Wir alle brauchen unseren Schlaf, um klarer zu denken, den Psychomüll zu entsorgen, schneller zu reagieren und Neues zu lernen. Nun gibt es Menschen, die legen sich abends einfach in ihr Bett, murmeln vielleicht noch ein „Gute Nacht“, drehen sich zur Seite und schlafen sofort ein. Kein nächtlicher Harndrang. Kein schnarchgestörtes Erwachen. Keine Albträume. Am nächsten Morgen wachen sie einfach auf, sind ausgeruht, fröhlich, leistungsfähig und putzmunter. Ich bewundere und beneide diese Leute – ich bin oft die anderen.
Wie mir geht es vielen Deutschen. Schlafen ist für sie Schwerstarbeit. Rund 42 Prozent der Deutschen haben Probleme damit, 15 Prozent sogar behandlungsbedürftige Schlafstörungen. Vor allem die 35- bis 55-Jährigen (65 Prozent) plagt die Insomnia – und damit ausgerechnet jene, die im Beruf täglich gefordert sind. Diese Leute leiden an erhöhter Wachsamkeit. Bis Eins laborieren sie an ihrer Bettunruhe und probieren alle möglichen Schlafpositionen durch. Um Zwei sind sie bereits Großhirte und hüten eine 1367 Lämmer umfassende Schafherde. Kurze Whiskyverklappung um Drei. Anschließendes Wälzen bis Vier. Und morgens reicht schon wenn Nachbar seinen Lumpi in aller Herrgottsfrühe Gassi führt oder jugendliche Testosteronjunkies vor der Tür zu laut knutschen – schon fahren sie aus dem Schlaf hoch. Immerhin: Manche trösten sich über ihren nächtlichen Wachdienst mit einem unwiderstehlichen Schlafzimmerblick hinweg.
Es ist bis heute eines der ungelösten Menschheitsrätsel, warum die einen sofort wegnicken, sobald sie die Augen zuklappen, während andere lebhaftig leiden. Auch die Wissenschaft weiß wenig darüber. Allenfalls unterscheidet sie zwischen drei besonders rastlosen Typen:
Aber auch das raubt vielen den Schlaf: Schnarchen. Rund 20 Prozent der Erwachsenen rasseln und röcheln in der Nacht. Mit zunehmendem Alter sogar noch mehr. Ab 60 Jahren schnarchen etwa 60 Prozent der Männer und 40 Prozent der Frauen. Nicht selten geschieht dies in einer Lautstärke von bis zu 100 Dezibel, lauter als ein vorbeifahrender LKW. Das Schnarchgeräusch selbst entsteht meist in Rückenlage. Weil die Wangenmuskeln erschlaffen, sinkt erst der Unterkiefer herab. Dann verengen sich die Atemwege, und bei jedem Luftholen fangen Gaumensegel, Zäpfchen, Rachenwand und Kehlkopfdeckel an zu vibrieren. Dicke Menschen schnarchen übrigens wirklich häufiger. Das liegt daran, dass das Volumen von Bauch und Zunge korreliert. Je dicker die Zunge, desto weniger Luft kommt durch den Hals. Auch Rauchen fördert die nächtliche Rodung von Traumwäldern. Wer raucht, regt die Schleimproduktion der Nase an. Weil dann nachts die ganze Rotze den Rachen blockiert, müssen Raucher verstärkt durch den Mund atmen. Vielleicht sollte man das auch mal auf die Zigarettenpackungen schreiben: Rauchen bringt Sie um… den Schlaf.
