar Minuten, um sich zu entspannen (auch um den Druck, jetzt sofort etwas Druckbares schreiben zu müssen, rauszunehmen), und dann beginnen Sie einfach mit einem ersten Satz. Wie gesagt: Es muss nicht der erste im späteren Text sein.
  3. Adressieren. Drauflosschreiben hilft, erzeugt aber selten, die Texte, die hinterher veröffentlicht werden. Das liegt unter anderem daran, dass mancher Autor seine Leserschaft gar nicht kennt und adressiert. Beides ist aber entscheidend: Schreiben ist schließlich Kommunikation. Stellen Sie sich also – durchaus bildhaft – vor, wem Sie diese Zeilen schreiben, was Sie ihm oder ihr erzählen und wie Sie das Interesse Ihres Publikums wecken wollen: Was sind deren Bedürfnisse, Probleme? Nur eines sollten Sie nicht: Sich dabei kontrolliert fühlen oder die Sorge vor der späteren Bewertung pflegen. Das wäre kontraproduktiv.
  4. Einlesen. Schreiben ist wie Musikmachen: Viele müssen sich erst einmal eingrooven. Je nach Textart oder Stil hilft, sich vorab mit ein paar großartigen Artverwandten auseinanderzusetzen, also formvollendete Texte samt deren vorbildlicher Architektur schmökern. Lesen bildet nicht nur, es belebt ebenso den Geist und löst Blockaden.
  5. Warmschreiben. Das Ganze funktioniert auch anders herum: Wer regelmäßig und viel schreibt, hat in der Regel seltener Schreibhemmungen oder Angst vor der leeren Seite – seine Erfahrung spricht dagegen und gibt ihm genug Selbstvertrauen. Wer also nicht gerade ein reinkarnierter Textgenerator wie Robert Basic ist, kann, bevor er sich an den Haupttext wagt, zumindest ein paar kleinere Spontantexte verfassen und sich so warmtippen. Die Technik eignet sich freilich auch als Fingerübung.
  6. Ort wechseln. Texte zu Papier zu bringen, ist zur Hälfte Handwerk und Routine. Probleme bereitet allerdings die andere, bessere Hälfte: die kreative Kunstfertigkeit. Wem die Worte auf der Zunge verdorren bevor sie notiert sind, kann entweder weiter grübeln oder den Ort wechseln. Tatsächlich ist es so, dass räumliche Veränderungen unseren Geist beflügelt. Und WLAN und Laptops machen es einem heute nun wirklich leicht, inspirierende Ort aufzusuchen: Straßencafés, Bibliotheken, Museen, Bars, Parks, …
  7. Mut zur Imperfektion. Nullfehlertoleranz können sich allenfalls Götter leisten. Wer auf Anhieb den perfekten Text schreiben will, verzettelt sich unweigerlich in Details. Effekt: Der Artikel wird nie fertig und immer schlechter. Detailliebe führt nur zu einem Tunnelblick. Schreiben Sie lieber erst auf, was Ihnen und wie es Ihnen in den Sinn kommt. Umformulieren, korrigieren und feilen können Sie an den Textbausteinen hinterher immer noch.
  8. Gliedern. Manchmal hilft schon, den geplanten Text in Teilabschnitte zu zerlegen, um sich einen Überblick zu verschaffen und das Ganze logisch zu gliedern. Mindmaps, aber auch lineare Listen können dazu wunderbare Werkzeuge sein. Zwischenüberschriften aber auch.