Schnarchen ist gefährlich. Bei manchen Menschen kommt es in der Nacht sogar zum temporären Ausfall der Luftversorgung. In extremen Fällen kann es dabei zu 2- bis 4-minütigem Atemstillstand kommen. Schlafapnoe nennt der Fachmann das, und es tritt bei etwa fünf Prozent der Bevölkerung auf – vor allem bei Männern mittleren Alters. Das führt dann zu Sauerstoffmangel in der Nacht und Müdigkeit wie Konzentrationsstörungen am Tag. Zudem pumpt der Körper während der Atemaussetzer jedes Mal Unmengen Adrenalin ins Blut, eine Art Notfallprogramm, um sich vor dem drohenden Erstickungstod zu retten. Auch das wirkt erholsamem Tiefschlaf entgegen. Dagegen hilft nicht viel. Zumal viele eine Mischung aus allen diesen genannten Typen sind.
Mir begegnen allerdings immer wieder auch Menschen, die stolz erzählen, dass sie nur vier oder fünf Stunden Schlaf brauchen. Deren Tag hat 20 aktive Stunden, vier Stunden mehr, um Dinge zu regeln, Zeugs zu erledigen, was weg zu schaffen. Wie gemein, denken viele. Zog mich früher auch runter. Finde ich heute unterhaltsam. Vielleicht gibt es solche Stehaufmännchen wirklich, vielleicht sind sie gedopt, vielleicht ist es auch nur Dünkel. Auf jeden Fall wäre es idiotisch, dem nachzueifern.
Der Mensch braucht seinen Schlaf. Nachweislich. Für Randy Gardner war es damals nur ein Schulprojekt, eine Art Selbstversuch: Das Leben ohne Schlaf. Elf Tage blieb der 17-Jährige nonstop wach. Am zweiten Tag sank die Konzentration, am dritten wurde er quarrig, am vierten hielt er ein Schild für eine Person. Das war 1963. Seitdem gab es immer wieder Versuche, wie lange wohl ein Mensch ohne Schlaf auskommen kann. Der Rekord liegt angeblich bei 266 Stunden und wurde 2007 vom Briten Tony Wright aufgestellt. Chapeau! Tiere sterben, wenn man ihnen chronisch den Schlaf entzieht. Ratten schon nach 28 Tagen. Beim Menschen geht das in der Regel nicht besser aus. Wer etwa an Fatal Familial Insomnia leidet, einer Erbkrankheit, kann eines Tages nicht mehr schlafen, fällt nach ein paar Monaten ins Koma und stirbt. Forscher wissen heute: Wer jede Nacht weniger als vier Stunden schläft, stört die Ausschüttung wichtiger Hormone, wie Cortisol, Melatonin, Leptin oder Prolactin. Das Immunsystem wird geschwächt, die Menschen altern schneller und werden krank.
Eine Studie von Virginie Godet-Cayré vom Centre for Health Economics and Administration Research in Frankreich zeigte, dass Bettflüchtige öfter kränkeln und häufiger auf der Arbeit fehlen als Durchschläfer: Wer nachts nicht zur Ruhe kam, blieb im Schnitt 5,8 Tage im Jahr zu Hause, die ausgeschlafenen Kollegen dagegen nur 2,4 Tage. Fahrlässig mit seinem Schlaf umzugehen, hat seinen Preis: Schon eine Stunde Schlafmangel kann unsere Reaktionsgeschwindigkeit drastisch senken, wir treffen langsamer und schlechtere Entscheidungen und gehen höhere Risiken ein. Auch unsere Beziehungen leiden darunter. Studien belegen, dass chronischer Schlafmangel, Bluthochdruck, Herzkrankheiten und Depressionen auslösen kann.
Umgekehrt sind die Segnungen eines gesunden Schlafs genauso unterfüttert. Schlafen macht schlau und kreativ. Zudem ist die Nachtruhe ein regelrechter Schlankmacher. Der Grund dafür ist die Ausschüttung des Hormons Leptin. Das drosselt den Hunger. Schläft man zu wenig, erhält der Körper zu wenig davon und bekommt vermehrt Appetit. Wie die Mediziner Steven Heymsfield und James Gangwisch herausfanden, führt schon eine einzige Stunde weniger Schlaf zu messbaren Gewichtsunterschieden. Zudem haben Kurzschläfer häufig einen erhöhten Ghrelin-Wert. Auch dieses Hormon macht Hunger und kann sogar eine veritable Adipositas auslösen. Und Psychologen der Uniklinik Regensburg haben sogar einmal festgestellt, dass Kurzschläfer doppelt so häufig in unteren Gehaltsgruppen verweilen wie Langschläfer. Tja, manche verdienen Ihr Geld eben doch regelrecht im Schlaf.
Im Ernst: Zu viel Schlaf – das weiß man inzwischen ebenso – ist allerdings auch nicht gesund. Die Psychologin Petra Hasselbach sagt, dass Langschläfer ein um 140 Prozent erhöhtes Risiko haben, früher zu sterben. Entscheidend für die Schläfersterblichkeit sind angeblich ebenfalls Hormone. Wenn Sonnenlicht auf die Netzhaut unserer Augen fällt, versiegt der Strom des Nacht- und Müdigkeitshormons Melatonin. Zu viel davon ist offensichtlich ungesund. Denn wer länger schläft, bekommt zu wenig Licht ab und verändert so seinen Hormonhaushalt. Bekräftigt wird dieser Befund durch Forschungsarbeiten an der britischen Warwick Medical School, die dazu über 10.000 britische Beamte in zwei Zeitperioden untersuchten: zwischen 1985 und 1988 sowie zwischen 1992 und 1993, Ergebnis: Diejenigen, die nachts (!) länger als acht Stunden schliefen, hatten ein doppelt so hohes Risiko in den nächsten Jahren an Herz-Kreislauf-Erkrankungen zu sterben als jene, die ihren Schlaf auf täglich sieben Stunden limitierten.
Na dann, gute Nacht!
1. Kommentar
Gerhard Zirkel
06.01.09 um 20:51 Uhr
Schlaflosigkeit ist ein ernstes Problem heutzutage. Rund ein Drittel meiner Klienten im privaten Bereich kommen zu mir wegen Schlafproblemen. Oft genügt es, ihnen eine für sie passenden Schlafumgebung zu schaffen, so manche Wohnung (insbesondere Neubauten) haben allerdings so gravierende strukturelle Mängel dass sich fast nichts machen lässt – das könnte man natürlich auch vorher analysieren – wenn man will.
Das Schlimme an Schlafproblemen sind die gravierenden Auswirkungen auf Privat- und Berufsleben. Karriere mit Ringen unter den Augen ist schwierig.
Gerhard Zirkel
2. Kommentar
Thomas Schulze
07.01.09 um 10:31 Uhr
Tja, schlafen konnte man nun genügeng, vor allem in Bayern und Ba-Wue, wir hatten ja auch noch den Feiertag gestern.
Aber ab jetzt wird wieder der Finanzkrise 2.0 entgegen gewirkt! In diesem Sinne ein tolles Jahr 2009 vom Spirofrog-Team aus München
3. Kommentar
Rocko
08.01.09 um 12:41 Uhr
Echt interessantes Thema. Ich kenn viele mit Schlafproblemen, die meisten sind Frauen. Ich hoffe, dass es bald möglich ist diese Probleme zu beheben. Ein wirklich leidvolles Thema. Vieles liegt sicher auch daran, dass der psychische Stress definitv in der heutigen Welt immer stärker zunimmt.
4. Kommentar
Thorsten
09.01.09 um 15:48 Uhr
Ich habe auch ein paar Jahre damit Probleme gehabt. Durch einen abendlichen Eiweißdrink mit Tyrosin, Tryptopan usw. konnte ich auf einmal durchschlafen. Das beinflusst die Ausschüttung einiger Botenstoffe im Hirn. Mit der Kombination warme Milch mit Honig und Eiweißpulver mit Vanillegeschmack bastel ich mir meinen Schlaftrunk.
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